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19. November 2014, 17:42 Uhr

Toyota Mirai mit Brennstoffzelle

Das Ufo, das mit Wasserstoff fährt

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Mit dem Mirai bringt Toyota als erster Hersteller ein Serienauto mit Brennstoffzelle auf den Markt. Bei der Testfahrt fühlt sich das futuristische Auto überraschend ausgreift an.

Der erste Eindruck: Der Toyota Mirai sieht aus wie ein Ufo, das falsch abgebogen ist. Das Design ist ziemlich gewollt auf Zukunft gebürstet.

Das sagt der Hersteller: "Ein Auto mit diesem Namen muss schon ein bisschen futuristisch aussehen", sagt Toyota-Chefingenieur Satochi Ogiso. Und damit auch wirklich jedem Laien klar wird, welche Bedeutung Toyota diesem Wagen zumisst, macht er den Dolmetscher: "Mirai heißt auf Japanisch Zukunft."

Der Mirai ist das weltweit erste Serienauto, in dem eine Brennstoffzelle Strom für einen Elektromotor erzeugt und nichts anderes mehr ausstößt als reinen Wasserdampf. Geforscht wird an diesem Antrieb schon ewig. Toyota glaubt, dass jetzt die Zeit reif ist für den Alltagsgebrauch. "Wir wissen, dass die Stückzahlen erst einmal sehr gering sein werden", räumt Vorstandschef Takeshi Uchiyamada ein.

Gleichezeitg verweist er auf die Firmenhistorie: Auch das Hybridauto Prius startete verhalten - ehe die erste Million Exemplare verkauft waren, dauerte es sieben Jahre. Mittlerweile baut Toyota pro Jahr eine Million Hybridautos. "Wir wollen im nächsten Jahrzehnt zehntausende Brennstoffzellen-Autos produzieren - wenn wir jetzt langsam damit anfangen", sagt Uchiyamada.

Das ist uns aufgefallen: So futuristisch der Antrieb ist, so konventionell gibt sich der Mirai im Alltag. Dieser Spagat ist den Toyota-Entwicklern gut gelungen. Allerdings geht es innen ziemlich eng zu für ein Auto von 4,90 Metern Länge, die Technik beansprucht doch viel Platz. Das Interieur ist mit großen Displays und modernen Sensortasten ähnlich futuristisch gestaltet wie die Karosserie.

Man drückt einfach auf den Startknopf, schiebt den winzigen Schaltstummel auf D, tritt aufs Fahrpedal und zieht davon wie mit jedem anderen Elektroauto. Der Mirai ist jedoch nicht ganz so leise, weil irgendwo immer ein Lüfter oder ein Verdichter surrt und das Gefühl hinterlässt, man sitze in einer Chemiefabrik.

Obwohl die Limousine 1,9 Tonnen wiegt, geht es zumindest im Power-Modus flott zu. Immerhin leistet der aus dem Prius übernommene Elektromotor 155 PS und schickt bis zu 335 Nm Drehmoment an die Vorderräder. Vom Eco-Modus jedoch sollte man besser die Finger lassen. Ist der aktiviert, reagiert das Gaspedal so träge, als hätte man einen platten Fußball darunter geklemmt. Der Mirai ist auf den ersten Blick ohnehin so öko, dass es den Eco-Modus gar nicht braucht: Emissionen sind kein Thema, und anders als bei einem Elektroauto gibt es mit der Brennstoffzelle kein Reichweitenrisiko.

Volle Tanks reichen für 500 Kilometer, sie sind danach in weniger als fünf Minuten wieder gefüllt - wenn denn eine Wasserstofftankstelle vorhanden ist. In Deutschland könnte das schwierig werden, bislang gibt es erst rund ein Dutzend. Und natürlich spielt bei der Umweltbilanz auch die Produktion des Wasserstoffs eine Rolle: Für die Herstellung wird viel Energie benötigt. Stammt diese nicht aus regenerativen Quellen, ist der Öko-Vorsprung dahin.

Das muss man wissen: In diesem Jahr werden lediglich noch ein paar Dutzend Mirai ausgeliefert, die allesamt in Japan bleiben. Erst im nächsten Herbst sind die USA und Europa an der Reihe. Für Deutschland sind zwischen 50 und 100 Fahrzeuge reserviert. Viel mehr dürften sich auch kaum verkaufen lassen bei einem irrwitzigen Preis von 78.540 Euro.

Dass es auch anders geht, zeigt der Blick nach Kalifornien, wo der Löwenanteil der Mirai-Exportflotte hingeht. In den USA sind Autos in der Regel sowieso billiger, und der Mirai wird für umgerechnet 46.000 Euro angeboten. Zieht man von der Summe noch die Fördergelder ab, kostet der Wagen sogar nur 36.000 Euro. Den Wasserstoff, der in Kalifornien an demnächst hundert Tankstellen gezapft werden kann, gibt es sogar kostenlos.

Das werden wir nicht vergessen: Genau wie der BMW i3 zieht der Mirai schon wegen seines futuristischen Designs die Blicke auf sich. Doch gibt es beim Toyota eine Funktion, mit der man noch viel mehr Aufsehen erzeugen kann. Wer auf dem Parkplatz oder an der Ampel den unscheinbaren H2O-Knopf im Cockpit drückt, mit dem das Freiblasen des Systems aktiviert wird, lässt das Auto am Heck eine Dampffontäne ausstoßen - und dazu plätschert reines Wasser auf den Asphalt.

Was wie ein Leck am hochkomplizierten System aussieht, ist in Wahrheit eine kleine Pfütze Zukunft.

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