VW Caddy Life Wunderbar langweilig

Keine Flugzeuge im Bauch, kein Kribbeln - gar nichts. Bei Image und Ausstrahlung tendiert der VW Caddy Life gegen null. Doch wen kümmert das? Als familientaugliches Vernunftauto ist der schmucklose Minilaster kaum zu schlagen.

Von Jürgen Pander


Ein neuer Testwagen vor der Tür - das bietet eigentlich immer Stoff für Diskussionen. Über das Aussehen, die Motorleistung, den Preis oder darüber, ob man die Chromzierleisten nicht besser weggelassen hätte und Dynamite Black dem Auto besser stünde als Glacier White. In diesem Fall trug das Testmobil die Farbe Red Spice Metallic, doch trotz der leckeren Lackierung gab es niemanden, der durch Nachfragen Interesse an dem Auto bekundete. Vermutlich lag das an dessen grundsolidem, braven und trotz des glänzenden Rots unauffälligen Auftreten. Falls Autos zur Tanzstunde gingen, würde der VW Caddy Life als letzter aufgefordert.

Das ist ungerecht und eine fahrlässige Überbewertung von Äußerlichkeiten. Denn wer den Wagen etwas näher kennenlernt, wird sich bald wundern über den Wirbel, der oft um manche sehr viel teureren und aufgeblaseneren Konkurrenten gemacht wird, die unter dem Strich deutlich weniger bieten als der Caddy. Bei VW läuft das Auto offiziell unter der Sparte Nutzfahrzeuge, obwohl die Variante Caddy Life nur noch die Grundform gemein hat mit dem Minilaster für Elektriker, Maler oder Kurierfahrer.

Im VW Prospekt klingt es fast so, als würde man sich für das Auto ein bisschen schämen. "Für alle, die sich auch um andere Dinge Gedanken machen, als um ein Automobil", heißt es da. Damit aber trifft der Caddy exakt das Lebensgefühl immer mehr Menschen, deren Horizont tatsächlich nicht an der Garage endet. Ein Auto soll funktionieren, möglichst viel Leute und Gepäck von A nach B schaffen und bitte einfach nur praktisch sein. Wer so an die Sache herangeht, wird im Caddy Life einen Pkw finden, der auf der gleichen Wellenlänge liegt.

Rund 50 Prozent der Bauteile des Wagens, der im polnischen Werk Poznan gefertigt wird, stammen aus den Regalen von Golf und Touran. Der Caddy ist 4,40 Meter lang, verfügt über einen Radstand von 2,68 Meter und schluckt in der fünfsitzigen Variante - es gibt das Auto auch als Siebensitzer - zwischen 750 und 2850 Liter Gepäck. Serienmäßig gibt es auf jeder Seite eine Schiebetür für den Fond und am Heck wahlweise eine große Klappe oder eine Flügeltür. Derart ausgerüstet nimmt der Caddy Life nahezu jeden Vergleich mit Großraumlimousinen oder modischen Geländewagen auf. An Alltagstauglichkeit ist das Auto - zumal in dieser Größenordnung - kaum zu übertreffen.

Für den Motorraum stehen vier Aggregate zur Wahl. In unserem Fall rumorte dort der 1,9-Liter-Pumpe-Düse-Diesel mit 105 PS. Bei flotterer Fahrt wurde aus dem Rumoren leider ein Rumpeln und Röhren, so dass man ab etwa 120 km/h rasch von der Erkenntnis eingeholt wird, dass dieses Auto ursprünglich eben doch als Nutzfahrzeug konzipiert und dementsprechend zaghaft mit Dämmmaterial ausgestattet wurde. Vom Geräuschpegel abgesehen, der auf längeren Autobahnetappen die Insassen zur Einsilbigkeit verdammt, fährt sich der Caddy Life recht angenehm. Das Fünfganggetriebe lässt sich problemlos bedienen, die Armaturen sind übersichtlich angeordnet und über einen Durchschnittsverbrauch von 6,8 Liter lässt sich, angesichts der meist dreiköpfigen Besatzung plus reichlich Gepäck an Bord, auch nicht meckern.

Es geht auch ohne Wurzelholz und Leder

Dass der Caddy Life im Innenraum nicht das Ambiente einer luxuriösen Limousine bietet, kann man ihm nicht vorwerfen. Es geht auch ohne Wurzelholz und Leder - sehr gut sogar. Zumal der Caddy viele schlaue Ablagen bietet, eine sorgfältige Verarbeitung und durchdachte Details wie das mehrfach verstellbare Gepäcktrennnetz, Verzurrösen am Ladeboden oder Seitenfächer im Laderaum. Es gibt aber auch Unstimmigkeiten an Bord, etwa die viel zu weit in den Fußraum ragenden Verstellhebel für die Sitze; und eine Auflage für den rechten Arm wünscht man sich spätestens nach den ersten 150 Fernstraßen-Kilometern.

Dafür ist das Handling prima, was auch an der guten Über- und Rundumsicht vom Fahrerplatz aus liegt. Lob verdient haben sich vor allem die Außenspiegel in einem Format, das vermutlich mehr zur Verkehrssicherheit beiträgt als manch teures elektronisches Beiwerk zur Überwachung des toten Winkels.

In den ersten sieben Monaten dieses Jahres hat VW bereits 11.807 Caddys verkauft. Deutlich dahinter folgen andere Automodelle dieses Kalibers, etwa der Citroen Berlingo (5575), der Renault Kangoo (5033) oder der Fiat Doblo (2794). Die aufgehübschten Kastenwagen haben sich zu automobilen Familienfreunden gemausert, zumal sie deutlich billiger angeboten werden als etwa gleich große Vans und dazu noch größere Variabilität bieten. Vom fehlenden Image war eingangs schon die Rede. Aber das kann sich ja noch entwickeln. Der VW Caddy Eco Fuel zum Beispiel ist bereits das meistverkaufte Erdgasauto in Deutschland. Als Öko-Familien-Transporter dürften Caddy und Co. auf lange Sicht schwer zu schlagen sein.



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