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07. Mai 2019, 04:58 Uhr

Autogramm Toyota Camry

Der Untote

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In den USA ist der Toyota Camry seit Jahren der beliebteste Pkw, in Deutschland wurde er einst Opfer des Dieselbooms. Nun bekommt er ein Comeback - und bestätigt manches Klischee über den japanischen Hersteller.

Der erste Eindruck: Optisch ist diese Limousine der totale Langweiler. Mit seiner seriösen Anmutung steht der Camry im Gegensatz zu Fahrzeugen wie dem C-HR oder dem Corolla, bei denen Toyota eher auf Schockdesign setzt.

Das sagt der Hersteller: Der Diesel war sein Tod, und der Tod des Diesels lässt ihn wieder aufleben - so lasse sich verkürzt die Geschichte des Camry in Deutschland erklären, sagt Toyota-Sprecher Thomas Heidbrink. Denn als zur Jahrtausendwende der Dieselboom einsetzte, hatte Toyota den Camry nur als Benziner und nahm ihn mangels Nachfrage vom Markt. Doch nun, da TDI und Co. angesichts des Abgasskandals in Verruf geraten sind, sieht Toyota wieder Chancen für den Wagen - und schickt ihn als Hybrid ins Rennen. Dies zunächst nur zaghaft. Für dieses Jahr seien 500 und für 2020 dann 1000 Neuzulassungen geplant, sagt Heidbrink. Das Auto soll gewerbliche Kunden locken, vor allem Taxifahrer. Im Rest der Welt spricht der Wagen mehr Autofahrer an, insbesondere in den USA. Dort ist der Camry hinter den Pick-ups und SUV seit Jahren der bestverkaufte Pkw. Und so gibt es die Baureihe seit fast 40 Jahren, insgesamt 19 Millionen Exemplare wurden bisher verkauft.

Das ist uns aufgefallen: Wie still es ist, wenn man den Startknopf drückt. Fast wähnt der Fahrer sich in einem reinen Elektroauto. Ein kleiner, magischer Moment, der aber leider schnell vorüber ist - sehr bald schaltet sich der Verbrenner zu.

Denn fast störrisch hält Toyota an seinem Hybridkonzept fest, wo der Benziner nur mit einer kleinen Batterie und einem schwachen Elektromotor kombiniert ist. Das bremst die Fahrfreude, senkt aber den Verbrauch. Bei uns waren es nach 200 Kilometern in der Stadt und auf der Stadtautobahn passable 6,5 Liter. Und das, obwohl die Spritsparwertung des Bordcomputers nur 55 von 100 Punkten auswies. Wenn der Fahrer den Gasfuß hebt, fließt Energie in die Batterie zurück, was Durst und Wartungskosten drückt - zumal dank dieser Technik seltener Bremsscheiben gewechselt werden müssen. Das macht den Camry tatsächlich interessant für Taxiunternehmer. Doch den Punch beim Anfahren, mit dem europäische Plug-in-Hybridmodelle punkten, bietet der Toyota-Antrieb nicht. Und mehr als ein, zwei Kilometer elektrische Fahrt ganz ohne Verbrenner gibt der Akku nicht her, und auch diese Distanz schafft nur, wer das Fahrpedal streichelt.

Aber auch das Fahren im Verbrennermodus ist nicht die reine Freude - wegen des Toyota-typischen stufenlosen Automatikgetriebes. Das ist zwar etwas sparsamer als eine normale Automatik, billiger als eine Doppelkupplung und nervt dank einiger Verbesserungen nicht mehr ganz so wie früher. Doch wer den Gasfuß stehen lässt, leidet noch immer unter dem Gummibandeffekt: Drehzahl und Lautstärke des Motors schnellen scheinbar endlos in die Höhe bis der künstliche Schaltruck einsetzt, die Drehzahl auf normales Niveau fällt und es ruhiger wird unter der Haube.

Wer im Verkehr mitschwimmt, kommt damit gut klar. Doch auf der Landstraße fehlt es der Limousine am Elan. Keine Hilfe ist die Sporttaste, die gefühlt nicht viel mehr ändert als die Grafiken im Cockpit. Auf der Autobahn haben Langstreckenfahrer bei 180 km/h Höchstgeschwindigkeit auch keine übertriebene Freude. Für Kilometerfresser auf der Langstrecke gibt es bessere Alternativen - wahlweise mit Plug-in-Hybridantrieb oder Dieselmotor.

Innen zeigt sich der Camry praktisch, aber wenig inspiriert. Das Raumangebot ist auf allen Plätzen großzügig, Kleinigkeiten lassen sich gut verstauen. Doch es fehlen besondere Materialien und verspielte Funktionen beim Infotainment. Das kupferfarbene Holzimitat auf dem Mitteltunnel ist noch das Bunteste, was im Camry zu finden ist. Wer es so vielen Kunden weltweit recht machen will, erlaubt sich eben keine Experimente.

Das muss man wissen: Der Camry kostet ab 39.990 Euro und steht seit dem ersten Mai-Wochenende bei den Händlern. Unter der Haube gibt es allein den vom Lexus ES bekannten Hybridantrieb mit einem 2,5 Liter großen Benziner mit 177 PS Leistung und einer E-Maschine, die auf 120 PS kommt. Zusammen macht das 218 PS Systemleistung. Während die Fahrleistungen eher unter dem Durchschnitt liegen, ist der Verbrauch der Konkurrenz mit einem Normwert von 4,3 Litern deutlich voraus.

Was an Fahrspaß auf der Strecke bleibt, kompensiert Toyota mit Komfort und Assistenz: Klimaautomatik, Rückfahrkamera und das Safety-Sense-System mit automatischer Abstandsregelung und Notbremsunterstützung sind Standard. In der Executive Version für 42.390 Euro gibt's auch LED-Scheinwerfer, Assistenzsysteme für Spurführung und Spurwechsel sowie ein Navigationssystem.

Das werden wir nicht vergessen: Den nervigen Warnton nach Fahrtende, wenn der Motor abgeschaltet ist und die Türen noch nicht verriegelt sind. In reinen Elektroautos gibt es den häufiger, damit man nach der ruhigen Fahrt nicht vergisst, abzuschalten und abzuschließen. Im Camry, der meist brummt und jault, wirkt das hingegen etwas übertrieben.

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