Autogramm Seat Ibiza Smartphone mit Motor

Kommoderes Fahrwerk, neues Cockpit, sparsamere Motoren - verblasst alles, sobald man im aufgefrischten Seat Ibiza das neue Infotainment-System ausprobiert. Noch nie war ein Modell der Marke derart nerdig wie dieses.

Seat

Der erste Eindruck: Wir kennen uns doch? Stimmt - beim Design des Ibiza hat Seat nichts geändert.

Das sagt der Hersteller: "Der Ibiza ist das meistverkaufte Modell von Seat", sagt Firmenchef Jürgen Stackmann. Mehr als fünf Millionen Ibiza-Typen wurden seit 1984 verkauft. Man habe sich deshalb viel Mühe beim Facelift gegeben, sagt Sven Schawe, der bei Seat die Gesamtfahrzeugentwicklung leitet. "Wir haben keine Änderungen um der Änderungen Willen vorgenommen, sondern das Geld dort angelegt, wo die Kunden etwas davon haben." Das bedeutet: Das renovierte Auto sieht zwar aus wie das bisherige, es fühlt sich jedoch besser an und setzt beim Infotainment sogar neue Maßstäbe.

Das ist uns aufgefallen: Vergessen Sie das nun etwas komfortabler abgestimmte Fahrwerk und die neue elektrische Servolenkung, die mehr Agilität ins Spiel bringt. Verschwenden sie keinen Blick auf das schickere Cockpit und fragen Sie nicht nach den mit Blick auf die Euro-6-Norm optimierten oder gleich ganz ausgetauschten Motoren. All das ist gut und schön und üblich bei einer Modellpflege; doch im Fall des Ibiza wird all das zur Nebensache, sobald man ein Android-Smartphone mit dem neuen Full-Link-System verbindet und auf dem großen Touchscreen herumzuspielen beginnt.

Denn Full-Link spiegelt mithilfe von Apple CarPlay, Android Auto und Mirror Link nicht nur die Oberflächen der meisten Smartphones auf das autointerne System und macht so die Bedienung des Infotainments auch während der Fahrt zum Kinderspiel - der Sprachsteuerung von Siri und Co. sei Dank. Sondern in der Android-Welt erlaubt das gemeinsam mit Samsung programmierte System auch eine bislang ungekannte Personalisierung. Man kann eigene Bildschirmhintergründe hochladen, man kann die sogenannten Widgets zum Start der einzelnen Funktionen beliebig anordnen und vor allem kann man eine persönliche Gestensteuerung programmieren.

Im Video: So funktioniert die persönliche Gestensteuerung

Dafür muss man nur einen beliebigen Buchstaben, eine Ziffer oder eine geometrische Figur auf den Touchscreen zeichnen und mit einem Menü-Befehl verknüpfen. Danach kann man mit diesem Fingerzeig sofort die gewünschte Funktion aktivieren. Mitten über die Musikauswahl ein Herz gezeichnet, schon beginnt die Navigation mit der Zielführung zur Liebsten; ein O könnte den Anruf bei Oma starten und mit einem simplen Punkt könnte man das System zum Beispiel ausschalten.

Wer sich daneben tatsächlich noch für die Fahrzeugtechnik interessiert, kann mit der App in der Rubrik Tracks obendrein einzelne Routen aufzeichnen und am Ziel die Telemetriedaten analysieren oder auch ins Diagnose-System schauen, den Status aller wichtigen Komponenten checken und im Zweifel online die passenden Werkstattangebote einholen.

Allein diese Seat-App dürfte für Nerds schon Grund genug sein, die Marke zu wechseln. Weil man zum derart aufgerüsteten Auto jedoch ein geeignetes Smartphone braucht, bietet Seat ein entsprechend ausgestattetes Sondermodell Connect an, bei dem ein passendes Samsung-Gerät gleich mitgeliefert wird.

