VW Golf Variant Herz trifft Hirn

An jeder Ecke sieht man einen: Der VW Golf wird zu Recht als klassenloses weil nahezu omnipräsentes Auto gelobt. Seit wenigen Monaten gibt es den Kompaktwagen auch wieder in einer Kombivariante – so lang und geräumig wie nie. Braucht man überhaupt mehr Auto?


Mit Herz und Hirn heißt es oft, wenn ausgedrückt werden soll, dass Vernunft und Gefühl in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen. Die beiden Extreme sind auch in der Automobilwelt bekannt – hier der PS-strotzende Sportwagen, dort das biedere Sparmobil. Die meisten Modelle aber versuchen sich am Herz-und-Hirn-Kompromiss, wollen also beide Ansprüche befriedigen, ein bisschen wenigstens. Wenn man sich die Autos anschaut, denen dies besonders gut gelingt, dürften zahlreiche kompakte Kombis dazugehören. Zum Beispiel der VW Golf Variant.

Seit Juni bietet Volkswagen den neuen Golf Variant an. Im Vergleich zum Standardmodell bietet der Golf mit Happy End, wie die Werbung von einigen Jahren kalauerte, mit einer Länge von 4,56 Metern ein Plus von 36 Zentimetern und mit einem maximalen Ladevolumen von 1495 Liter ein Plus von 190 Litern. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich bereits das ganze Geheimnis des Autos: Es ist ein Golf, etwas verlängert und daher einer mit mehr Platz für Mensch und Material.

Wirklich neu am Kombi-Golf ist das Heck. Die beiden bisherigen Modelle – erst 1993 erhielt die Golf-Baureihe Zuwachs durch den Variant – verfügten über ein steiles, schmuckloses Heck und wirkten entsprechend zielorientiert: Es sollte möglichst viel Gepäck hineinpassen. Beim neuen Golf Variant ist das anders. Hier vollführt die Heckklappe in Hüfthöhe einen kessen Knick, der das Auto weniger plump aussehen lässt, allerdings Gepäckraum kostet. Mit einem optischen Trick suggerieren die Designer, dass der Laderaum besonders viel schluckt. Die Rücklichter nämlich ragen nicht mehr in die Heckklappe hinein, sondern schmiegen sich stattdessen bis weit in die hinteren Kotflügel. Dies helfe, so sagt VW, die Durchladebreite von 1,01 Meter zu betonen. Doch es gibt andere Autos in dieser Klasse, deren Hecköffnung noch größer ist.

Ordentliches Gepäckabteil mit flachem Extrafach

Dennoch: Der Golf Variant schluckt ordentlich Gepäck. Alle Alltags-Transportaufgaben lassen sich mit ihm bequem erfüllen – auch ein Kinderwagen plus Gepäck passen problemlos ins Frachtabteil, ohne dass die Fondsitzlehnen umgeklappt werden müssen. Werden sie aber umgelegt, streckt sich die mögliche Ladelänge auf 1,74 Meter und der Kofferraumboden bleibt komplett eben. Damit durch diese Raumaufteilung kein Volumen verschenkt wird, gibt es ein zusätzliches, flaches Stauabteil unter dem Ladeboden. An das kommt man allerdings erst heran, wenn alle anderen Gepäckstücke ausgeladen sind. Und das kann mühsam sein, zumal die Ladekante mit 57 Zentimeter auch vergleichsweise hoch ist.

Motorisiert war unser Testauto mit dem stärksten Diesel im Golf-Variant-Sortiment, dem 2-Liter-Pumpe-Düse-Diesel mit 140 PS. Der Motor läuft bei weitem nicht so rau, wie den Pumpe-Düse-Aggregaten immer nachgesagt wird. Es gibt natürlich leisere Maschinen, doch macht der Vierzylinder seine Sache recht ordentlich. Der Eindruck entsteht vor allem aufgrund des forschen Drehmoments von 320 Nm. Das Auto bewegt sich stets flott und bereitwillig – in einem Kombi dieser Klasse passt der Motor perfekt.

Keine Chance, den offiziellen Verbrauch zu schaffen

Wie VW allerdings den Normverbrauch von 5,6 Liter ermittelt hat, mag zwar theoretisch erklärbar sein, in der Praxis umzusetzen ist es jedoch nicht. Trotz zarter Gangart, frühem Hochschalten und konsequentem Ausnutzen des noch vorhandenen Schwungs vor roten Ampeln oder anderen Hindernissen – der Bordcomputer zeigte als Durchschnittsverbrauch nie weniger als 6,8 Liter an. Und das auch erst, als die Klimaanlage ausgeschaltet war.

VW Golf Variant
Einsteigen: ...weil das Auto mit seinen Fähigkeiten 95 Prozent aller Alltagsansprüche an ein Auto abdeckt.

Aussteigen: ...weil der Wagen absoluter Mainstream ist und ihm moderne Spritspartechniken fehlen.

Umsteigen: ...aus Kompakt-Kombis wie Opel Astra Caravan, Ford Focus Turnier, Renault Mégane Grandtour, Volvo V50 oder Hyundai i30 Kombi.
Was der Wagen jedoch prima kann, ist das entspannte Dahingleiten mit Kind und Kegel über mehrere hundert Kilometer, ohne dass die Sitze irgendwo drücken, die Fahrgeräusche nerven, es an irgendeiner Annehmlichkeit fehlt oder die Tankuhr einen aufschreckt. Und sobald der Wagen steht, erntet man durchaus neugierige und anerkennende Blicke, denn durch den geschmackvollen Chromschmuck und die klaren, unaufdringlichen Linien fällt das Auto durchaus angenehm auf. Vielleicht erst auf den zweiten Blick, doch das ist ja oft so, wenn Vernunft und Gefühl eine Liaison miteinander eingehen.



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