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Urwahn: Urban Bike Stadtfuchs

Foto: Stefan Weißenborn

Urban-Bike Stadtfuchs Läuft wie gedruckt

Tragende Rahmenteile kommen aus dem 3D-Drucker: Mit seinem Urban Bike schreibt das Magdeburger Start-up Urwahn an der Fahrrad-Technologie-Geschichte mit. Beim Fahren merkt man davon fast gar nichts. Gut so.

Der erste Eindruck: Ein Rad - man könnte sagen - mit Hüftschwung. Aber fehlt hinten einfach nur ein Stück Rohr, oder hat das seltsame Heck einen tieferen Sinn?

Das sagt der Hersteller: Das muskelbetriebene Stadtfuchs ist mit knapp 4000 Euro so teuer wie ein gutes E-Bike. Ramon Thomas, Geschäftsführer des Herstellers Urwahn weiß das, meint aber: "Wir wollen uns dagegen verwehren, ein Luxusanbieter zu sein." Wie das gelingen soll, wenn dem Start-up in den sozialen Medien bislang vor allem die Jüngeren folgen, man aber wegen des hohen Preises unbedingt die Zielgruppe der arbeitenden 30- bis 55-Jährigen erreichen muss, bleibt sein Geheimnis.

Urwahn sieht sich als Technologiepionier. Das Stadtfuchs sei "das erste 3D-gedruckte Fahrrad in Serie". Aus dem Stahldrucker kommt natürlich nicht das ganze Rad, aber alle Verbindungsteile des Rahmens: das Tretlager, die Aufnahme für die Sattelstütze, beide Ausfallenden, der Steuerrohrverbinder, in den das Vorderlicht integriert ist, sowie das Sattelrohr, das zum Hinterrad umlenkt und so zur Sitzstrebe wird.

Die restlichen Rohrstücke des Rahmens steuert ein klassischer Rohrhersteller bei. Mit den gedruckten Teilen werden diese Rohrprofile im Hartlötverfahren verbunden, die Übergänge danach verschliffen und beschichtet. Schicke Sache, doch mit dem aufwendigen Verfahren geht Urwahn auch ein unternehmerisches Risiko ein.

"Das Problem ist der 3D-Druck, der noch so kostenintensiv ist", sagt Thomas. Rund die Hälfte der Produktionskosten entfielen auf den Rahmen - ein ungewöhnlich hoher Anteil. Doch der Urwahn-Geschäftsführer rechnet mit sinkenden Kosten durch steigenden Wettbewerb, da es immer mehr Fertigungsbetriebe gebe, die die Technik anwendeten.

Selektives Laserschmelzen heißt das additive Fertigungsverfahren, in dem das Stadtfuchs entsteht: Dabei schmilzt ein Laserstrahl pulverförmigen Stahl auf - Schicht für Schicht, mikrometerdünn, 2500 Mal, bis das Bauteil fertig ist - deshalb additiv. "Herausgekommen ist ein Rahmen aus Chrom-Molybdän-Stahl von 2,5 Kilo, der damit in der Gewichtsklasse herkömmlicher Aluräder fahre, zugleich aber stahltypisch flexibel bleibe.

Seine Dämpfungseigenschaften verbessert das Bike laut Hersteller durch den erwähnten Knick im Hinterbau, der das Hinterrad elastisch aufhänge. Was aussieht wie eine Lücke im Sitzrohr, bringt laut Thomas einen zusätzlichen "Federeffekt ohne Mehrgewicht" - weil kein eigenes Federelement in den Rahmen integriert werden müsse. Eine Daumenbreite bewegt sich der Rahmen in vertikaler Richtung. Auf unebenem Grund steigere dies den Fahrkomfort.

Das ist uns aufgefallen: Der cleane Look. Wo gedruckt wird, gibt es keine Schweißnähte mehr, ähnlich wie bei einem laminierten Carbonrahmen. Und es entstehen weitere Möglichkeiten beim Design. Das Frontlicht wölbt sich aus dem Steuerkopfrohr, organisch integriert ist die Rückleuchte am Abschluss des Oberrohrs, die bei Schmuddelwetter allerdings schnell verdreckt. Die Sattelklemme verschwindet in der Stange, und dass die Leitungen innen geführt sind, gehört zu den Selbstverständlichkeiten.

