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29. Juni 2010, 12:27 Uhr

Sieben Tage mit dem VW Touareg

Im Voll-SUV ohne Schamgefühl

Ein Tagebuch von

Um 200 Kilo leichter, 25 Prozent sparsamer und trotzdem feudal wie eine Luxuslimousine - das sind die Versprechungen, die VW dem neuen Groß-SUV Touareg mitgibt. SPIEGEL ONLINE hat das Dickschiff sieben Tage lang getestet und dabei widersprüchliche Erfahrungen gemacht.

Erster Tag: Sitzprobe im neuen VW-Allradler

Dass Geländewagen ursprünglich mal Arbeitfahrzeuge waren, kann man in diesem Auto beim besten Willen nicht mehr erkennen. Als hätten die Ingenieure die Oberklasse-Limousine Phaeton etwas aufgebockt, thront man in luxuriösem Ambiente. Leder und Lack, feine Kunststoffe, glänzende Konsolen und minimale Spaltmaße bestimmen das Bild. Und obwohl der Touareg zahlreiche Schalter hat, findet man sich auf Anhieb zurecht. Der Schlüssel jedoch nervt: weil er sich nur mühevoll aus dem elektronischen Schloss ziehen lässt und weil er - wie das Auto - eine Nummer zu groß geraten ist. Selbst manches Mobiltelefon ist mittlerweile handlicher.

Zweiter Tag: Hurtig über die Autobahn

Auf der Dienstreise gen Norden spielt das Auto seine Langstreckenqualitäten aus. Fast mühelos hält der 3-Liter-V6-Diesel den Touareg auf Trab. Mit 240 PS und 550 Nm wischt der Geländewagen beim Überholen an den Lastwagen in den Kassler Bergen nur so vorbei. Von 0 auf 100 in 7,8 Sekunden und ein Spitzentempo von 218 km/h - so kommt man zügig voran. Doch schon nach wenigen eiligen Kilometern stellt sich Gelassenheit ein. Man stellt man die Luftfederung von "Sport" auf "Komfort", lockert den Gasfuß, aktiviert den Tempomat mit Abstandsregelung, die Toter-Winkel-Überwachung und den Spurhalteassistenten und genießt das Dahingleiten.

Auf der Landstraße dagegen wirkt der Touareg nicht ganz so souverän. Es lastet einfach zu viel Gewicht auf den breiten Hüften des Wolfsburger SUVs. 2,2 Tonnen sorgen in jeder schnelleren Kurve für beachtliche Schräglagen. Und die Bremsen könnten etwas mehr Biss vertragen. Im Stadtverkehr wiederum ist das Auto überraschend handlich. Das liegt an der guten Übersichtlichkeit des 4,80 Meter langen Autos und an der Einparkhilfe mittels Kamerabild aus der virtuellen Vogelperspektive. So lässt sich der Touareg an Blumenkübeln, Laternenpfosten und anderen Hindernissen mühelos vorbei bugsieren.

Dritter Tag: Und die soziale Akzeptanz?

Wie reagieren eigentlich die Passanten auf ein derart wuchtiges Auto? Die Reaktion könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Wo den Wagen im Szeneviertel böse Blicke und beinahe auch ein paar faule Früchte treffen, weil ein großer SUV noch immer als Symbol automobiler Verschwendung gilt. Vor einem Designer-Möbelladen hingegen schlägt dem Trumm Anerkennung entgegen. Schließlich sieht der Wagen ganz gut aus, wirkt innen nobel und bietet reichlich Platz für Bauhaussessel oder italienische Nobellampen. Und auch beim Zwischenstopp am Baumarkt überwiegen die Bewunderer: Praktisch und zupackend orientiert, fragen Interessierte hier nach der Anhängelast (3,5 Tonnen) und schwärmen vom Allradantrieb, mit dem man auch wieder aus der Baugrube heraus kommt.

Vierter Tag: Personal- und Perspektivwechsel

Der Nachwuchs, längst an der Schwelle zum Erwachsenwerden und seit kurzem im Besitz des Führerscheins, bittet um einen Fahreindruck aus erster Hand. Also räumen die Eltern die erste Reihe und nehmen im Fond Platz. Während das Fahren kein Problem zu sein scheint, genießt man hinten die Passivität. Zumal der Kofferraum leer ist und die Rückbank um 16 Zentimeter nach hinten verschoben werden kann, was die Beinfreiheit enorm vergrößert.

