Studie des Umweltbundesamtes Tempolimit würde Klima deutlich stärker schützen als bisher angenommen

Eine verbindliche Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen senkt den CO₂-Ausstoß kaum, heißt es oft. Doch laut einer Untersuchung wurden die tatsächlichen Effekte einer solchen Maßnahme bisher stark unterschätzt.
Tempo 120-Schild bei einer Klimaschutzdemo

Tempo 120-Schild bei einer Klimaschutzdemo

Foto: Sachelle Babbar / ZUMA Wire / IMAGO

Geht es um ein Tempolimit auf Autobahnen, kochen in Deutschland schnell die Gemüter über. Zuletzt beschäftigte sich sogar das Bundesverfassungsgericht mit dem Thema : Nachdem die Ampelkoalition eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen abgelehnt hatte, kam es in Karlsruhe zu einer Klage im Namen des Klimaschutzes.

Um die CO₂-Emissionen im Verkehr auf das gesetzlich erlaubte Maß zu senken, müsse ein Tempolimit eingeführt werden, so die Beschwerdeführer. Das sahen die Richter anders: Es sei nicht ausreichend erwiesen, dass ein Tempolimit für das Erreichen der Klimaschutzziele notwendig sei.

Nun ist eine neue Studie des Umweltbundesamts (UBA)  erschienen, die den Nutzen eines Tempolimits unterstreicht. Die Modellierungen zeigen, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen deutlich mehr klimaschädliches Kohlendioxid einsparen würde als bisher von der Behörde selbst angenommen.

Bei einem maximalen Tempo von 120 Kilometern pro Stunde ließen sich pro Jahr demnach 6,7 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente einsparen. Eine UBA-Untersuchung von 2020 hatte die Reduktion noch auf lediglich 2,6 Millionen Tonnen beziffert. Laut der aktuellen Studie sänken die CO2-Emissionen im Straßenverkehr durch das Tempolimit um 4,2 Prozent.

Unterschiede in der Methodik

Die Unterschiede erklären die vom UBA beauftragten Forscher von den Universitäten in Stuttgart und Graz sowie von einem Consulting-Unternehmen mit einem Mix an Faktoren. Zum Teil geht es um Methodik: Für die alte Studie seien andere Emissionsfaktoren verwendet worden.

Nach Ansicht der Forscher spielen aber auch bestimmte Verhaltensmuster der Autofahrer eine wichtigere Rolle als bisher vermutet. Demnach würde ein Tempolimit Autobahnen unattraktiver machen im Vergleich zu Landstraßen. »Es wird direkter gefahren, da die Nutzung der Autobahn meist mit längeren Umwegen verbunden ist«, heißt es in der Studie.

Das ändere die Fahrleistung auf den unterschiedlichen Straßentypen. So gehen die Forscher von einer Abnahme von 1,1 Prozent bei der Autobahnnutzung aus, bei allen anderen Straßen nimmt die Fahrleistung von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen dagegen zu. Auch das erkläre den Rückgang der CO₂-Emission.

Zudem schätzen die Forscher, dass durch ein Tempolimit andere Verkehrsmittel attraktiver würden. Ein kleiner Teil der Menschen dürfte dann ganz auf das Auto verzichten und etwa auf die Bahn umsteigen. »Die gesamte Reduzierung der Fahrleistung auf allen Streckentypen beträgt 1,8 Prozent und 2,1 Prozent beim Pkw-Verkehr«, heißt es.

Allerdings hätte die Verlagerung des Verkehrs teils auch Folgen für lokale Streckennetze. Dort könnte es zu Mehrbelastungen kommen. Entsprechend müssten die Verkehrsplaner die Netze umgestalten.

Auf veränderte Routen und geringere Nachfrage ließen sich rund ein Drittel des zusätzlich errechneten Einsparpotentials zurückführen. Der Rest kommt von der geänderten Methodik.

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Andere Prognosen hatten zudem ergeben, dass sich durch ein Tempolimit auch die Zahl der Verkehrstoten sowie die Lärmbelastung reduzieren würde, dazu käme es zu weniger Schadstoffemissionen.

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Ein Tempolimit auf Autobahnen, das es in vielen europäischen Ländern bereits gibt, würden laut Umfragen fast zwei Drittel der Deutschen begrüßen. Politisch ist das Vorhaben jedoch immer wieder gescheitert. Zwar hatten sowohl die SPD als auch Grüne ein Tempolimit auf Autobahnen im Wahlprogramm verankert. Aber in den Verhandlungen zur Bildung der Ampelkoalition stellte sich die FDP quer.

joe
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