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Tata Nano: Der Minimalist

Foto: Tom Grünweg

Tata Nano So fährt das billigste Auto der Welt

Rund 2000 Euro kostet der Tata Nano und ist damit das billigste Auto der Welt. Doch der Preiskracher verkauft sich in seiner Heimat schlechter als erwartet. Trotzdem halten die Inder an ihren Plänen fest, den Winzling auch in Europa zu verkaufen. Hätte das Rudimentär-Mobil hier eine Chance?

Ein ausgewachsenes Auto für nicht einmal 1500 Euro - mit dieser Ankündigung alarmierte der indische Industriemagnat Ratan Tata im Jahr 2008 die PS-Branche. Denn einem solchen Kampfpreis hatten selbst Autoriesen wie VW, General Motors oder Toyota nichts entgegenzusetzen. Entsprechend groß war der Wirbel um den kleinen Wagen.

Doch wie so oft, verpuffte der Anfangshype rasch. Zwar kann man den Wagen in Indien seit knapp zwei Jahren tatsächlich kaufen, doch nach zwei Preiserhöhungen kostet er mittlerweile umgerechnet knapp 2000 Euro. Und statt die Welt zu revolutionieren, fährt der Tata Nano inzwischen auf der Kriechspur.

Nach dem Ansturm in den ersten Monaten - zunächst entschied sogar das Los über die Vergabe von Kaufverträgen - ist die Nachfrage im Laufe der Zeit immer weiter zurückgegangen. Ein Tiefpunkt war im November letzten Jahres erreicht, als lediglich 509 von insgesamt 1,2 Milliarden Indern einen Nano kauften.

Gründe dafür gab und gibt es viele: Weil die Fabrik kurz vor dem Produktionsstart umziehen musste, kam die Montage nur schleppend in Gang. Dann brannten bei der Markteinführung einige Modelle ab und verunsicherten die Kunden. Zudem fahren mehr Inder offenbar lieber Mofa oder Rikscha, als Tata vermutet hat. Immerhin: Die Verkaufszahlen zogen zuletzt wieder an. Im Mai wurden 6500 Nano verkauft, seit Jahresanfang waren es damit bereits mehr als 16.000.

Das Geschäftliche ist nur die eine Seite der Medaille, die andere ist die Technik. Und die ist nach wie vor imponierend. Denn wer beim Urlaub in Indien oder - wie SPIEGEL ONLINE - auf dem Testgelände eines Zulieferers hinters Steuer des Nano kommt, erlebt zunächst eine Überraschung. Für so wenig Geld bietet der PS-Knirps dann doch verdammt viel Auto - zumindest auf den ersten Blick.

So sind die Platzverhältnisse beachtlich. Obwohl der hausbacken gestaltete Nano - man könnte auch von Blech gewordener Einfallslosigkeit sprechen - lediglich 3,10 Meter lang und nur 1,50 Meter breit ist, geht es innen recht geräumig zu: Vier Erwachsene haben mehr Knie- und Kopffreiheit als in einem VW Polo. Dafür hockt man allerdings auf Sitzen, die dünn und unbequem sind und sich kaum verstellen lassen. Außerdem ist das Ambiente schlicht wie im Zimmer eines Etap-Hotels: billiger Kunststoff, statt eines Handschuhfachs zwei Krater im Plastik vor der ersten Reihe und ein armseliges, zentral positioniertes Cockpit. Aber anders als in manchem chinesischen Kleinwagen wackelt und klappert nichts, und es müffelt auch nicht nach Lacken und Lösungsmitteln.

