Trikes Dreirad für schwere Jungs

Cabrios oder Roadsters sind kaum noch etwas Besonderes. Und nicht jeder hat einen Führerschein für die sommerliche Tour auf einem Motorrad. Die Lösung: Trikes.


Sontheim - Diese chromblinkenden Wohnzimmersessel auf drei Rädern erinnern mit langen Gabeln und aufwendig lackierten Anbauteilen an das Outfit und das Lebensgefühl, das der legendäre Biker-Film "Easy Rider" vermittelte. Laut Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg sind sie in der deutschen Zulassungsordnung aber einem Pkw gleichgestellt und dürfen deshalb mit dem normalen Führerschein und meist ohne Helm gefahren werden.

Trikes: Gut sortierter Werkzeugkasten erforderlich
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Trikes: Gut sortierter Werkzeugkasten erforderlich

Da die mitunter üppig motorisierten Trikes außerdem deutlich weniger kosten als ein Roadster und obendrein oft vermietet werden, vergeht kaum ein sommerlicher Autoausflug, an dem man nicht plötzlich ein Trike im Rückspiegel hat.

Den Ursprung der Trikes hat die Branche im sonnige Kalifornien ausgemacht. In Deutschland handelt es sich meist um Eigenentwicklungen heimischer Kleinserienhersteller.

Absoluter Marktführer ist nach eigenen Angaben das Unternehmen Boom Trikes in Sontheim (Baden-Württemberg), das laut Geschäftsführer Wolfgang Merkle jährlich 400 bis 700 Trikes baut. Für Deutschland schätzt Merkle den Bestand auf etwa 10.000 bis 15.000 Fahrzeuge und das Volumen der jährlichen Neuzulassungen auf rund 600 Trikes. Karola Stürzel von WK-Trikes in Aubstadt (Bayern) geht sogar von einer Nachfrage für rund 1200 Trikes aus - Tendenz steigend.

Optisch wie technisch ist das Trike ein Zwitter aus Motorrad und Auto - selten sind die "echten" Motorräder vom Stil einer Honda Goldwing, bei der ein Umrüster am Heck eine Achse mit zwei Rädern montiert hat. Bei allen anderen Trikes stammt aus der einen Welt die lange Gabel mit dem zierlichen Vorderrad auf einer Speichenfelge und aus der anderen das breite Heck mit zwei dicken Gummiwalzen auf blinkenden Alurädern und einem luftig dazwischen montierten Motor.

Bei einer Länge von rund 3,5 Metern und einem Gewicht deutlich unterhalb einer Tonne bieten die Dreiräder Platz für zwei bis drei Personen, die sich in großen Ledersesseln den Wind durch die Haare wehen lassen. Wurde der Motor früher inklusive Achsen und Getriebe zumeist aus dem VW Käfer übernommen, haben viele Trike-Hersteller mittlerweile auf andere Austauschaggregate gewechselt.

Einige Unternehmen wie Boom Trikes verkaufen gegen entsprechenden Aufpreis auch neue Antriebseinheiten, die aber ebenfalls zumeist aus dem VW-Konzern stammen. Dabei hat der Kunde den Verkaufsprospekten der Hersteller zufolge die Wahl zwischen 1,2 und 1,6 Litern Hubraum und einem Leistungsspektrum, das sich zwischen 25 kW/34 PS und 37 kW/50 PS bewegt. Schon damit sind Geschwindigkeiten bis zu 125 km/h möglich. Das Reisetempo pendelt sich aber nach Angaben der Triker wegen des Fahrtwindes und der wenig hektischen Lebenseinstellung zwischen 60 und 90 km/h ein. Wer es dennoch schneller mag, findet auch Motoren mit bis zu 81 kW/110 PS.

Die Preise für neue Trikes beginnen deutlich unter 20.000 Mark. Gebrauchte Fahrzeuge sind im Kleinanzeigenteil oder auf den Fanseiten im Internet schon für 10.000 Mark zu haben. Doch wer eine aufwendige Konstruktion mit viel Chrom, liebevoller Lackierung und dazu eine Reihe maßgeschneiderter Anbauteile von der Lenkradtasche bis zum Kofferaufbau bestellt, kommt laut Andreas Kästner vom Trike Shop Kästner in Hanau mühelos auf 50.000 Mark. Auch 70.000 Mark sind möglich.

Etwas billiger wird es bei Bausätzen. Damit lassen sich den Preislisten zufolge zwischen 3000 und 5000 Mark sparen. Notwendig sind dafür aber laut Nicola Gramzow von Devil's Trike in Bad Oeynhausen zumindest Grundkenntnisse der Mechanik, eine geräumige Garage, ein gut sortierten Werkzeugkasten und 40 bis 80 Stunden Freizeit.

Wem dafür der Sommer zu schade und der Winter noch zu weit entfernt ist, dem empfiehlt sich dennoch der Gang zu einem der mehreren hundert Trike-Händler in Deutschland. Denn bei fast jedem Betrieb können die Freizeitfahrzeuge für Preise zwischen 100 und 400 Mark auch ausgeliehen werden. Und spätestens bei der Rückgabe, so sagen die Triker, hat jeder Autofahrer raus, ob er - zumindest im Sommer - nicht eigentlich nur für drei Räder geboren ist.



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