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28. September 2013, 09:37 Uhr

Fahrbericht VW Cross-Caddy

Kastenwagen im Kampfanzug

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Klare Festlegungen sind Marketingleuten ein Gräuel, sie würden es am liebsten jedem recht machen. Das ergibt dann Autos wie den VW Cross-Caddy: einen Kastenwagen mit Offroad-Lametta und Allradantrieb im krassen Spagat zwischen Nutzwert und Chic. Kann das gutgehen?

Mein Bekannter fährt einen roten VW Caddy, er schaffte sich das Auto kurz nach der Geburt des ersten Kindes an. Jetzt inspiziert er den Testwagen, einen Cross Caddy in "candyweiß", mit schwarzen Radhausumrahmungen, 140-PS-TDI-Motor und Allradantrieb. "Das Plastik auf der Armaturentafel sieht genaus billig aus wie bei meinem", urteilt er, das war's dann aber auch schon mit der Kritik. Denn: Irgendwie gefällt ihm das Auto, sieht ein bisschen schicker, moderner, mondäner aus als das 08/15-Modell in seiner Garage.

Bingo. Genau so stellen sich die Strategen bei VW-Nutzfahrzeuge das wohl vor: dass Menschen, die ihre Familie im Kastenwagen herumkutschieren möchten, dann doch noch einen Rest an Stilbewusstsein aktivieren und zum trendigen Cross-Modell greifen, das ja nicht zufällig den gerade so beliebten Offroad-Trend aufgreift. Erkennbar wird das beispielsweise am "Design-Unterfahrschutz", an den Radhausbeplankungen oder an den abgedunkelten Rückleuchten, die eine gewisse Rustikalität ausstrahlen sollen. Und im Innenraum an speziellen Sitzpolstern, Lederlenkrad und von silberfarbenen Ringen eingefassten Luftausströmern.

Der Namenszusatz "Cross" tut ein Übriges, doch das ist alles nur Show. Denn wie alle anderen Caddy-Modelle fährt auch die "Crossversion" mit 15,7 Zentimeter Bodenfreiheit vor, was schon auf ausgefahrenen Feldwegen Bodenkontakt bedeutet. Dafür ragte unser Testwagen aufgrund der Dachreling (Aufpreis 190 Euro) mehr als 1,85 Meter hoch auf (es sind knapp 1,90 Meter) - was in der Einfahrt zur Waschanlage prompt den Höhenalarm auslöste und dem Auto die Dusche ersparte.

Raumgefühl wie im Kleinlaster

Generell ist das Format des Caddy überaus großzügig. Das Raumgefühl im Wagen ist immens, man sitzt aufrecht und entspannt, und die großen Scheiben ringsum ergeben - nicht zuletzt im Verbund mit den fast iPad-großen Außenspiegeln - einen hervorragenden Rundumblick. Man wähnt sich beinahe in einem Kleinlaster, und so falsch ist der Gedanke ja gar nicht. Die Hinterräder beispielsweise werden von einer Starrachse mit Blattfedern geführt, was das Fahrgefühl nicht gerade geschmeidig macht.

VW bietet für den Caddy insgesamt 18 Motor-Getriebe-Kombinationen an, darunter Benzin-, Diesel-, Erdgas- oder Bifuel-Aggregate (Benzin und Flüssiggas). In unserem Testauto war der 2-Liter-TDI installiert, sozusagen der Standard-Diesel von VW. Es gibt diesen Motor in zwei Leistungsstufen, mit 110 oder 140 PS; die stärkere der beiden Vierzylinder-Turbodiesel-Varianten steckte in unserem Testauto. Der Motor ist durchzugsstark und passt prima zu dem Wagen, schluckte jedoch statt der offiziell angegebenen 6,7 Liter Diesel je 100 Kilometer ungefähr eineinhalb Liter mehr während unserer Testfahrten.

Wünscht man für den Cross Caddy einen Allradantrieb, der bei VW 4motion heißt, muss man zum 2.0 TDI greifen, denn nur diese Maschine wird in Kombination mit vier Rädern angeboten. In der 110-PS-Variante gibt es dazu ein Sechsgang-Schaltgetriebe, in der Version mit 140 PS ein Sechsgang-DSG. Immer gleich ist die Funktionsweise des Allradsystems: In beiden Fällen schließt bei Schlupf an den Vorderrädern eine Haldexkupplung und leitet so einen Teil des Drehmoments nach hinten weiter.

Ein teures Vergnügen

Für großartige Offroad-Abenteuer taugt der Wagen natürlich nicht, doch auf "feuchtem Laub, körnigem Splitt oder matschiger Erde" (so heißt es auf der VW-Webseite) kommt der Cross Caddy mit Allradantrieb dann doch problemlos voran. Und falls der kommende Winter ähnlich verschneit wird wie der vergangene, werden sich die Fahrer von Caddy-Allradlern dann wohl auch sicherer fortbewegen als diejenigen in einem Fronttriebler.

Dieselmotor, DSG, Allrad, das klingt nicht nach Sonderangebot, und tatsächlich verlangt VW für den Cross Caddy mit diesen Zutaten 33.534 Euro. Das ist ein happiger Preis, bei dem man fast schon ins Grübeln kommt, ob man sich nicht doch nach einem gebrauchten VW-Bus umschauen sollte - denn im Prinzip ist der Caddy eine Art Sparversion des Multivan, zumindest aus der Sicht mancher Caddy-Eigner.

Das liegt vor allem am Platzangebot des Autos: Zum großen Laderaum und der niedrigen Ladekante kommen noch die beiden hinteren Schiebetüren, die den Zugang zur zweiten Reihe überaus bequem machen. Allerdings gilt für den Caddy, dass man für fast alle anderen nützlichen Dinge extra bezahlen muss. Das reicht von der Zwölf-Volt-Steckdose (42 Euro Aufpreis) bis hin zum ausziehbaren Ladeboden (975 Euro); und Dinge wie Klimaanlagen (1404 Euro), eine dritte Sitzreihe (624 Euro) oder eine Anhängerkupplung (583 Euro) kosten sowieso extra.

Man braucht also Selbstbeherrschung, wenn man die lange Liste mit den Optionen für das Auto durchgeht, denn sonst landet man rasch bei einem Preis jenseits von 40.000 Euro. Davon abgesehen ist das Auto ein prima Familienwagen - und ein einziger Kompromiss. Wie es eben so ist, wenn aus einem Kastenwagen für Handel und Handwerk ein Pkw wird, der dann auch noch einen Überzug aus SUV-Erkennungszeichen erhält. Ein empfehlenswertes Auto? Wenn zur Funktion auch ein bisschen Form gewünscht wird, dann ja. Wer einfach nur ein praktisches Alltagsauto und dazu noch Geld sparen möchte, sollte die Typen mit dem Namenszusatz "Cross" besser meiden.

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