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Fahrbericht Spacecamper: Business-Punk auf dem Zeltplatz

Foto: Christian Frahm

Fahrbericht Spacecamper Classic Was will der denn hier?

Schicker Auftritt, ausgeklügelter Ausbau - das ist das Konzept des Spacecamper Classic. Das Wohnmobil überzeugt mit etlichen praktischen Funktionen, dürfte aber auf vielen Campingplätzen irritiert beäugt werden.

Es ist, als würde ein fein gekleideter Herr im Anzug den Campingplatz betreten. Die anderen Camper schauen skeptisch. Was will der denn hier? Dann zieht der Typ im Zwirn das Jackett aus, krempelt die Ärmel hoch, packt Hammer und Spaten aus und errichtet sein Zeltlager.

So in etwa kann man sich den Auftritt des Spacecamper Classic auf dem Campingplatz vorstellen. Außen sieht der Bus auf Basis des VW T6 Caravelle mit Metallic-Lack, getönten Scheiben und den 18-Zoll-Rädern wie ein VIP-Shuttle aus. Öffnet man dann das Aufstelldach und die Schiebetür, klappt den Tisch aus und stellt die Stühle raus, verwandelt sich der Wagen in einen waschechten, praktischen Camper mit allem, was man zum Leben auf dem Zeltplatz braucht.

Genau das war das oberste Ziel der Spacecamper-Entwickler: Alles soll schnell, einfach, aber dennoch funktional und robust sein. Die beiden Firmengründer sind selbst überzeugte Camper. Markus Riese, Mitbegründer des bekannten Fahrradherstellers Riese und Müller, fuhr in einem Sabbatjahr im selbst ausgebauten VW-Bus durch Australien. Ben Wawra wohnte während des Studiums fünf Jahre in einem 68er Ford Transit und später noch mal ein Jahr in einem Spacecamper. Heute leiten die beiden rund 40 Mitarbeiter in der Firma, die jährlich rund 120 Fahrzeuge ausbaut.

Tisch könnte größer sein

Anders als das Äußere vermuten lässt, sind im Innenraum keine Hochglanzoberflächen oder Möbel aus lackierten Edelhölzern verbaut. Im Gegenteil. Das zentrale Element der Einrichtung ist ein aus dunkelgrauen Multiplexplatten gefertigter Küchenblock - praktisch und robust. Die Küchenanrichte ist deutlich schmaler und kompakter, als man es aus anderen Campingbussen gewohnt ist - aber nicht weniger funktional.

Die Möbelfront lässt sich hochklappen und verwandelt sich dadurch in einen Tisch. Der Clou: Die Tischplatte ist stufenlos verstellbar. Dadurch steht der Tisch auch dann gerade, wenn der Bulli in Schräglage parkt, und gibt zudem die dahinterliegenden Fächer für Geschirr, Proviant und andere Utensilien frei. Die Tischplatte hätte allerdings ein wenig länger ausfallen dürfen, damit vier Personen bequem Platz daran finden.

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Fahrbericht Spacecamper: Business-Punk auf dem Zeltplatz

Foto: Christian Frahm

In der Anrichte befindet sich ein kleines Spülbecken und ein herausnehmbarer Gaskocher, links daneben eine Kompressorkühlbox. Warum sind Kocher und Kühlschrank nicht fest verbaut? Weil die Entwickler auch hier dem Credo der Einfachheit folgen. Für einen stationären Gasherd in Verbindung mit einem dann auch gasbetriebenen Kühlschrank müsste eine komplette Gasanlage verbaut werden, heißt es bei Spacecamper. Die nicht benötigte Gasflasche schafft einerseits weiteren Schrankplatz. Allerdings fällt dadurch die bei anderen Campern übliche Arbeitsfläche über dem Kühlschrank weg, da die Kühlbox nach oben hin öffnet.

Bettenbau in wenigen Sekunden

Was den Spacecamper von anderen Modellen unterscheidet: Bei vielen Funktionen bedarf es nur eines Handgriffs. Ein gutes Beispiel ist das Bett im Untergeschoss. Für den Bettenbau entriegelt man einfach die Rückenlehne der hinteren Sitzbank, die dann in Fahrtrichtung umklappt - fertig. In Sekunden ist das 2,00 x 1,30 Meter große Bett gebaut. Ohne Geschiebe und Gefummel oder das sonst übliche Polster-Tetris.

