Testfahrt im schnellsten Auto der Welt Bugatti war gestern. Jetzt kommt der Rimac Nevera

Auf der Rennpiste demonstriert der 2000-PS-Sportwagen Rimac Nevera die Überlegenheit des Elektroantriebs. Eine irre Spielerei, natürlich, aber es steckt mehr dahinter.
Rimac Nevera: »Hoffnungslos übertrieben und unnütz«

Rimac Nevera: »Hoffnungslos übertrieben und unnütz«

Foto: KL-Photo / Rimac

Der erste Eindruck: Leider Keil! Der Nevera sieht aus wie viele andere Supersportwagen: Breit, flach und mit all den Spoilern und Schwellern – nur der fehlende Auspuff hebt ihn aus dem Feld von Ferrari und Co. heraus.

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Rimac Nevera: Das stärkste Elektroauto der Welt

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Das sagt der Hersteller: »Hoffnungslos übertrieben und unnütz«, nennt Firmenchef Mate Rimac seinen Karbon gewordenen Traum. Der Wagen markiert den vorläufigen Höhepunkt einer steilen Karriere. Sie hat den Kroaten in zehn Jahren vom Nobody zum Freund vieler PS-Topmanager gemacht. Er hilft Männern wie VW-Chef Herbert Diess und Porsche-Boss Oliver Blume bei der Wende zur E-Mobilität.

Der Nevera indes bedient allein die niederen Instinkte. »Wir wollten zeigen, was technisch möglich ist. Und natürlich ein bisschen Spaß haben«, sagt der 33-Jährige. Rimac hat seine Karriere als Rennfahrer begonnen und bezeichnet sich noch immer als Petrolhead. Er gewinnt dem V8-Motor in seinem BMW M5 genauso viel ab wie dem E-Antrieb im Nevera. Der ist für ihn deshalb das Äquivalent zum Pferd: »Kein Beitrag zur Massenmobilität, sondern ein Freizeitvergnügen für wenige.«

Doch in dem Tiefflieger steckt auch Hintersinn: »Das Auto ist ein Schaufenster für alles, was wir bei Rimac können«, sagt der Firmenchef. Als rollender Werbeträger soll der Nevera Industriekunden überzeugen. Seine Technik könnte ganz gewöhnliche Fahrzeuge schneller, sparsamer oder sicherer machen – in abgespeckter Form.

Das ist uns aufgefallen: Es braucht nur ein Zucken im rechten Fuß, dann bringt der Nevera ein Weltbild ins Wanken. 1,4 Megawatt Leistung und das kumulierte Drehmoment von einem Dutzend VW Golfs katapultieren das Auto dem Horizont entgegen. Der Fahrer reißt den Mund auf, schnappt nach Luft und krallt sich ins Lenkrad. Noch bevor er zu Atem kommt, stehen mehr als 300 km/h auf dem digitalen Tacho. Das Ende der Startbahn auf dem abgesperrten Flugfeld kommt bedrohlich nahe.

In weniger als zwei Sekunden von 0 auf 100 km/h, die Viertelmeile in kaum mehr als neun Sekunden und beim Kick-down bis zu 412 km/h schnell. Das alles in absoluter, gespenstischer Ruhe. Wer geglaubt hat, ein Bugatti Chiron oder eine Boeing 747 böten das maximale Beschleunigungserlebnis, lernt hier dazu. Der Nevera lässt erahnen, wie sich Beamen anfühlen könnte. Jeder Lamborghini wirkt lahm dagegen, jeder Porsche ohnehin.

Neue Maßstäbe setzt der Rimac auch beim Handling. Der Wagen balanciert die Kraft perfekt zwischen Bug und Heck aus, zwischen der kurvenäußeren und -inneren Seite. Dies gelingt, weil jeder Motor einzeln angesteuert werden kann und der Supercomputer im Heck schneller rechnet als die meisten anderen Chips im Auto. Das Ergebnis ist ein schier narrensicheres Fahrverhalten. Und das wird mit jedem Dreh am Regler für die unterschiedlichen Drivemodes aggressiver. Dass der Nevera 2,2 Tonnen wiegt und fast fünf Meter lang ist, hat der Fahrer bald vergessen. Handlich wie ein alter Mini fühlt sich die Flunder an, mit dem Antrieb eines Space Shuttles. Selbst im Drift lässt sich der Tiefflieger über den Asphalt treiben. Weil Rimac seine Karriere als Driftracer begonnen hat, war dieser Fahrmodus für ihn eine Herzensangelegenheit.

