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07. August 2006, 09:50 Uhr

Volvo 850, Baujahr 1994

Die Liebe zum Alteisen. Ein Geständnis

Der deutsche Wagenpark ist angegraut, und das liegt nicht nur an fehlendem Kleingeld. Manche Autofahrer wollen sich partout nicht von ihren Lieblingen trennen. So etwa SPIEGEL-ONLINE-Leserin Karin Wolter, die ein ganz spezielles Verhältnis zu ihrem Volvo entwickelt hat.

Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren. So alt war der Fahrzeugpark hierzulande noch nie. SPIEGEL ONLINE testet mithilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Karin Wolter, die in Italien lebt, über ihren Volvo 850, Baujahr 1994.

Bis vor ein paar Wochen hätte ich jedem entschieden widersprochen: Natürlich habe ich keine Beziehung zu meinem Auto, keinerlei emotionale Bindung trübt den realistischen Blick! Ein reiner Gebrauchsgegenstand also, der Volvo 850 mit seinen 123 kW, Baujahr 1994. Doch dann ging er kaputt. Genau einen Tag, bevor ich mich aus Italien Richtung Deutschland zum längst fälligen TÜV aufmachen wollte. Nach vorne ging es noch, nicht aber nach hinten.

Der örtliche "Meccanico" brauchte eine Woche und die Volvo-Werkstatt anschließend auch noch mal ein paar Tage für die niederschmetternde Diagnose: Automatikgetriebe kaputt. "208.000 Kilometer auf dem Tacho, Signora - was wollen Sie?" Ein Auto das fährt, dachte ich und bat um einen Kostenvoranschlag. Der Werkstattleiter machte große Augen, fragte, ob ich um den Wert des Autos wüsste und schob besorgt nach: "...oder haben Sie eine Beziehung zu Ihrem Auto?"

Gefühl oder Vernunft?

Diese Frage beschäftigte mich 24 Stunden lang. Eine Beziehung? Zu einem Gegenstand, der mich bei vier Umzügen, bei Reisen nach Norden und Süden begleitet hatte? In dem geküsst und geweint wurde und Kinder sich nach Geburtstagspartykampfwettessen übergaben? In dem es ein Jahr lang wie im Kuhstall stank, nachdem Rasenschnitt darin transportiert worden war, der zu lange in der Hitze gestanden hatte?

Ich spürte Gefühle aufsteigen, schnell wandte ich mich dem wirtschaftlichen Aspekt zu: Wie viel müsste ich anlegen, um ein nur annähernd genau so sicheres, geräumiges und starkes Auto zu bekommen? Ich erteilte den Reparaturauftrag.

Am Tag der Fertigstellung rief die Werkstatt an: "Signora, wir haben Ihr Auto Probe gefahren…" - mir stockte der Atem – "…die Klimaanlage funktioniert nicht." Ich lachte erleichtert auf: "Die muss einmal im Jahr neu befüllt werden, ein kleiner Riss im Kühler, ich weiß." Als ich auf den Hof der Werkstatt kam, stand dort mein Auto, innen und außen gewienert, mit Schonbezüge auf Fahrersitz und Lenkrad, neben seinen neuen Volvo-Kollegen. O ja, ich habe eine Beziehung zu diesem Auto!

Die Werkstatt spendierte Pfefferminzbonbons

Erworben habe ich es zwei Jahre alt als äußerst gepflegten Firmenwagen - eine Attitüde, die ich ihm bald ausgetrieben habe. Ein Auffahrunfall mit Anhängerkupplung im Stadtverkehr von Stockholm – "o, sieh mal, wie schööön...!" - kostete ihn die gesamte Schnauze und meine Vollkaskoversicherung ein Vermögen. Von diesem Unfall blieben bis heute zwei Erinnerungen: ein Haarriß im Kühler der Klimaanlage und ein sich vergrößerndes Loch im Klarlack der schlecht lackierten Motorhaube. Ab diesem Zeitpunkt tat es dann eine Haftpflichtversicherung. Die Volvo-Vertragswerkstatt gönnte ich ihm noch lange Jahre, ein wahrer Luxus, aber dafür hingen immer Pfefferminzbonbons am Rückspiegel.

Kleine Schäden begleiteten uns die nächsten Jahre: eine lose Innenverkleidung an der Kofferraumtür ("Wie schön, dass der Kinderwagen quasi im Ganzen in den Kofferraum passt!"), ein kaputtes Schloss am Handschuhfach (preisgünstig versorgt mit Klebepaste), ein kaputter Scheinwerfer-Scheibenwischermotor vorne ("braucht kein Mensch, klemmen sie ihn ab!").

Manchmal – dann aber grundsätzlich in Situationen großer Eile, mit einem brüllenden Baby oder nach Halten im Halteverbot - kam es vor, dass mein Volvo das Starten ohne erkennbaren Grund verweigerte. Die Lösung fand ich nach Jahren selbst: Das Zündschloss war "ausgeleiert". Ein Hauch einer Drehung zurück - und der Wagen schnurrte. Seit einigen Jahren quietschen die Bremsen trotz regelmäßiger Wartung, daran gewöhnt man sich. Von außen betrachtet wird mein Volvo von bösartigen Mitmenschen als "rundgefahren" bezeichnet. Aber weiß denn ich, wer alle die Mäuerchen, Poller und Ähnliches an meinen Stoßstangen abschleift?

Die Kunststoffteile an der Karosserie sind inzwischen mehr grau als schwarz, aber der Lack ist - bis auf die erwähnte Stelle - noch sehr gut. Die eigenartige Farbe "Schmutziggrau" ist auf Dauer gesehen doch von Vorteil. Ich gestehe also öffentlich, eine Beziehung zu diesem Wagen aufgebaut zu haben, und hoffe, dass sie durch gute Pflege noch lange währt!

PS: Ach ja, liegen geblieben bin ich mit dem Auto zweimal: Der Tank war leer gefahren.

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