Dieser Bett-Mechanismus hat allerdings einen Nachteil: Man kann die Rückbank nicht verschieben. Sie ist auf Höhe der C-Säule fest montiert, was den Bewegungsraum im Fußraum vor der Sitzbank etwas einschränkt. Quasi als Ausgleich lässt sich die von Spacecamper selbst konstruierte Rückbank innerhalb von zwei Minuten und ohne Werkzeug komplett ausbauen. Sie ist dabei deutlich leichter als die originale VW-Bank, sodass man sie auch allein aus dem Camper heben kann, der dann zum Transporter wird.

Ein weiteres, 2 mal 1,20 Meter großes Bett gibt es optional unter dem Hubdach. Dessen Faltenbalg lässt sich auch komplett öffnen, sodass man sich bei gutem Wetter die Meeresluft um die Ohren wehen lassen und den Panoramablick vom Bett aus genießen kann.

Bulli mit Geheimfach

Viel Platz für Gepäck gibt es in der Schrankzeile mit verschließbaren sowie offenen Fächern. Diese sind - das ist nicht unbedingt selbstverständlich - auch bei gebautem Bett problemlos erreichbar. Durchdachtes Detail: Im mittleren Schrankfach lässt sich der Zwischenboden wegklappen, sodass man ausreichend Höhe hat, um ein paar Hemden an die Kleiderstange zu hängen. Sind doch nur T-Shirts im Gepäck, klappt man den Boden wieder hoch und hat zwei kleinere Staufächer.

Unter diesen Regalen befindet sich noch ein abschließbares Geheimfach - quasi unter einem doppelten Boden. Nur Eingeweihte wissen, wo das Schloss und die kleine Lasche verborgen ist, um es öffnen zu können. Optional baut Spacecamper für die ganz wertvollen Dinge zum Aufpreis von 299 Euro auch einen Tresor im Auto ein.

Abends punktet der Spacecamper mit seiner Innenbeleuchtung. So sind in die Dachholme einzelne dimmbare LED-Spots integriert. Auch der Ausschnitt des Aufstelldachs ist rundum mit einem LED-Band versehen - das wirft besonders im Dunkeln ein gemütliches Licht. Auch die meist unbeleuchteten Ecken eines Campers, wie das Innere des Kleiderschranks, die Vorratsfächer oder der Stauraum unterm Bett sind gut ausgeleuchtet. Schöner Nebeneffekt: Die Schrankbeleuchtung strahlt auch den Innenraum angenehm aus. Gegen Aufpreis werden im Bus auch zahlreiche 12-Volt- und USB-Steckdosen verbaut.

Praktisch und durchdacht

Apropos Aufpreis: Der pfiffige Camper ist nicht ganz günstig. Die Classic-Variante startet bei 52.921 Euro. Mit zusätzlichem Aufstelldach, Metalliclackierung, Solaranlage und weiterer Zusatzausstattung landet man dann schnell oberhalb von 60.000 Euro. Als weiteres Modell gibt es den Classic Open mit zwei Schiebetüren und schwenk- bzw. herausnehmbarer Küche. Dieses Modell startet bei 56.993 Euro.

Damit bewegt sich der Spacecamper in ähnlichen Regionen wie ein gut ausgestatteter VW California. Der Spacecamper aber ist individueller, in Sachen Innenausbau auch robuster unterwegs und lässt sich sehr schnell in einen Transporter umbauen. Beim VW-Pendant lässt sich die deutlich schwerere Rückbank nicht so umstandslos ausbauen.

Leider bietet Spacecamper nur die höher ausgestattete Variante Caravelle des VW T6 als Basisfahrzeug an. Deren Chromleisten und aufwendige Alufelgen bekommen auf dem Campingplatz auch schnell mal einen Kratzer ab. Der günstigere Multivan - zumindest als Option - hätte es sicher auch getan und wäre zudem einige Tausend Euro günstiger. Allerdings wäre der Auftritt auf dem Campingplatz auch ein anderer: #Businessanzug.

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