Seine andere Seite zeigt der Nevera wenig später auf der Landstraße. Dort rollt er dahin wie ein Gran Turismo. Da klingeln die Ohren nicht von Gebrüll aus den Zylindern wie in einem handelsüblichen Supersportwagen, die Knochen schmerzen nicht vom Kampf mit der Mechanik. So ergibt es Sinn, dass die Kroaten für lange Reisen die bislang größte Batterie aller E-Autos eingebaut haben (Kapazität: 120 kWh), sie verspricht mehr als 500 Kilometer Reichweite.

Das muss man wissen: Seinen Namen hat der Nevera von einem Wetterphänomen an der kroatischen Küste. Das kommt aus dem Nichts – und wirbelt den Tag als perfekter Sturm gehörig durcheinander. Dazu ist das Auto ebenfalls problemlos in der Lage.

Rimac setzt dabei auf technische Daten, die den Nevera zum Supertrumpf in jedem Autoquartett machen. Die zweimal 200 kW und 280 Nm im Bug sowie die je 500 kW und 900 Nm im Heck addieren sich zu bislang unerreichten Werten von 1400 kW oder 1912 PS und 2360 Nm. Der Akku mit seinen gut 7000 Zellen lädt schneller als jeder andere – mit 500 kW. Es gibt allerdings noch keine Ladesäulen, die diese Leistung liefern können, räumt Rimac ein. Ziehen die Energieversorger nach, ist der Akku in 19 Minuten zu 80 Prozent wieder voll.

Die Konstruktion hält einen weiteren Superlativ parat. Das in einem Stück gebackene Karbonchassis ist größer als bei jedem anderen Straßenmodell. Zudem lässt sich der Nevera als erstes Auto mit Gesichtserkennung öffnen und starten – es sind mehr als ein halbes Dutzend Kameras verbaut.

Die Produktion des Nevera beginnt im Sommer in einem ehemaligen Einkaufszentrum bei Zagreb. Im nächsten Jahr soll sie auf den 200 Millionen Euro schweren Rimac Campus umziehen. Der ist inspiriert von der Apple-Zentrale in Cupertino sowie der Autostadt in Wolfsburg und umfasst Biobauernhof, Hotel und Rennstrecke. Die Montage-Crew wird etwa eine Woche pro Auto brauchen. In den nächsten drei Jahren soll sie maximal 150 Exemplare zum Preis von 2,4 Millionen Euro aufwärts bauen. Später soll es den Nevera auch als Roadster geben, lässt der Firmenchef durchblicken. Parallel baut er noch ein sogenanntes Rolling Chassis für Pininfarina pro Woche. Das ist das Grundgerüst aus Karbonstruktur, Akku und Antrieb, über das die Italiener dann die Karosserie ihres Battista stülpen.

Hersteller:

Rimac

Typ:

Nevera

Karosserie:

Coupe

Motor:

vier Elektromotoren

Hubraum:

0 ccm

Leistung:

1400 kW/1912 PS

Drehmoment:

2360 Nm

Getriebe:

Eingang-Automatik

Antrieb:

Allrad

Von 0 auf 100:

1,9 Sek.

Höchstgeschwindigkeit:

412 km/h

Reichweite WLTP:

550 km

Batteriekapazität:

120 kWh

Kraftstoff:

Strom

CO2-Ausstoß:

0 g/km

Gewicht:

ca. 2200 kg

Länge/ Breite/ Höhe:

k.A.

Preis:

2,4 Millionen Euro

Das werden wir nicht vergessen: Die Stille nach den irrwitzigen Beschleunigungsfahrten. Wo bei konventionellen Supersportwagen oft minutenlang die Lüfter laufen, Bremsen und Auspuffrohre knistern und es nach heißem Öl und verbranntem Gummi riecht, steht der Rimac auf dem Rollfeld, als wäre nichts gewesen.

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