Autogramm VW Golf R Ein Fall von Krawall

Golf wie "Gähn"? Das trifft auf etliche Modellvarianten zu, doch gewiss nicht auf den neuen Golf R. Der tritt mit 300 PS an und das ESP lässt sich komplett ausschalten. Auf einem zugefrorenem See bedeutet das erstaunlichen Fahrspaß.

Volkswagen

Der erste Eindruck: Golf bleibt Golf, da helfen keine Pillen - auch nicht, wenn sie aus dem Doping-Labor kommen. Anders gesagt - auch mit den neuen Schürzen und Schwellern und abgedunkelten Rückleuchten der R GmbH wird aus dem Golf kein Auto, mit dem man groß Eindruck schinden kann. Zumindest nicht im Stand.

Das sagt der Hersteller: "Eines der sportlichsten Kompaktmodelle der Welt" - wenn das Marketing auf Touren kommt, dann muss es nach Superlativ klingen, selbst wenn Autos wie der BMW M 235i oder der Mercedes A 45 AMG in der gleichen Klasse noch etwas mehr Leistung haben.

Zumindest in der Golf-Familie markiere das R-Modell mit nun 300 PS eindeutig die Spitze, sagt Produktmanagerin Andrea Maria Ernst und hofft auf respektable Stückzahlen. Vom Vorgängermodell verkaufte VW etwa 40.000 Autos, was umgerechnet 2,5 Prozent der Golf-Gesamtproduktion entsprach. Frau Ernst kalkuliert diesmal fast mit dem Doppelten.

Das ist uns aufgefallen: Es ist bemerkenswert, wie sehr sich der Charakter des Golf in der R-Version ändert. Normalerweise mag er lustlos und langweilig sein und auch als GTI ist der Wagen noch zu gut erzogen, um dem Fahrer einen Kick zu bescheren. Als R-Modell jedoch wirft er die guten Manieren immerhin manchmal über Bord. Während in allen anderen Varianten etliche Elektroniksysteme über die Einhaltung der guten Sitten wachen, darf hier der Fahrer das Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen.

Schon in der Sportstellung lässt die Stabilitätskontrolle dank Allradantrieb spürbare Drifts zu, so dass man das Heck auf glattem Untergrund wunderbar anstellen kann, bevor einen die elektronischen Schutzengel wieder einfangen. Wird der Knopf in der Mittelkonsole allerdings vier Sekunden lang drückt, ertönt ein zarter Gong, und das ist das Signal für Fahrspaß wie früher - allerdings auch mit dem dazugehörigen Risiko. "Fährst du quer, siehst du mehr", sagt der VW-Instruktor bei den Testfahrten des Golf R auf einem schwedischen Eissee.

Das muss man wissen: Das R-Modell kostet mindestens 38.350 Euro und steht ab sofort bei den Händlern. Der Mehrpreis gegenüber dem GTI beträgt rund 10.000 Euro und dafür erhalten die Käufer ein leicht geändertes Design sowie eine erweiterte Ausstattung mit Sportsitzen und neuen Instrumenten sowie einen stärkeren Motor. Zwar steckt im Motorraum beider Sportmodelle der gleichen Zweiliter-Turbo-Benziner, doch im R-Modell produziert das Aggregat 300 statt 230 PS.

Das liegt an einem umprogrammierten Steuerchip sowie an einem veränderten Zylinderkopf mit neuen Auslassventilen, Ventilsitzringen und Ventilfedern; auch Kolben und Einspritzventile wurden ausgetauscht und der Turbolader ist ebenfalls ein anderer als im GTI. Damit allerdings sei das Potenzial des Motors noch nicht ausgereizt, sagt Produktmanagerin Ernst. Das wiederum eröffnet die Chance, ähnlich wie beim GTI, ein so genanntes Performance-Package anzubieten, das noch etwas mehr Leistung bedeutet - und natürlich noch mehr Geld kostet.

Mit einem maximalen Drehmoment von 380 Nm und ohne nennenswertes Turboloch reißt der Vierzylinder den R-Golf in 5,1 Sekunden von 0 auf 100. Fährt man mit Doppelkupplungsgetriebe, gelingt der Sprint sogar in weniger als fünf Sekunden. Obwohl um 30 PS stärker als das Vorgängermodell, verbraucht der Golf R 1,4 Liter weniger Sprit und ist im Normzyklus mit 7,1 Litern zufrieden. Im eiskalten Schweden auf dem zugefrorenen See und nach ausgiebigen Drift-Kapriolen zeigte der Bordcomputer allerdings einen Durchschnittsverbrauch von 26 Liter an; und nach einer flotten Überlandfahrt meldete das Gerät 13 Liter.

Zum potenteren Motor gibt es im R-Golf ein manuelles Getriebe mit spürbar verkürzten Schaltwegen oder alternativ ein sechsstufiges Doppelkupplungsgetriebe sowie ein um zwei Zentimeter tiefergelegtes Fahrwerk mit strammeren Dämpfern. Eine elektronische Differentialsperre bremst in schnell gefahrenen Kurven die jeweils inneren Räder ab, die elektronisch simulierten Quersperren des obligatorischen Allradantriebs garantieren stete Traktion und die Progressivlenkung mit einer variablen Übersetzung hilft bei zackigen Lenkmanövern. Sind es beim normalen Golf 2,75 Umdrehungen für den vollen Lenkanschlag, benötigt der Golf-R-Fahrer dafür lediglich 2,1.

Das werden wir nicht vergessen: Ein griffiges, unten abgeflachtes Lenkrad, eisblaue Zeiger in den Rundinstrumenten und eine Tachoskala bis 320 km/h - der Blick ins Cockpit des Golf R ist eine schöne Verheißung - und mündet trotzdem in eine kleine Enttäuschung. Denn auch wenn locker mehr drin wäre zieht die Elektronik bei 250 km/h die Reißleine. Ein bisschen driften ist erlaubt, aber bloß nicht über die Stränge schlagen. Schon gar nicht bei der Höchstgeschwindigkeit. Golf bleibt Golf, da helfen keine Pillen.

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