Fünfter Tag: Erster Besuch an der Tankstelle

Nach vier Tagen und mehr als 800 Kilometern Fahrtstrecke rollt der Touareg heute zum ersten Mal an die Tankstelle. 'Sooo groß und sooo sparsam', denkt man verwundert - und reibt sich wenig später angesichts der Anzeige an der Zapfsäule gleich wieder die Augen: 80, 90, fast 100 Liter zeigt das Zählwerk. Nicht der Verbrauch ist klein, sondern der Tank ist riesengroß. 100 Liter fasst das bordeigene Spritfass - und damit fast doppelt so viel wie ein Golf-Tank. Der Tankwart reibt sich bei Rechnungen weit im Dreistelligen Bereich freudig die Hände. Lkw-Fahrer allerdings bekommen bei solchen Summen wenigstens einen kostenlosen Trucker-Kaffee.

Doch bevor hier ein ganz falscher Eindruck entsteht - der VW-SUV ist kein Säufer mehr und kann dank Start-Stopp-Automatik, Bremsenergie-Rückgewinnung und der famosen Achtgang-Automatik tatsächlich einigermaßen sparsam gefahren werden. Mit leichtem Gasfuß bleibt der Diesel dann in der Nähe des Normverbrauchs von 7,4 Litern, doch bei verschärfter Gangart überschreitet der Verbrauch durchaus die 11-Liter-Grenze.

Dass VW parallel zum V6-TDI auch ein Modell mit Hybrid-Antrieb im Angebot hat, ist zwar gut fürs Image, für die Werbung und für die US-Kundschaft. Doch in Diesel-Deutschland taugt der Teilzeitstromer nur für Technikfreaks und Öko-Angeber. Mit Vernunft und finanziellem Kalkül jedenfalls kann man elektrifizierten V6-Benziner bei einem Aufpreis von mehr als 20.000 Euro kaum bestellen.

Sechster Tag: Zeit für Lektüre im Stau

Stockender Berufsverkehr und das Mobiltelefon liegt zu Hause. Im Radio läuft eine Fußballübertragung, ansonsten Gedudel - es ist also eine ideale Gelegenheit, um die Preisliste zu studieren. Die beginnt zwar offiziell bei 50.700 Euro, überrascht aber schon beim ersten Rechenbeispiel mit ein paar Fußangeln im Kleingedruckten. Denn ohne Navigationssystem wird der Touareg zwar angeboten, aber noch nicht ausgeliefert. Wann das Auto tatsächlich zum genannten Basispreis lieferbar sein wird, ist unklar. Eine Extrasumme von 2060 Euro kommt deshalb jetzt immer dazu.

Im Testwagen, der SPIEGEL ONLINE zur Verfügung gestellt wurde, wirkt das geradezu rühren. Denn: Fast alles, was man in den bisherigen fünf Tagen mit dem Touareg zu schätzen gelernt hat, entpuppt sich als aufpreispflichtiger Luxus. Die Assistenzsysteme kosten im Paket mehr als 3000 Euro, die Kameras zur Einparkhilfe mehr als 1000 Euro, die Lederpolster zwischen 3000 und 5000 Euro, die Luftfederung 2500 Euro, die intelligenten Xenon-Scheinwerfer 1400 Euro - kein Wunder, dass der Wagen - so ausstaffiert - fast anderthalb mal soviel kostet wie die Basisausführung.

Siebter Tag: Alles ist gut?

Auf der Autobahn ein großer Gleiter, im Alltag braver Familienwagen und Kleintransporter, und in Ausnahmefällen auch Statussymbol oder Allradmobil für problematische Terrain - insgesamt ist der Touareg ein echtes Allround-Auto. Viele der Aufgaben, die wir dem Wagen in den vergangenen Tagen gestellt haben, hätte man auch mit einem VW Passat Variant oder einem VW Tiguan lösen können. Doch der Touareg erledigt derlei einen Tick souveräner, komfortabler und besser. Kein Wunder, entsprechend ausgestattet ist er ja auch fast doppelt so teuer. Wenn man sich das vor Augen hält, fällt der Abschied vom kommoden Dickschiff dann gar nicht mehr so schwer.

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