Zweirad-Duell Schlägt die Elektro-Vespa einen China-Roller?

Piaggio baut endlich die Elektro-Vespa - und tritt gegen Asiaten an, die den Markt seit Jahren dominieren. Hat sich das Warten gelohnt? Wir haben die Elettrica mit einem typischen China-Roller verglichen.

Piaggio / Vespa

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Die Stars kommen immer zuletzt. Dieses Partymotto haben die Verantwortlichen bei Piaggio offenbar verinnerlicht. Seit 2017 hatten sie die elektrische Vespa immer wieder angekündigt, allerdings nicht geliefert. Im Frühjahr dann schlug die Elettrica bei den Händlern auf.

Doch wie gut ist Piaggios lange erwarteter E-Roller?

Das soll ein Vergleich zeigen mit dem Modell eines Herstellers, der von Anfang an auf der Party dabei war: Dem Niu M+ aus China. Einem technisch gereiften Mittelklassemodell, das wie die Vespa mit Design punkten kann. In vier Kategorien musste sich die Vespa gegen den M+ beweisen: Fahren, Technik, Stromverbrauch und Preis.

Fahren: Schwer und trotzdem agil

Auf die Elettrica musste man nicht nur lange warten, auch beim Losfahren dauert es etwas länger - während der chinesische Konkurrent schon losrollt. Denn das ist beim Niu deutlich einfacher: Schlüssel umdrehen, auf den neongrünen Knopf neben dem Stromgriff drehen und ab geht's.

Die Vespa gibt sich komplizierter: Schlüssel umdrehen, danach einen Knopf für drei Sekunden gedrückt halten, bis die grüne "Ready"-Leuchte angeht - aber war es nun der "Mode"- oder der direkt darunter liegende "Map"-Schalter? Es war, wie sich nach einem Fehlversuch herausstellt, das "Map"-Knöpfchen. Hat man diese Herausforderung überwunden, überzeugt die Vespa jedoch. So liegt sie besser auf der Straße und vermittelt mehr Vertrauen - was sich direkt in höheren Kurvengeschwindigkeiten auszahlt.

Das gute Fahrverhalten hängt jedoch mit zwei vermeintlichen Nachteilen zusammen: Mit 1,87 Metern ist sie rund 20 Zentimeter länger als der Niu - und mit 130 Kilogramm mehr als doppelt so schwer. Fürs souveräne Rollen sorgen das klassische Blechkleid der Vespa und der tiefe Schwerpunkt durch den fest verbauten, mittig sitzenden Akku. Auch die Sitzbank ist deutlich komfortabler als der beengte Doppelsitzplatz des M+. Dort ist zwar offiziell Platz für zwei Personen - allerdings nur wenn beide schmal gebaut sind.

Der Niu, dessen Name auf Mandarin "Stier" bedeutet, ist im Stadtverkehr jedoch deutlich flinker als die italienische Wespe. Er ist nicht nur acht Zentimeter schmaler, die bei mancher Lücke den Unterschied machen, sondern fühlt sich auch agiler an. Eine kurzentschlossen heruntergeladene Gratis-App zur Beschleunigungsmessung zeigte jedoch, dass es sich dabei nur um eine gefühlte Wahrheit handelt. Dort pendelte sich der Wert für den Sprint von null auf 20 km/h beim Niu bei 2,3 Sekunden ein. Die Vespa brauchte nur 1,7 Sekunden. Den Eindruck bestätigte ein direkter Vergleich mit zwei Fahrern.

Die schlechtere Beschleunigung ist im Stadtverkehr jedoch kein großer Nachteil, die Höchstgeschwindigkeit dagegen schon. Beide Roller sind maximal 45 km/h schnell - eigentlich. So ist bei der Vespa spätestens bei 48 km/h Schluss, egal was Straße oder Wind sagen. Der M+ sieht diese Grenze entspannter, bis zu 55 km/h sind auf ihm laut Tacho machbar. Damit entwischt er der Vespa zwischen Ampeln und gibt dem Fahrer im Alltag weniger das Gefühl, ein Verkehrshindernis zu sein.

Fazit: Unentschieden - die Vespa fährt besser, ist aber langsamer.

Technik: Markenakkus und Bosch-Motor

Trotz des vergleichsweise unbekannten Herstellernamens steckt auch im M+ Markentechnik. Der 1,2 Kilowatt starke Motor stammt von Bosch und liefert ein Drehmoment von 110 Newtonmetern. Diesen Wert übertrifft die Vespa allerdings deutlich: Ihr Motor leistet maximal 4 Kilowatt - und stemmt stolze 200 Newtonmeter Drehmoment auf die Straße.

Auch bei den Akkus gehen beide Hersteller unterschiedliche Wege. In der Vespa steckt ein fest verbauter, 86 Amperestunden fassender Akku von LG Chem. "Der fest installierte Akku ist sicher unpraktisch für alle, die keine eigene Garage haben", erklärt auch Piaggio-Sprecher Ansgar Schauerte. Denn zum Laden muss man die Vespa direkt an eine Schuko-Steckdose anschließen, nach rund vier Stunden ist sie dann voll. Das habe Piaggio jedoch bewusst in Kauf genommen, denn man wollte eben "mit dem Kleid und dem Image der Vespa kommen", so Schauerte. Dass die Batterie verbaut ist, hilft dem Aussehen und schafft Platz für einen Jethelm unterm Sitz.

