Fahrbericht Royal Enfield Classic 500 EFI Chrome Volle Entschleunigung!

Wer mit einer Royal Enfield unterwegs ist, sollte seine Vorstellung vom sportlichen Motorradfahren zu Hause lassen. Und endlich mal wieder genießen.

Jochen Vorfelder

Der Markt mit Retro-Motorrädern boomt. BMW, Triumph und andere Hersteller bedienen die Kunden mit immer weiteren Heritage-Modellen, die allesamt Neubauten sind und unter ihrem traditionellen Look modernste Technik tragen. Es gibt da aber noch einen anderen Hersteller, der Retro-Motorräder par Excellence baut. Und zwar seit mehr als 50 Jahren. Nahezu unverändert und ununterbrochen.

Vor mir steht eine Royal Enfield Classic 500 EFI Chrome. "Fahren Sie mal los, reden können wir immer noch am Abend", hatte mir der Royal Enfield-Importeur geraten. Und während er mir den Zündschlüssel in die Hand drückte, von einem Ohr zum anderen gegrinst.

Lag es an der Freude über die schlanke Einweisung? Für dieses Motorrad aus Indien braucht man nämlich kein Elektronik-Briefing vom Berater. Das Bike ist technologisch völlig aus der Zeit gefallen. Die Armaturen: nur Starter, Blinker, Licht, für heutige Verhältnisse nackt. Keine hintergrundbeleuchteten Wippschalter für LED-Menü-gesteuerte Einstelloptionen, keine mehrstufige Traktionskontrolle, keine Fahrmodus-Selektion. Ride-by-Wire? Natürlich nicht, hier betätigt man noch den Bowdenzug.

Der moderne Oldtimer

Die Royal-Enfield-Motorräder, die von der KSR Group in Krems an der Donau nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich importiert werden, sind wirkliche Klassiker. Die Blaupausen für die Modelle Bullet, Classic und Continental stammen ursprünglich alle noch aus englischer Feder: 1901 wurde bei Royal Enfield das erste Motorrad gebaut; die klassischen Bullet-Einzylinder kamen ab 1955 dann aus indischer Lizenzproduktion. In England ist Royal Enfield längst Geschichte, in Indien aber moderner denn je: Im Jahr 2000 wurde eine neue Fabrik eröffnet - im Werk nahe der indischen Großstadt Chennai können bis zu 150.000 Motorräder pro Jahr gefertigt werden.

Die Maschinen selbst wurden in den vergangenen fünfzig Jahren sanft modernisiert: Irgendwann kam vorne eine Scheibenbremse hinzu und seit 2005 sitzt die Schaltung links. Seit 2008 erfüllt der EFI-Motor (Electronic Fuel Injektion) mit der Einspritzanlage die Euro-3-Abgasnorm. Der Importeur verspricht, dass die aktuellen Classic-Modelle zukünftig mit ABS ausgerüstet und pünktlich für Euro-4 fit gemacht werden.

Getriebegehäuse nach alter Väter Sitte
Jochen Vorfelder

Getriebegehäuse nach alter Väter Sitte

Also doch Moderne im klassischen Gewand? Mitnichten. Bei der Classic 500 EFI sind Kurbelwellen- und Getriebegehäuse weiterhin aus verchromten Heavy Metal; der gerippte Zylinder mit dem massiven Ventilkopf hat immer noch die Form, die dem Geschmack von Motorradbauern der Fünfzigerjahre entsprach. Aus dem letzten Jahrhundert, so hört man gelegentlich, sollen auch die Fertigungsqualität und das Durchhaltevermögen sein: Bei der aktuellen Classic 500 EFI kann ich das nicht nachvollziehen, aber ein einziger Fahrtag ist ja auch kein Dauertest.

Einfache Lösungen statt Hightech

Auf jeden Fall ist bei diesem Motorrad alles auf Halt gebaut: einfachste Lösungen statt Hightech, dicke Stahlbleche statt Karbon, groß dimensionierte Schrauben und Rahmenrohre statt Titan, eine Lampe wie ein Suchscheinwerfer. Das Ding ist so voluminös, dass Kilometerzähler und Tachometer mit einem rotem Zeiger locker in das Lichtgehäuse passen. Hinter dieses Ensemble mit dem ausladenden Lenker schwingt man sich nicht einfach auf die Sitzbank, sondern man thront im Schwingsattel mit den verchromten Spiralfedern.

Analoge Uhrensammlung der Royal Enfield. Bildschirm: Fehlanzeige.
Jochen Vorfelder

Analoge Uhrensammlung der Royal Enfield. Bildschirm: Fehlanzeige.

Eine Royal Enfield definiert sich nicht über das, was sie zum Fahrbetrieb mitbringt, sondern über alles, was ihr fehlt. Man kann tatsächlich einfach aufsteigen, starten, lostuckern. Die Beschleunigung der Enfield Classic ist, wenn man aktuelle Serienmotorräder gewöhnt ist, ein Witz. Schon bei der ersten leichten Anhöhe auf den Straßen der Wachau in Österreich kommt der fünfte Gang an seine Grenzen, es knackt vernehmbar im Gebälk beim Runterschalten. Der Gangwechsel nutzt aber bei 27 verfügbaren Pferdestärken nicht wirklich viel; die Tachonadel zittert sich runter von stolzen 80 km/h auf magere 60.

