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06. Februar 2017, 12:31 Uhr

Autogramm VW Golf Facelift

Der kleine Unterschied

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Beim überarbeiten Golf 7 orientiert sich Volkswagen an der IT-Branche: Das Facelift ist eher ein Update. Es gibt vor allem Elektronik- und Entertainment-Neuheiten - und die gehen ins Geld.

Der Eindruck: Hä? Was soll daran neu sein?

Das sagt der Hersteller: "Volkswagen bringt die Zukunft in Serie", repetieren die VW-Manager den neuen Werbeslogan der Marke. Im Update für den Golf werde diese Ansage zum ersten Mal eingelöst, so die Argumentation. Mit der Modellpflege werde der Golf so "connected" wie noch nie, lasse sich intuitiver bedienen, mache den nächsten Schritt zum autonomen Fahren und habe noch effizientere Antriebe. So hakt die Wolfsburger Werbeleitung alle Themenfelder ab, die in der PS-Branche aktuell als zukunftsträchtig gelten.

Das ist uns aufgefallen: Außen muss man die Neuerungen am Auto mit der Lupe suchen, doch im Cockpit flimmern sie einem förmlich entgegen. Hinter dem Lenkrad prangen jetzt - wie bislang bei VW nur im Passat - komplett animierte Anzeigen, und die Mittelkonsole wird dominiert von einem 9,2 Zoll großen Touchscreen. Der reagiert nicht nur auf Berührung, sondern erstmals in der Kompaktklasse auch auf Winken und Wedeln mit der Hand; so lässt sich per Gestensteuerung durch diverse Menüs blättern.

Mehr Details zum neuen Golf 7 im Video:

Die beiden Displays im Cockpit und in der Armaturentafel sind nicht nur schick anzuschauen, sie lösen auch zum ersten Mal seit Urzeiten wieder so etwas wie Begeisterung aus, wenn man in VW Golf sitzt - zumindest gilt das für Digital Natives. Zudem sie sind das Tor zu einer Infotainment-Welt von bislang ungeahnter Weite. Dass auf dem Cockpitmonitor die Landkarte eingeblendet werden kann, kennt man schon; dass man diese Karte auf dem großen Bildschirm in der Mitte besser zoomen kann als auf einem Tabletcomputer, und sogar Google Street View eingebunden wurde, ist imposant, aber nicht innovativ. Dass jedoch bei eingehenden Anrufen auf Wunsch auch das passende Kontaktbild im Blickfeld des Fahrers aufpoppt, ist neu. Ebenso wie die Kooperation mit dem Start-up DoorBird, dank derer man im Golf Bordcomputer und die Sprechanlage des Eigenheims verbinden kann. Wenn also zu Hause der Postbote oder ein Bekannter klingelt, kann man das von unterwegs im Auto sehen - und den Wartenden gegebenenfalls schon ins Haus lassen.

Wer sich nicht nur auf der Datenautobahn, sondern auch auf der realen Straße fürs Vorankommen interessiert, erlebt den neuen Golf, wie er schon immer war: Souverän, solide - und stinklangweilig. Denn so kräftig und spurtstark die Motoren auch sind, so präzise die Lenkung und so ausbalanciert das Fahrwerk, der Pulsschlag des Fahrers beschleunigt sich einfach nicht - es sei denn, man sitzt im GTI. Da ist es fast schon ein Trost, dass es ab sofort auch ein neuer Stauassistent erhältlich ist, mit dessen Hilfe der Wagen bis Tempo 60 weit gehend autonom durch den Stop-and-go-Verkehr zuckelt. Dann hat man wenigstens für ein paar Sekunden die Hände frei, um vor dem Bildschirm herum zu wedeln.

Das muss man wissen: Zwar bedient sich VW mit dem Update für den Golf der Terminologie der Computerbranche, doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den Aktualisierungen für Computer oder Smartphones: Von den Neuerungen profitieren nur neue Autos, und man muss die Innovationen teuer bezahlen. Schon das Active-Info-Display, also das digitale Cockpit, kostet 645 Euro extra. Für LED-Scheinwerfer verlangt VW 1085 Euro und der große Touchscreen, und nur bei dem funktioniert zum Beispiel die Gestensteuerung, steht mit 2385 Euro in der Preisliste.

Wenn am 24. Februar der Verkauf beginnt, wird man zum Preis von 17.850 Euro das Basismodell bekommen, jedoch keine der nerdigen Neuheiten. Und auch etliche andere Details, die es teils schon etwas länger gibt, gehen nach wie vor ordentlich ins Geld. Und dann gibt es ja noch die Wahl zwischen Drei- oder aufpreispflichtigem Fünftürer sowie die zwischen den Karosserievarianten Limousine, Variant oder Alltrack. Ehe man es sich versieht, stehen dann 35.000 Euro und mehr auf der Rechnung, und die gern gepredigte Demokratisierung der Technik wird zur Illusion.

Bei aller neu entdeckten Liebe zur Generation Y hat VW übrigens auch ein paar Neuheiten aus der alten Welt der Ingenieure in den aufgefrischten Golf gebracht. Schließlich sind unter den mehr als einem Dutzend Antriebsvarianten von künftig 85 bis 245 PS ja auch weiterhin mindestens zehn Verbrenner - darunter einer, der mit Erdgas läuft, mindestens zwei Dieselmotoren und sieben Benziner. Während sich bei den Ölbrennern nichts tut, gibt's bei den Benzinern neue Varianten und einen Wechsel: Den Dreizylinder gibt es jetzt als Basismotor mit 85 PS, die beiden GTI-Varianten legen auf 230 und 245 PS zu und der bisherige 1,4-Liter-Vierzylinder wird von einem neuen Aggregat mit 1,5 Liter Hubraum ersetzt. Dieser 1,5 TSI EVO kommt mit Zylinderabschaltung und 136 oder 150 PS Leistung und hinterließ bei der ersten Ausfahrt einen guten Eindruck. Denn er ist so leise und laufruhig, dass man sich beinahe schon im neuen e-Golf wähnt - der allerdings erst in einigen Wochen renoviert und präsentiert wird.

Das werden wir nicht vergessen: Mit der Digitalisierung des Golf erscheinen manche Kleinigkeiten plötzlich in einem neuen Licht. Die anscheinend zufälligen Muster auf den Zierkonsolen in den Türen erinnern an Barcodes und alte Lochstreifen: der neuerdings rahmenlose Innenspiegel sieht mit dem bündig eingepassten Glas verdächtig nach Smartphone aus. Das kann kein Zufall sein.

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