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Angesichts des Preises darf man erwarten, dass das Stadtfuchs gut fährt. Während der Testrunden fällt auf, dass nichts auffällt. Gut so. Unser Verdacht, der Knick im Rahmen könne sich negativ auf die Stabilität auswirken - unbegründet. Um vorzubeugen, wurden bestimmte Abschnitte im 3D-Druck aufgedickt - zum Beispiel das Tretlager. Der Bereich wirkt beim Pedalieren steif und verwindungsarm.

Das Rad ist dank des kurzen Radstands agil, lenkt sich direkt - passend zum verordneten Einsatzgebiet, dem Großstadtdschungel. Man sitzt aufrechter als auf einem Rennrad, was den Schulterblick erleichtert. Auf der urbanen Buckelpiste hört man kein Klappern am Rad.

Auch der Riemenantrieb verursacht keine Betriebsgeräusche. Die ölgeschmierte Alfine-Nabe von Shimano schaltet treffsicher, leise und auch beim Gangwechsel nach oben nahezu widerstandsfrei. Die elf Gänge bieten einen großen Übersetzungsbereich von 409 Prozent. Erforderlich ist allerdings ein regelmäßiger Ölwechsel.

Das muss man wissen: Grundsätzlich ermöglicht 3D-Druck die kostengünstige Produktion auch kleiner Stückzahlen, da keine formgebenden und teuren Fertigungswerkzeuge mehr benötigt werden. Große Hersteller wenden das Verfahren bislang erst zur schnellen Herstellung von Prototypen an, für Tests. Mehrere Firmen haben aber angekündigt, bald erste Carbon-Komplettrahmen auszuliefern. Urwahn wird sich aus Kostengründen zunächst auf die erwähnten Komponenten beschränken, setzt am diebstahlgefährdeten Stadtrad aber auch auf Sicherheitsfeatures.

Im 4000 Euro teuren Endprodukt ist serienmäßig ein GPS-Tracking-System von Sherlock verbaut, mit dem das Rad bei Diebstahl geortet werden kann. "Sobald jemand das Rad bewegt, gibt's eine Rückmeldung aufs Telefon." Das beruhige die Kunden, sagt Thomas. Das zigarrengroße Bauteil mit sensibler Sensorik verschwindet von außen unsichtbar im Lenkrohr rechts oder links und wird mit einer App gepairt. Der Akku muss über Mini-USB wöchentlich geladen werden. Direkt gegen Diebstahl gesichert sind Sattel, Vorbau und Laufräder - serienmäßig mit dem Hexlox-System von der gleichnamigen Berliner Firma: Kleine Einsätze werden in Innensechskantschrauben versenkt und lassen sich nur mit einem codierten Schlüssel wieder entfernen.

Ohnehin ist fast alles am Stadtfuchs made in Germany, was Urwahn als ökologischen Vorteil verkauft, denn die Wege sind kurz: Die Rohre kommen aus Hannover statt wie üblich Taiwan oder Vietnam, gedruckt wird in Dresden, gelötet in Leipzig, endmontiert in Magdeburg. Auch der Nabendynamo kommt aus Deutschland - von Wilfried Schmidt Maschinenbau in Tübingen.

Praktisch an diesem Bauteil ist vor allem, dass es anders als andere Nabendynamos bei der (De-)Montage des Laufrades, die dank Steckachse schnell gelingt, nicht mehr ver- oder entkabelt werden muss. Die Stromverbindung ist da, sobald die Steckachse sitzt. Kleiner Abstrich: Trotz vergleichsweise leichtem Lauf nimmt der Dynamo dem Vorderrad doch minimal den Schwung, was Rollwiderstands-Fetischisten stören könnte. Dafür ist die Beleuchtung immer angeschaltet und ein Akku überflüssig.

Das werden wir in Erinnerung behalten: Die Hoffnung darauf, dass das Rad billiger wird, und damit tatsächlich die Aura eines Luxusguts verliert. Denn dazu ist das Stadtfuchs zu alltagstauglich.

Stadtfuchs

Hersteller: Urwahn
Typ: Brompton Faltrad in Rennversion
Antrieb: Carbon-Zahnriemen von Gates (CDX)
Schaltung: Shimano Alfine 11-Gang
Gewicht: 12 kg (Größe M)
Rahmenmaterial: Stahl (Chrom-Molybdän-Legierung)
Bremse: hydraulische Scheibenbremsen von Tektro (HD-R), Discs je 140 mm
Laufräder: Ryde Dutch 19 (19-622)
Bereifung: Continental "Grand Prix Urban" (35-622)
Preis: 3990 Euro