Dazu rüttelt und stampft der Einzylinder. Die Mechanik der unten liegenden Nockenwelle, der langen Stößelstangen und der Ventile verkündet, dass hier Technik sehr hart daran arbeitet, 175 Kilo plus Fahrer zu bewegen und auf geschätzte 4000 Umdrehungen zu kommen - so genau kann man es nicht wissen, denn einen Drehzahlmesser gibt es nicht.

Die "Grüß Gott!"-Maschine

Man braucht ihn auch nicht. Die Töne aus dem Motor signalisieren präzise genug, wann die Zeit für den nächsten Schaltvorgang gekommen ist - die Royal Enfield ist mehr Traktor als Nähmaschine. Sie könnte mit ihrem dumpf klöppelnden "Pött-Pött" durchaus für Gänsehaut sorgen, wenn der Auspuff nicht gemäß der europäischen, sondern der indischen Spezifikation ausgelegt wäre.

Überhaupt das "Pött-Pött": Beim lustigen Kariolen durch die Wachau verändert eine Royal Enfield Classic nicht nur ihren Verbrennerton, sondern auch die Wahrnehmung des Fahrers. Je länger das Rütteln anhält und das Viertaktklöppeln mit jedem Kilometer mehr in ein indisches Meditations-Mantra übergeht, desto wohliger losgelöst werden die Gedanken des Fahrers.

Ja, Geschwindigkeit ist offensichtlich nicht alles. Auf der Classic nimmt man Bilder wahr, die mit 20 oder 30 km/h mehr garantiert ungesehen vorbeirauschen würden. In der Ferne am Horizont, ist das wohl schon Maria Laach am Jauerling? Und der alte Herr da im Garten, sind das Tomaten, die er da pflückt? Jedenfalls hat er uns nahen gehört, hebt den Kopf, und winkt freundlich und wohlwollend mit dem Stock. Aha, zwei Oldtimer grüßen sich. Mit einem Supersportler wäre das nicht passiert.

Zurück in Krems wartet KSR-Pressemann Stephan Schmatz. Er grinst noch immer, und ich weiß jetzt auch, warum. Er sagt, dass man für die Royal Enfields gute Perspektiven auf dem deutschen Markt sehe. "Klassischer als eine Enfield ist ja wohl keine andere Marke," freut er sich über den Retro-Trend. Aber eine Enfield ist definitiv mehr als ein Trend. Ihre wahre Entschleunigung ist ein rarer Luxus.

Fahrzeugschein
Hersteller: Royal Enfield
Typ: Classic 500 EFI Chrome
Karosserie: Motorrad
Motor: Einzylinder-Viertaktmotor
Getriebe: 5-Gang Schaltgtriebe
Hubraum: 499 ccm
Leistung: 27 PS
Drehmoment: 41 Nm
Höchstgeschw.: 120 km/h
Gewicht: 175 kg
Preis: 5.999 EUR


insgesamt 93 Beiträge
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Seite 1
Fritz.A.Brause 31.10.2016
1.
Liebe Leute! Es were ganz erfrischend, wenn bei den Technikartikeln auch nur ein Schein technischen Sachverstands durch den journalistischen Lack Blitzen würde.
jufo 31.10.2016
2. ganz schön teuer
immerhin hat sie Scheibenbremsen. Ansonsten ein, wie sie schreiben, herbes Vergnügen.
Oloid 31.10.2016
3. Genießen mit Helmpflicht?
Seit Einführung der Helmpflicht ist man beim Motorradfahren seiner Sinne beraubt. Nix sehen, nix hören, nix spüren. Das einzige was noch Spaß macht ist Beschleunigung. Da wird gemütliches blockern eher zur Qual ...
werner-xyz 31.10.2016
4. zu extrem
ja die Enfield ist ein Oldscool Bike par excellence, aber mit Ihren 27 PS doch arg untermotorisiert. Es muss nicht immer ein Supersportler sein, aber fürs flotte Cruisen fehlt da halt was. War erst gestern mit meiner KLR 650 (Bj. 88) unterwegs, da muss man auf der Landstraße keinen Supersportler fürchten. Gerade bei etwas schlechteren Straßenverhältnisse reichen die 48PS locker aus um mitzuhalten, solange es genug Kurven gibt. Erlebe es leider sehr oft, dass sich Leute, recht schnell nachdem sie den Führerschein haben, direkt irgendeinen aktuellen Mordsbrummer kaufen, und dann mit der Leistung und dem Gewicht völlig überfordert sind. Die sind dann nur auf der Autobahn schnell.
fatherted98 31.10.2016
5. Schade nur...
...das die Qualität so schlecht ist...ansonsten wäre das ne schöne Sache.
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