Erste Runde im Sono Motors Sion Dieses Auto fährt mit der Kraft der Sonne

Elektroautos gelten als teuer und bedingt klimafreundlich. Ein Münchner Start-up setzt eine Vision dagegen: Den günstigen und solargetriebenen Sion, bei dessen Entwicklung Kunden mitentscheiden. Was kann der Wagen?
Mit rund 4,50 Meter Länge fährt der Sion in der Golf-Klasse – und soll für 25.500 Euro an den Start gehen

Mit rund 4,50 Meter Länge fährt der Sion in der Golf-Klasse – und soll für 25.500 Euro an den Start gehen

Foto:

Stefan Schuetz / Sono Motors

Wenn Managerinnen und Manager zum Smartphone greifen, checken sie meist Terminkalender, Mails oder Börsenkurs. Laurin Hahn und Jona Christians hingegen blicken gleich auf die Wetter-App. Als Gründer des Start-ups Sono Motors wollen sie das erste Solarauto für Jedermann auf die Straße bringen. Deshalb schauen sie nach, welcher Energieertrag für das Fahrzeug zu erwarten ist.

Fotovoltaikzellen auf dem Dach waren früher ein Gimmick in der Oberklasse, oder sie wurden in Forschungsfahrzeug-Wettfahrten in Australien eingesetzt. Im Sion von Sono Motors sind die selbst entwickelten Solarelemente in die Karosserie integriert, die deshalb etwas kantig aussieht. So soll die Sonne das Auto zu einem vergleichsweise hohen Anteil mit Energie versorgen.

Wissenschaftler halten die Idee inzwischen für sinnvoll. »Solarmodule am Auto sind keine Spielerei«, sagt Martin Heinrich vom Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme (ISE) mit Blick auf Solarzellen, die mit jeder Generation effizienter und günstiger werden.

Fotostrecke

Sono Motors Sion: Der Sonne entgegen

Foto: Stefan Schuetz / Sono Motors

Vor fünf Jahren haben Hahn und Christians die Firma Sono Motors gegründet, mit dem Sion wollen sie einige Grundprobleme der Elektromobilität lösen: Die ist in ihren Augen bisher ein ziemlich elitäres Vergnügen. So sind die meisten Autos für Normalverdiener zu teuer. Zudem fehlen Lademöglichkeiten. Zwar wächst die Zahl der Ladesäulen im öffentlichen Raum und auf Firmenparkplätzen. »Doch die Mehrheit der Bevölkerung wohnt so, dass sie daheim keine Lademöglichkeit hat«, sagt Laurin Hahn und meint Mietskasernen oder Eigentumswohnungen ohne eigene Stellplätze.

Das Ladeproblem entschärft Sono Motors mit der Solartechnik. Zudem wird der Sion zu einem Preis von 25.500 Euro zu einem der günstigsten elektrischen Fünfsitzer. Der Dacia Spring  oder der Smart Forfour kosten zwar nur 20.490 oder 22.600 Euro, verfügen aber lediglich über vier Sitze und kommen weniger weit mit einer Batterieladung. Der elektrische Opel Corsa steht schon mit 29.900 Euro in der Liste, für einen VW ID.3 muss man mindestens 31.960 Euro bezahlen. Der Sion soll auch beim Unterhalt konkurrenzlos bleiben – so will Sono Motors freien Werkstätten den Zugang mit einer offenen Dokumentation der Konstruktion erleichtern und für einfache Reparaturen Do-it-yourself-Videos ins Internet stellen.

Was aber bringt der Clou des Autos, die Solartechnik?

Kaum rollt der Sion-Prototyp aus der dunklen Halle ins Licht, kommt Leben in eine Grafik auf dem Monitor am Armaturenbrett. Sie zeigt in Echtzeit, wie viel Energie die Sonne liefert. Zwar beeinflussen Schattenwurf und Sonnenstand den Energiefluss, aber mit jeder Sekunde unter freiem Himmel lädt der Akku. Minute um Minute kommen ein paar Meter Reichweite dazu.

»Pro Tag kommen so bis zu 35 und im Schnitt 16 Kilometer zusammen«, sagt Thomas Hausch, der sein Handwerk bei Firmen wie Daimler und Nissan gelernt hat und nun das operative Geschäft des Start-ups führt: »Im Jahr sind das fast 6000 Kilometer. Und zwar nicht in Spanien oder auf Sizilien, sondern in einer Stadt wie München.« Im Schnitt fährt ein Auto hierzulande weniger als 15.000 Kilometer. Die Sonne könne also auch in Deutschland einen nennenswerten Anteil der Energie liefern, ist Hausch überzeugt.

Abgesehen von den 248 dunkel schimmernden Solarzellen ist das Auto unspektakulär: Es ist ein schlichter, dafür innen geräumiger Schuhkarton auf Rädern, dessen Oberfläche für die Solarzellen maximiert wurde. Er transportiert bequem vier und zur Not fünf Personen. Mehr als ein Jahr vor dem Serienstart rollt er schon recht robust über die Teststrecke. Dank der hohen Sitzposition bietet er eine gute Übersicht, der kleine Wendekreis wirkt angenehm handlich.