Für Laternenparker ist der Niu aber deutlich praktischer. Sein 42 Amperestunden fassender Panasonic-Akku steckt unter dem Fahrersitz und kann zum Laden mit in die Wohnung. Doch auch hier ist das Laden nicht ganz ohne Tücken: Steckt man das Ladegerät erst an die Steckdose und dann an den Akku an, verweigert dieser manchmal das Aufladen. Trotz der kleineren Kapazität braucht der Niu-Akku an der Steckdose ähnlich lang und ist nach rund 3,5 Stunden voll.

Beim Laden ist der Niu zwar alltagstauglicher als die Vespa, erkauft sich das jedoch mit einem Nachteil: Unter dem Sitz ist bei ihm gerade einmal Platz für das zugehörige Ladegerät.

Fazit: Unentschieden - beide Konzepte haben Vor- und Nachteile.

Energieverbrauch: Vespa entpuppt sich als Stromfresser

Von ihrem deutlich größeren Akku profitiert die Vespa im Alltag nur bedingt. Zwar schafft sie die versprochene Reichweite von 80 Kilometern problemlos, während der Niu anstatt der versprochenen 80 Kilometer im Alltag nur 50 bis 60 Kilometer weit kommt. Allerdings verbrauchte sie auf einer Testrunde doppelt so viel Strom wie der M+.

Dafür haben wir beide Roller vollständig geladen und sind mit ihnen gleichzeitig eine 10,7 Kilometer lange Runde durch Hamburg mit Steigungen, Kopfsteinpflaster und zahlreichen Ampeln gefahren. Anschließend wurden die Roller wieder aufgeladen - mit zwischengeschaltetem Strommessgerät. Das Ergebnis: Der Niu brauchte 0,335 kWh - die Vespa dagegen 0,711 kWh.

Fazit: Klarer Vorteil Niu.

Preis: Ein Roller zum Dacia-Preis

Die Elettrica soll ein Premiumprodukt sein - und zeigt das vor allem auf dem Preisschild. 6390 Euro kostet Piaggios Elektroroller. "Die Elettrica ist vergleichbar mit einem BMW i8 oder einem Tesla: Das sind Fahrzeuge für eine bestimmte Zielgruppe, die auch bereit ist, so einen Preis zu zahlen", sagt Piaggio-Sprecher Schauerte. Dagegen ist der Niu M+ für 2599 Euro ein Schnäppchen.

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Vespa Elettrica auf Vergleichsfahrt: Stier schlägt Wespe

Die Vespa ist jedoch auch im Alltag teurer: 100 Kilometer auf der Elettrica kosten bei den im Test ermittelten Verbrauchswerten 1,86 Euro - auf dem M+ nur 0,87 Euro (bei einem Strompreis von 28 Cent pro kWh).

Fazit: Vorteil Niu - die Vespa ist zwar gut, aber nicht mehr als doppelt so viel Geld wert.



insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
brotherandrew 08.06.2019
1. Die ...
... Langzeitqualität und der Restwert sind hier wohl nicht der Rede wert. Das Fazit sieht vielmehr so aus: Wer einen agilen Wegwerfroller aus China möchte und dabei hauptsächlich alleine fährt, nimmt den Niu. Wer hingegen ein erwachsenes Fahrzeug mit Platz für zwei Personen haben will, das auch nach vielen Jahren noch fährt und gefragt ist, nimmt die Vespa.
112211 08.06.2019
2. Schrott
Vespa - schicker Schrott. Der fest verbaute Akku ist die totale Katastrophe. Für den Städter der Rohrkrepierer schlechthin.
spon-facebook-10000239462 08.06.2019
3. Mobile Steinzeit
Hierzulande herrscht wahrlich die mobile Steinzeit. Während es sogar in Ländern wie Kuba massenhaft Elektroroller gibt, ist hierzulande weitgehend Flaute. Die Modelle sind bei uns weitaus teurer als im Ausland und vom Design her eine Frechheit. Ich habe versucht, mir hier in Deutschland ein ähnliches Modell zu kaufen, wie ich es in Kuba fahre (Mishozuki), aber das ist leider nicht möglich. Die beiden beschriebenen Modelle zeigen einmal mehr, dass es hier keine ernstzunehmenden Versuche gibt, die E-Mobilität zu fördern.
sprengsatz 08.06.2019
4.
Roller sollten auf 60 erhöht werden. Mein Peugeot Roller (2 Takter) schaffte ohne Umbau 70 kmh und da macht das auch spass. Mit 45 rumjokeln nervt Fahrer und alle anderen. Letzten endes ist sowas nur für Hipster. Für 6000 Euro kriegt man 2 komplett Restaurierte S50/51/53 und kann legal 80+ fahren mit FS Klasse B ;D
cochon 08.06.2019
5.
Die Elettrica kommt um Jahre zu spät. Piaggio hat geschlafen und würde ohne die Konkurrenz aus China ewig die knatternden & stinkenden 2-Takter weiterbauen die mir jeden Italienurlaub vergällen.
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