Unterwegs im Rolls Royce Phantom Die Ruhe selbst

Unter den Luxusautos ist der Rolls Royce das Erhabenste. Das Modell Phantom, entwickelt unter der Regie von BMW, ist ein 5,83 Meter langes und 2,5 Tonnen schwerer Schrein des Overstatements. Und wenn man den Schlüssel dazu bekommt, ist das durchaus etwas Besonderes.

Von Jürgen Pander


Rolls Royce Phantom: Stilvoll, nicht sportlich
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Rolls Royce Phantom: Stilvoll, nicht sportlich

"Möchten Sie Rolls Royce fahren?" - Vergleichsweise wenige Menschen bekommen diese Frage gestellt. Trotzdem weiß fast jeder, was er antworten würde. Ungefähr dies: "Mit Vergnügen. Wann und wo?" So ähnlich lief es auch in diesem Fall. Der Rest waren ein paar Formalitäten mit der Presseabteilung von BMW in München und Rolls Royce in Goodwood, dann war es so weit. Ort der Übergabe: Tamsen in Hamburg-Stapelfeld. Das Autohaus verkauft unter anderem auch Porsche-Modelle, doch wirken die zwischen den Maseratis, Bentleys, Lamborghinis, Aston Martins und Ferraris ziemlich gewöhnlich.

Die Maseratis, Aston Martins, Ferraris wiederum wirken, vom Sitz eines Rolls Royce betrachtet, einigermaßen banal. So schnell gewöhnt man sich an Luxus. Alexander Stopka, Senior Sales Manager der Firma Tamsen, erklärt die Details. Mit welchem Knopf sich die Kühlerfigur "Emily" elektrisch versenken oder hervorheben lässt; wo sich die verspiegelte Bordbar befindet und wo das Kühlfach; wie die Ledersessel elektrisch zurechtgerückt und die in den Hecktüren versteckten Regenschirme hervorgezaubert werden können.

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Rolls Royce Phantom: Schrein des Overstatements

Gefahren wiederum wird der Rolls Royce Phantom wie jedes andere Auto auch. Jedoch funktioniert dieser Wagen auf eine ungeheuer distinguierte Art und Weise. Die Schaltvorgänge des Sechsgang-Automatikgetriebes sind im Grunde nicht wahrnehmbar. Der 6,75-Liter-Zwölfzylindermotor produziert so viel Antriebskraft, dass selbst bei Tempo 150 die "Power Reserve"-Anzeige im Cockpit noch 90 Prozent Kraftreserven meldet. Die Lenkung vermittelt ein so butterweiches Gefühl, als ob nicht ein Zweieinhalbtonner dirigiert würde, sondern eine Seifenkiste.

Anfangs wunderten wir uns über das überaus große und ausgesprochen dünne Lenkrad. Doch nach ein paar Kurven hat man kapiert: So wird stilvoll gelenkt - mit einem Volant wie ein Steuerrad, das man nicht ungestüm packt, sondern würdevoll ergreift, um es sorgfältig zu drehen. Nichts würde zum Phantom weniger passen als Anflüge von Hektik. Der Wagen ist schnell (von 0 auf 100 km/h in 5,9 Sekunden, Spitze 240), aber er bleibt dabei die Ruhe selbst.

Der Phantom rollt auf die Autobahn, "Emily" reckt ihr silbernes Näschen in den Fahrtwind. Ein schwarzer BMW überholt, die Lady auf dem Beifahrerplatz knipst den Rolls Royce, während der Gatte mit großen Gesten offenbar das Technikreferat hält. Ist schon ok. Der flauschige Flokati-Teppich, das schmiegsame, cognacbraune Leder, die fröhlich übers Walnussholz-Armaturenbrett verteilten Bedienelemente verbreiten eine Atmosphäre souveräner Gelöstheit. Der Bordcomputer unten rechts im Cockpit meldet einen Durchschnittsverbrauch von 17 Liter Super je 100 Kilometer - alles kein Grund zur Beunruhigung.

Zumindest nicht für diejenigen, die sich dieses Auto zulegen: Der Phantom kostet in der Grundausstattung inklusive deutscher Mehrwertsteuer 375.492 Euro. "Aber kaum ein Auto geht unter 400.000 Euro weg", erklärt Verkaufsfachmann Stopka. Rolls-Royce-Kunden bestellen also Extras im Wert eines Kleinwagens für ihr Modell, und das geht ruckzuck. Vorhänge für den Fond etwa kosten 5220 Euro Aufpreis, 21 Zoll große, verchromte Aluräder sind für 6380 Euro erhältlich, verstellbare Fußstützen für 2088 Euro, Picknicktischchen an den Rücklehnen der Vordersitze für 1914 Euro und quer über den Innenraum verteilte Rolls-Royce-Logos kommen mit 580 Euro auf die Rechnung. Und das hat noch nichts mit Individualisierung zu tun, wie sie bei den Briten üblich ist.

"Emily": Auf Knopfdruck versenkbar
Jürgen Pander

"Emily": Auf Knopfdruck versenkbar

"Wenn der Kunde mag", sagt Stopka, "bekommt er das Auto auch in Orange mit rotem Leder." Wenn er mag und wenn er zahlt, möchte man ergänzen. Rund zehn Phantom-Modelle hat das Autohaus Tamsen seit Anfang 2003, als der Wagen auf den Markt kam, verkauft. Insgesamt 71 Rolls-Royce-Händler weltweit kümmern sich um die erlauchte Kundschaft - im vergangenen Jahr brachten sie alle zusammen etwa 800 Neufahrzeuge an den Millionär, oder an Hotelketten, die das Riesenauto gerne als Shuttlefahrzeug für die Gäste ihrer Luxussuiten einsetzen.

Der wahrhaft beste Platz in einem Rolls Royce Phantom ist die Rückbank. Mag es noch so verführerisch sein, den wuchtigen Dampfer über die linke Spur gleiten zu lassen und im rechten Fuß die gewaltige Kraft des Motors zu spüren - nur im Fond stellt sich das wahre Rolls-Royce-Gefühl ein. Man streicht über die Intarsien aus Mahagoni, Eiche oder Ulme denkt darüber nach, dass dafür bis zu 250 Jahre alte Hölzer verwendet werden. Und man spürt das Leder, für das pro Auto insgesamt 15 Rinderhäute verarbeitet werden. Oder man erfreut sich einfach daran, dass dieser Wagen so gediegen über die Straße hobelt, und dabei zwar Aufsehen erregt, aber niemals Aggression.

Auf dem Fahrerplatz stellt sich dieses Gefühl der Souveränität immer dann ein, wenn es hurtig vorwärts geht. Dann bilden "Emily" und die beiden Hörnchen der Kotflügel eindeutige Navigationshilfen für den 1,99 Meter breiten Koloss. Sobald sich aber die Kiesauffahrt als Sackgasse entpuppt, wird es schwierig: Rückwärts kann man dieses Auto praktisch nicht bewegen, weil es enorm unübersichtlich ist. Rangieren ist auch problematisch, der Wendekreis beträgt 13,80 Meter. Insofern gibt es nur eine stilvolle Möglichkeit, dieses Auto zu verlassen: Vorfahren, Aussteigen und den Schlüssel einem willigen Menschen übergeben. Mit der unausgesprochenen Frage: "Möchten Sie Rolls Royce fahren?"



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