Fahrbericht VW Golf Blue Motion Der Durstlöscher

Als VW den aktuellen Golf im Herbst 2012 vorstellte, protestierte Greenpeace: Das Auto sei nicht konsequent aufs Spritsparen ausgelegt. Nun gibt es die neue Sparvariante Golf Blue Motion. Nur 3,2 Liter Diesel verbraucht der Wagen im Labor - die Realität sieht anders aus.

Jürgen Pander

"Der sparsamste Golf aller Zeiten" - so bewirbt VW das Modell TDI Blue. Abgesehen vom sprachlichen Lapsus ("aller Zeiten" heißt ja, dass es in Zukunft keinen Sparsameren mehr geben wird), will sich auch sonst erst mal keine rechte Begeisterung einstellen. Man steht vor dem Auto und wundert sich, weil es so durchschnittlich und normal aussieht. Wie ein Golf eben.

Die kleinen aerodynamischen Veränderungen - dazu gehören der fast komplett geschlossene Kühlergrill, ein speziell geformter Dachkantenspoiler oder die um eineinhalb Zentimeter abgesenkte Karosserie - nimmt man nur dann wahr, wenn man sie kennt. Ebenso unauffällig sind die "Blue Motion"-Plaketten an der Karosserie.

Einige Kennzahlen des Autos sind da wesentlich imposanter. VW gibt den Durchschnittsverbrauch mit 3,2 Liter je 100 Kilometer an, was einen CO2-Ausstoß von 85 Gramm je Kilometer bedeutet (Effizienzklasse A+). Damit schlägt der Diesel-Kompaktwagen sogar das ähnlich große Hybridmodell Toyota Prius (89 g/km). Und er macht nebenbei deutlich, wie groß das Sparpotential selbst bei einem Allerweltsauto ist. Der erste Golf Blue Motion, der 2007 auf den Markt kam, trat mit einem CO2-Ausstoß von 119 g/km an. Jetzt, sechs Jahre später, sind es beim neuen Modell 34 Gramm oder fast 30 Prozent weniger.

Es gibt die Theorie - und Verbrauchswerte in der Praxis

An dieser Stelle wird es nun höchste Zeit, den Überschwang etwas zu dämpfen. Denn nach knapp 500 Kilometern Strecke mit dem Auto meldete der Bordcomputer einen Durchschnittsverbrauch von 5,4 Liter je 100 Kilometer. Mit Hilfe von Tankbeleg und Kilometerstand errechneten wir einen Wert von 5,7. Tja, so ist das echte Autoleben. Da fährt man auf der Autobahn auch mal 150 (was bei der Normverbrauchsberechnung gar nicht vorkommt), beschleunigt mal kurz, um noch bei Grün mit über die Ampel zu wischen und steckt im Feierabendverkehr fest in einer Zuckel-Kolonne vor einer Engstelle.

Einen noch größeren Einfluss auf den Verbrauch hat allerdings der Fahrer. Das weiß auch VW, weshalb der Golf eine Art pädagogisches Spritsparprogramm an Bord hat. Wer im Stand zweimal kräftig aufs Gaspedal tritt, etwa um das Anlassgeräusch aufzunehmen (siehe Soundcheck-Kasten links), wird vom Bordcomputer umgehend ermahnt: "Gaspedal im Stand nicht betätigen", erscheint dann auf dem zentralen Bildschirm im Cockpit.

Insgesamt 14 solcher Hinweise gibt es, etwa "Klimaanlage eingeschaltet, Fenster schließen" oder "Beim Bremsen erst unter 1300/Min auskuppeln". Diese Spartipps sind übrigens keine Besonderheit des Blue-Motion-Modells, sondern in allen Golf-Typen hinterlegt, auch im GTI; und sie lassen sich ausschalten, falls der Fahrer das als Bevormundung empfinden sollte.

Viele Kleinigkeiten helfen beim Spritsparen

Auch wenn der Realwert mit dem Laborergebnis wenig zu tun hat - VW hat einige Anstrengungen unternommen, um den Durst des Golf Blue Motion zu zügeln. Zum einen ist da die bessere Aerodynamik, der Golf Blue Motion hat einen cw-Wert von 0,27 gegenüber 0,31 beim Standard-Golf. Dazu kommen noch ein länger abgestuftes Sechsgang-Schaltgetriebe, ein paar Veränderungen an der Motorsteuerung, verringerte innermotorische Reibung durch Kolbenringe mit weniger Vorspannung sowie ein spezielles, teilsynthetisches Leichtlauföl von Shell. Zudem läuft der Wagen auf Reifen mit besonders geringem Rollwiderstand von Michelin oder Continental, die ausschließlich in den Größen 15- und 16-Zoll verfügbar sind.

Umgekehrt sind einige Ausstattungsextras für die Blue-Motion-Variante erst gar nicht bestellbar, weil sie bei einem Spritsparmodell widersinnig wären. So gibt es weder eine Anhängerkupplung noch ein Panoramaschiebedach und natürlich auch kein Sportfahrwerk. Umso alberner ist es daher, dass der Wagen trotz seiner abstinenten Ausrichtung mit einem unten abgeflachten Lenkrad daherkommt, das ja Sportlichkeit suggerieren soll.

Auch wenn der Golf Blue Motion auf geringen Verbrauch getrimmt ist, fahrerisch benimmt sich das Auto, wie man es von einem Golf erwartet. Erfreulich unkompliziert, durchaus flott, agil, handlich und rundum ausgereift. Es fehlt einem nichts, wenn man mit dem Wagen unterwegs ist. Insofern stellt sich die Frage, warum eigentlich nicht viel mehr Golf-Typen in den Genuss dieser Sparsamkeitsextras kommen. Die Antwort: "Weil diese Dinge, wären sie serienmäßig an Bord, den Preis des Autos um rund 1000 Euro nach oben treiben würden", sagt VW-Sprecher Jakob Kähler.

Holländer fahren auf den TDI Blue Motion ab

Wenn man beim Betrieb des Autos ein bisschen sparen will, muss man also erst einmal bereit sein, etwas mehr zu zahlen. 22.175 Euro kostet der Dreitürer mit dem 110 PS starken TDI-Motor in der Basisausstattung, das sind 1200 Euro mehr als der ebenso bestückte, normale Golf mit dem 105-PS-Dieselmotor. Wer Kraftstoff sparen will, den schreckt das offenbar nicht, warum sonst würde VW jetzt erstmals auch den Golf Variant und den kommenden Golf Sportsvan als Blue-Motion-Varianten anbieten?

Neben Deutschland sind Schweden, Österreich und Finnland die Hauptmärkte für das Blue-Motion-Modell - und natürlich Holland. Dort trägt fast jeder zweite verkaufte Golf eine TDI-Blue-Motion-Plakette, was sich ganz einfach erklärten lässt: Holländer fahren mit diesem Auto steuerfrei, denn der Wagen unterschreitet deutlich die in den Niederlanden für Diesel-Pkw gültige Steuerfreiheitsgrenze von 92 Gramm CO2 je Kilometer. Der sparsamste Golf aller Zeiten? "Veilig" - in Holland vorerst auf jeden Fall.

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