Autogramm: VW ID.4 Mit diesem Auto will VW Tesla schlagen

Der elektrische ID.4 soll der globale Bestseller von VW werden. Das Format ist deswegen – gähn – ein SUV. In vielen Details weist der Wolfsburger die Konkurrenz aber tatsächlich in die Schranken.
Der ID.4 soll das »Elektro-Weltauto« von VW werden. Das wuchtige Modell soll vor allem Kunden aus der SUV-Ecke abholen.

Der ID.4 soll das »Elektro-Weltauto« von VW werden. Das wuchtige Modell soll vor allem Kunden aus der SUV-Ecke abholen.

Foto: Uli Sonntag / VW

Der erste Eindruck: SUV trifft Seife. Der ID.4 tritt ausgesprochen glatt auf, er wirkt damit für VW-Verhältnisse vergleichsweise progressiv. Doch weder die Zweifarblackierung noch die silberne Spange über der Kabine noch die stark betonten Kotflügel oder das etwas schräg gestellte Heck können die Größe dieses Kolosses kaschieren.

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VW ID.4 - das Eines-für-alle-Elektroauto

Foto: Uli Sonntag / VW

Das sagt der Hersteller: Wenn VW-Markenchef Ralf Brandstätter über den ID.4 spricht, formuliert er globale Ambitionen. Während der kleinere Bruder ID.3 ein eher europäisches Modell – und damit eher ein Nebendarsteller in der Absatzstatistik – ist man sich in Wolfsburg sicher, dass der ID.4 in China und den USA das meistverkaufte Modell auf Basis des MEB-Baukastens aus dem Konzern werden wird.

Das Lastenheft war dabei prall gefüllt. Das neue Modell soll allen Anforderungen des Alltags gerecht werden. Es soll als Langstreckenauto genauso wie als Familienfahrzeug oder als Freitzeitmobil für leichtes Gelände überzeugen. Nebenbei soll der ID.4 auch noch das Model Y in die Schranken weisen, das Tesla in der neuen Gigafactory in Grünheide bauen will, und das ebenfalls ein Elektro-Massenmodell werden soll.

All diese Anforderungen zwingen den ID.4 allerdings in ein altbekanntes Format: Das Auto ist ein SUV, und es ist – im Bemühen alle Wünsche unter einen Hut zu bekommen – mal wieder ganz schön groß geworden.

Das ist uns aufgefallen: Außen groß, innen noch größer – das üppige Raumangebot ist das Erste, was am VW ID.4 auffällt. Mit 4,58 Metern ist er zehn Zentimeter länger als ein Tiguan und hat einen um zehn Zentimeter größeren Radstand. Weil die gesamte Antriebstechnik zudem im Wagenboden platziert ist, bleibt für die Passagiere viel mehr Platz, vor allem im Fond. 

Damit sticht der ID.4 auch das etwas längere Tesla Model Y aus, vom Polestar 2, der eher den Zuschnitt einer Limousine hat, oder dem Mustang Mach-E von Ford, ganz zu schweigen. Der Fahrer spürt von diesen Ausmaßen wenig. Weil die E-Maschine im Heck montiert ist, können die Räder deutlich stärker einschlagen als üblich und der Wendekreis wird entsprechend kleiner. Deshalb ist der ID.4 so handlich wie ein T-Roc und lässt sich problemlos rangieren. Das hat offensichtlich auch Elon Musk beeindruckt: Nach seiner letzten Ausfahrt durch Berlin kündigte er an, Tesla brauche für Europa noch ein handlicheres Auto.

Dass sich die Passagiere in der ersten Reihe im Tesla Model Y besser fühlen, liegt weniger an den realen Platzverhältnissen, als an der fast gespenstischen Leere im Cockpit des US-Modells. Obwohl es auch im ID.4 nur wenige Schalter gibt und das meiste über Sensorfelder oder den Touchscreen geregelt wird, wirkt der VW im Vergleich fast schon überladen. Immerhin ist die Materialanmutung vornehmer.

Der ID.4 ist insgesamt eher vom Schlage Praktiker. Die Mittelkonsole bietet mehr Stauraum als mancher Einbauschrank. Und unter die elektrische Heckklappe passt mit 543 bis 1575 Liter Ladevolumen deutlich mehr Gepäck als im ID.3 und allemal genug für lange Ferien. Außerdem gibt's – bei Elektroautos nicht selbstverständlich – auf Wunsch Dachträger und Anhängerkupplung.