Das muss man wissen: Es interessiert angeblich zwar immer weniger Kunden, aber selbst der Seat Ibiza hat außer einem Bildschirm auch noch einen Motor. Zur Wahl stehen ein 1,4 Liter großer Dreizylinder-Diesel mit 75, 90 oder 105 PS sowie fünf Benziner vom Einliter-Dreizylinder mit 75 PS bis zum 1,4-Liter-Vierzylinder mit Zylinderabschaltung und 150 PS.

Der Stolz von Entwickler Schawe ist der neu eingeführte Dreizylinder-Turbo, der aus knappem Hubraum mit der Unterstützung eines Turboladers in der stärkeren Variante 110 PS schöpft und den Wagen überraschend flott in Fahrt bringt. Von außen klingt die Maschine - wie die meisten Dreizylinder - ganz schön kernig, im Auto jedoch hört man dank dicker Dämmschichten kaum etwas. Das Kleinkraftwerk macht immerhin 200 Nm Drehmoment und ist beim Ampelspurt oder auf der Landstraße beileibe keine Spaßbremse.

Nicht nur bei den Motoren muss man sich entscheiden, sondern wenn der überarbeitete Ibiza ab Sommer zu den Händlern kommt, wird es auch wieder drei Karosserievarianten geben. Den dreitürigen SC, den normalen Fünftürer und den Kombi, der bei Seat als ST geführt wird. Die Preise des künftigen Ibiza wurden um 1000 Euro erhöht und beginnen künftig bei 11.990 Euro für den SC, 12.690 Euro für den Fünftürer und bei 13.490 Euro für den ST.

Das werden wir nicht vergessen: Kaum ist die Nabelschnur zwischen Smartphone und Touchscreen gekappt, wird der Ibiza zu einem ganz gewöhnlichen Kleinwagen und die kunterbunten Bildchen auf dem Monitor sind verschwunden. Immerhin äußerlich bleibt das Auto dann farbenfroh, denn es gibt als Neuheit diverse Farbpakete, die Effekte in Lila, Rotgold oder Blau auf die Karosserie bringen - und die auch dann noch wirken, wenn der Wagen offline ist.

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insgesamt 66 Beiträge
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karlsiegfried 13.06.2015
1. Frage
Da ich doof bin wüsste ich gerne was 'nerdig' bedeutet. Zitat: 'Noch nie war ein Modell der Marke derart nerdig wie dieses.'
ixfueru 13.06.2015
2. Heute ist wohl
in Fahrzeugen "Infotainment" ganz wichtig. Am Touchscreen (auch während der Fahrt) rumspielen - warum nicht, warum fährt man sonst Auto?! Und an der Ampel wollen ja nur die hinter einem stehenden Fahrzeuge bei grün losfahren. Ach nee, die spielen ja auch. Wunderbar, aber wie haben wir es eigentlich vor 50 Jahren im Auto ausgehalten?
monolithos 13.06.2015
3. Smartphone mit Steuerkettenriss
"Smartphone mit Motor" ist die richtige Beschreibung. Aber was nützt mir das, wenn mir am Smartphone die Steuerkette reißt? Oder wenn mein Smartphone nach 30 Funkzellenwechseln 1 Liter Motorenöl verbraucht hat? Die richtige Entwicklung wäre hin zum "Smartphone mit Auto". Das wird man bei Seat aber weder für Geld noch für gute Worte bekommen, denn ein Seat ist und bleibt nur ein VW.
guenter_w 13.06.2015
4. Strategiewechsel?
Bestes Beispiel dafür, dass die Marke SEAT ersatzlos gestrichen werden könnte. Existenzberechtigung gleich Null, höchstens als Billigmarkenversuch, aber da hat VW doch schon Skoda bislang stehen...
monolithos 13.06.2015
5.
Zitat von karlsiegfriedDa ich doof bin wüsste ich gerne was 'nerdig' bedeutet. Zitat: 'Noch nie war ein Modell der Marke derart nerdig wie dieses.'
Eine kleine Bildungslücke bedeutet noch lange nicht Doofheit. In diesem Fall zeigt Sie nur, dass Ihre Priorität noch auf dem echten Leben liegt. Zum Weiterlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Nerd
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