Für Vortrieb sorgt ein im Heck platzierter Zweizylindermotor mit 624 Kubikzentimeter Hubraum und 35 PS. Zwar wiegt der Nano nur 600 Kilo, dennoch braucht man Geduld, um ans Ziel zu kommen. Anfahren gelingt im Nano noch ganz gut, weil der erste Gang extrem kurz übersetzt ist. Doch der Sprung zum nächsthöheren Gang des hakeligen Getriebes fällt viel zu groß aus. Und so vergehen 21 Sekunden bis Tempo 100, selbst wenn man den kleinen Motor bis zum Drehzahlbegrenzer quält. Auf dem Beschleunigungsstreifen einer deutschen Autobahn bräuchte man im Nano also Nerven aus Stahl. Bei Überholvorgängen - sofern sie überhaupt möglich sind - ebenfalls. Denn bei 105 km/h wird der Nano mit Rücksicht auf die kleinen und schmalen Reifen elektronisch abgeregelt.

Die Lenkung schwammig und schwergängig, das Fahrwerk viel zu straff

Höhere Geschwindigkeiten seien auf den meisten indischen Straßen ohnehin nicht möglich, sagt ein Entwickler, der in Deutschland und in Bangalore an den Zulieferteilen für den Nano gearbeitet hat. Das ist ein Argument. Ein anderes ist, dass man an dem Hecktriebler mit der schwergängigen, schwammigen Lenkung und dem für hiesige Straßen viel zu straffen Fahrwerk auch gar nicht mehr zumuten möchte. Den Insassen übrigens auch nicht. Nano-Fahrer sollten also gemütliche und defensive Naturen sein - Eigenschaften, die im hiesigen Straßenverkehr oft als Provokation aufgefasst und von anderen Autofahrern meist mit dichtem Auffahren, Schneiden oder lautem Hupen geahndet werden.

Minimalismus betreibt Tata auch bei der Sicherheit. Zwar schlug sich der Nano bei einem Crashtest in England gar nicht so schlecht, doch wirken die Türen fragil wie leere Getränkedosen, und ABS, Airbags oder gar ESP sind bislang nicht erhältliich. Etwas Komfort dagegen gibt's in der LX-Version, die als Einzelexemplar für Forschung und Entwicklung in Europa unterwegs ist. Hier sind Extras wie Zentralverriegelung, elektrische Fensterheber und sogar eine Klimaanlage an Bord.

Ein paar Skurrilitäten hat der Nano auch zu bieten. So gibt es zwar ähnlich wie beim Smart über dem Motorraum eine Gepäckablage, doch die Kofferraumklappe war zumindest beim Testwagen aus Sicherheitsgründen verschweißt, so dass man zum Einladen erst die Rückbank umlegen muss. Um eine Getränkekiste über die Rücksitze nach hinten zu hieven, wäre in dieser Konfiguration eine stramme Muskulatur gefragt. Die Batterie wiederum befindet sich leicht zugänglich unter dem Fahrersitz. Und wer vorn unter die Haube schaut, findet nicht etwa ein weiteres Gepäckfach, sondern das Ersatzrad - und den Tankstutzen. Da dürften bei VW-Porsche-Fahrern nostalgische Gefühle aufkommen, denn der hatte das auch.

Falls der Tata Nano nach Europa kommt, dann mit ABS, Airbags und ESP

Ob und wann der Tata Nano nach Europa kommt, darüber wurde schon reichlich spekuliert. Konkrete Ansagen aus Indien gibt es dazu nicht. Ohnehin war nie von einem Export der Billigversion für rund 2000 Euro die Rede. Sondern wenn überhaupt, dann soll der Nano mit ABS, Airbag und ESP kommen. Außerdem ist für die EU-Variante ein Dreizylindermotor mit etwas mehr Leistung im Gespräch. Das dürfte den Preis auf rund 5000 Euro treiben, und damit wäre der Nano nicht mehr so konkurrenzlos, wie es scheint. Der viel größere Dacia Sandero wird ab 6990 Euro angeboten, der Fiat Panda ab 7690 Euro - ohne Rabatt und ohne Sonderaktion.

Andere Tata-Typen wie das Modell Indica sind in Deutschland bereits bei einzelnen Händlern erhältlich, den Nano aber kann man bislang noch nicht einmal über die großen Internet-Autohändler beziehen. Einhellige Antwort auf entsprechende Anfragen: "Sorry, zur Ihrer Suche wurde kein passendes Fahrzeug gefunden."

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