360°-Ansicht

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des VW ID.4 mit unserem 360-Grad-Foto

Von der Handlichkeit und der Stille des Stromers einmal abgesehen, fühlt sich der ID.4 vergleichsweise konventionell an. Das gilt für das Bediensystem, das bis auf den hinter das Lenkrad gerückten Wählhebel fürs Getriebe dem neuen Golf gleicht und damit leider nicht vorbildlich ist. Und es gilt für das Fahr- sowie Bremsverhalten. Denn selbst bei maximaler Rekuperationseinstellung braucht es viel Weitblick, um den ID.4 tatsächlich mit einem Pedal zu fahren. Das ist bequem, wenn man vom Verbrenner kommt, weil man sich nicht umstellen muss. Aber es ist enttäuschend, wenn man den ID.4 mit originären Elektromarken wie Tesla oder Polestar vergleicht.

Mit dem größeren der beiden verfügbaren Akkus kommt der ID.4 auf eine Alltagsreichweite von mehr als 400 Kilometern, geladen werden kann mit bis zu 125 kW. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h ist auf Autobahnetappen auch mal die Überholspur drin. Abseits asphaltierter Straßen kommt das Auto dank der höheren Bodenfreiheit und der stabil verkleideten Batterie ebenfalls klar. Im nächsten Jahr folgt dann eine Variante mit Allradantrieb.

Das muss man wissen: Der ID.4 wird, gemeinsam mit dem ID.3, in Zwickau gebaut. Die ersten Exemplare sollen noch in diesem Jahr in den Handel gelangen. Zunächst gibt es das Auto ausschließlich als »First Edition« ab 49.950 Euro aufwärts. Im neuen Jahr fallen dann die Preise mit einfacheren Varianten und schwächerem Antrieb auf 36.950 Euro. Das sind noch immer 7000 Euro mehr, als ein ID.3 kostet, und fast 10.000 Euro mehr ein Tiguan. Der Tesla Model Y (rund 45.000 Euro) ist allerdings teurer. 

Verfügbar ist der ID.4 mit gleich vier Leistungsstufen des an der Hinterachse verbauten E-Motors von 109 kW im Basismodell bis zu 150 kW in der vorläufigen Topausstattung (148 bis 204 PS). Außerdem gibt es zunächst zwei Akkus: Einen mit 52 kWh, der im WLTP-Zyklus bis zu 350 Kilometer Reichweite ermöglichen soll, und einen mit 77 kWh und einem Aktionsradius von rund 520 Kilometern.

Obwohl schon das reichlich Auswahl ist, hat VW noch weitere Spielarten in petto. So ist ein ID.4 GTX geplant, mit sportlichem Anstrich, zusätzlichem 75-kW-Motor an der Vorderachse und damit Allradantrieb sowie einer Freigabe bis 180 km/h. Und in der zweiten Jahreshälfte 2021 kommt unter dem Kürzel ID.5 eine Variante mit schrägem Heck.  

Kein »Frunk«: Unter der Fronthaube gibt es kein zusätzliches Gepäckfach

Kein »Frunk«: Unter der Fronthaube gibt es kein zusätzliches Gepäckfach

Foto: Ingo Barenschee

Zwar bedient sich der ID.4 bei Infotainment und Assistenten aus den bekannten Baukästen, doch es gibt auch ein paar Besonderheiten: Das intelligente Ambientelicht, das zum Beispiel Navigationshinweise in Farbspiele übersetzt, das Head-up-Display mit Augmented Reality, das fliegende Abbiegehinweise in die passenden Straßenzüge projiziert, und das »tierfreie Leder«, was nichts anders ist als ein Marketingbegriff für Kunststoff. 

Das werden wir nicht vergessen: Den Blick unter die Fronthaube. Denn dort steckt lediglich die Klimaanlage – und eine Portion Kabelsalat. Was es nicht gibt, ist ein zusätzliches Gepäckfach, nicht einmal an eine Staumöglichkeit für das Ladekabel wurde gedacht. Das ist eine verpasste Chance.

Hersteller:

VW

Typ:

ID.4

Karosserie:

SUV

Motor:

Elektromaschine

Getriebe:

Eingang-Automatik

Antrieb:

Heckantrieb

Leistung:

150 kW / 204 PS

Drehmoment:

310 Nm

Von 0 auf 100 km/h:

8,5 Sek.

Höchstgeschw.:

160 km/h

Akku-Kapazität:

77 kWh

Verbrauch:

16,2 kWh/100 km

Reichweite:

315 km

Leergewicht:

2124 kg

Kofferraum:

543 Liter

umgebaut:

1575 Liter

Maße:

4584 / 1852 / 1612

Preis:

43.329 Euro

Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von VW unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.

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