Mit 4,47 Meter Länge und einem Kofferraum von stattlichen 650 Litern hat Sono den Sion selbstbewusst in die Kompaktklasse platziert. Doch anders als ähnlich große Elektroautos wie der VW ID.3 oder Mercedes EQA soll der Sion nicht mit Fahrleistungen punkten, wie man sie noch aus der Verbrennerwelt kennt.

Entwicklungschef Markus Volmer beschränkt sich auf das Nötige: Mit dem 120 kW-Motor an der Vorderachse beschleunigt der Sion in neun Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 140 km/h. »Das reicht für die Stadt und das Umland, wo die meisten Elektroautos zu Hause sind«, sagt Volmer, der für Daimler Trucks gebaut und für Borgward das Comeback-Auto BX7 auf die Räder gestellt hat.

Bei der Batterie haben sich die Macher indes belehren lassen: Statt wie bisher 35 wollen sie nun 54 kWh einbauen und den Aktionsradius so von 255 auf 305 Kilometer steigern. Das soll Umsteigern die Reichweitenangst nehmen. Und weil die Sonne allein in Deutschland nicht zum Laden reicht, gibt’s auch einen Anschluss für die Steckdose, über den bis zu 75 kW fließen.

Alles ganz vernünftig, alles auch ein bisschen nüchtern. Doch im Armaturenbrett erlaubt sich der Sion eine Extravaganz. Dort haben Hahn und Christians hinter Glas einen Streifen Moos platziert, das für den Sion auf Island gepflückt wird. Das soll nicht nur die grüne Gesinnung des Autos ausdrücken: Es reinigt und filtert zudem die Luft, die aus der Klimaanlage strömt.

Außer mit den Solarzellen und dem Moos will der Sion mit zwei weiteren Features punkten: Eine eigene App ersetzt den Schlüssel und vermittelt Mitfahrergelegenheiten. Mithilfe der App teilen Besitzer ihren Wagen mit anderen Mitgliedern der Community, ähnlich wie bei Lynk&Co aus China. Auf diese Weise lässt sich etwas Geld mit dem Auto verdienen. Zudem funktioniert der Ladekreislauf bidirektional, erläutern Hahn und Christians: Der Sion-Fahrer kann mit dem Solarstrom sein E-Bike laden, eine Pool-Party beschallen oder die Elektrizität an andere verkaufen. So etwas gibt es bisher bei wenigen Elektroautos.

Der mattschwarze Lack wurde von der Community beschlossen und geht so in Serie – als einzige Farbe für den Sion, für den es auch sonst keine Optionen und Extras gibt. Das hält die Produktion schlank und die Preise niedrig.

Der mattschwarze Lack wurde von der Community beschlossen und geht so in Serie – als einzige Farbe für den Sion, für den es auch sonst keine Optionen und Extras gibt. Das hält die Produktion schlank und die Preise niedrig.

Foto: Stefan Schuetz / Sono Motors

Um dennoch einen niedrigen Preis zu erreichen, greifen die Bayern auf ein Sparprinzip des Autobaupioniers Henry Ford zurück: Wie einst Fords Model T gibt es den Sion nur in einer Farbe – und nur in einer einzigen Ausstattung ohne Extras und Optionen. Und was im Sion verbaut ist, ist günstig eingekauft. Die Macher wollen das Elektroauto zwar neu denken, es aber nicht in allen Punkten von Grund auf neu erfinden. »Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche und bedienen uns bei allem anderen am Bewährten«, sagt Thomas Hausch.

Der Elektromotor stammt deshalb von Continental. Er surrt auch im Opel Corsa. Die wenigen verbliebenen Schalter und Bedienelemente sind von Peugeot & Co. bekannt. Und statt eine eigene Fabrik aus dem Boden zu stampfen, lässt Sono den Sion im ehemaligen Saab-Werk in Trollhättan bauen. Bis zu 43.000 Autos im Jahr sollen dort vom Band laufen.

Zwar tut sich Sono wie die meisten Auto-Start-ups schwer und stand wiederholt vor dem Aus. Schon wieder wurde die Serienproduktion um ein Jahr verschoben, sie soll Anfang 2023 beginnen. Doch die künftigen Kunden stehen offenbar treu zur 150-Mitarbeiter-Firma: Die Zahl der Vorbestellungen sei auf 13.000 gestiegen, melden die Gründer. Statt der geforderten 500 Euro liege die durchschnittliche Anzahlung bei 3000 Euro. Die optimistische Community wachse von Woche zu Woche.

Schwarz sieht sie nur in einem Punkt: Als Standardfarbe für das Serienmodell wird der matt-dunkle Lack des Prototyps übernommen. Das hat eine Onlineabstimmung ergeben.