Erste Fahrt im VW ID Buggy Das Gute-Laune-Auto

Der ID Buggy von Volkswagen ist ein rundum sinnloses Auto - das zu fahren jedoch viel Spaß macht. Zudem zeigt der Wagen, welche neuen Möglichkeiten der Elektroantrieb Fahrzeugkonstrukteuren verschafft.

Volkswagen

Aus Pebble Beach berichtet


Das mit der Elektromobilität ist eine sehr ernste Angelegenheit, heißt es ja oft. Verknüpft sich mit der neuen Antriebstechnik doch das Schicksal der gesamten Autobranche. Vor allem große Hersteller wie Volkswagen müssen ihre Stromer in großer Zahl in den Markt drücken, wenn sie nicht an den ab 2020 drohenden CO2-Strafzahlungen zugrunde gehen wollen.

Doch ausgerechnet die Niedersachsen haben trotz dieser Herausforderung noch Kapazitäten für ein elektrisches Gute-Laune-Auto, das nicht gerade für den Massenmarkt gemacht ist. ID Buggy heißt es und soll zeigen, was mit dem E-Antrieb für Konstrukteure noch alles möglich ist, außer Abgasnormen zu erfüllen.

Erstmals hatte VW das knuffige Vehikel ohne Fenster und Türen im Frühjahr auf den Genfer Salon gezeigt. Ein halbes Jahr später steht der Buggy auf einem sandigen Parkplatz in Kalifornien, bereit zur Jungfernfahrt rund um die Halbinsel Pebble Beach. Ein 204 PS starker E-Motor treibt das Auto an, der Strom kommt aus einem 62 kWh großen Akku.

Erinnerungen an den Ur-Buggy von Bruce Meyers

Das klingt nach Zukunft - doch der Einstieg in den Wagen wirft einen erst mal zurück in die Siebzigerjahre. Der Fahrer klettert über die Brüstung und lässt sich in die dünnen Sitze mit wasserabweisendem Stoffbezug fallen - und denkt an die Zeit, als aus dem Radio die Beach Boys röhrten, die Haare lang, die Hemden bunt und die Hosen kurz waren und die halbe Welt vom Surfen in Kalifornien träumte.

Damals kam schon einmal ein Buggy auf die Welt, als Radikalumbau des VW Käfer. Den Ur-Buggy hatte der Bootsbauer Bruce Meyers aus Pismo Beach in Kalifornien erschaffen, der kurzerhand ein Käfer-Chassis neu eingekleidet hat.

In der automobilen Gegenwart musste das Team um VW-Designchef Klaus Bischoff und Showcar-Bauer Dzemal Sjenar viel mehr Sicherheitsregeln beachten als die Buggy-Enthusiasten damals. Und doch kommt gleich wieder diese Leichtigkeit auf beim Fahren, die greifbarer wird mit jedem Kilometer entlang der Brandung - besonders, weil kein Boxermotor die Wellen überbrabbelt wie beim historischen Vorbild.

Fotostrecke

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VW ID Buggy: Der Strandläufer

Dieses Auto ist absolut sinnlos, im positiven Sinn - und nur dem Spaß verpflichtet. So offen und so nah wie in diesem Buggy mit seiner handgeschliffenen Kunststoffkarosse kann man seine Umwelt aus einem Auto heraus kaum erleben. All die Cabriofahrer auf der Strecke tun einem beinahe leid, wie sie sich mit Windschotts, Sitzheizung und Nackenföhn von ihrer Umwelt isolieren.

Und das, obwohl der Buggy zunächst nur in einer Schleichversion existiert, mit der nur maximal 35 km/h drin sind. Die Ingenieure haben Angst um das handgefertigte Einzelstück. In dem sind keine Airbags eingebaut, die Gurte sowie der mächtige Überrollbügel sind bessere Attrappen. Dereinst soll der ID Buggy einmal 160 Sachen schaffen. Schon jetzt tritt er bis zum Limit an wie ein Sportwagen und ist so wendig wie ein Autoscooter.

VW selbst wird den Buggy nicht bauen können

Dabei fährt einem der Wind sogar von unten ins Hosenbein, so tief sind die Flanken ausgeschnitten. Ohne Fenster und Türen fühlt sich der Fahrer aber nicht schutzlos, sondern wie auf einer Bühne.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des ID Buggy - mit unserem 360-Grad-Foto:

"Wir brauchen mal wieder ein emotionales Auto und einen echten Sympathieträger", hatte Designchef Bischoff einst befunden und deshalb den Buggy ersonnen. Solche Konzepte sind bisher selten, obwohl der einfache E-Antrieb sie prinzipiell erleichtert. Ausnahmen sind der Renault Twizy und der Citroën e-Mehari.

Das grundsätzliche Problem bei solchen Kreativgefährten: Große Verkaufszahlen sind mit ihnen nicht zu machen, und ein Konzern wie Volkswagen ist schlicht zu groß für kleine Serien. "Unser gesamter Apparat, all unsere Prozesse und alle Werke sind auf so große Stückzahlen ausgelegt, dass solche Autos keine Chance haben," räumt ein VW-Sprecher ein. Ein paar Tausend Golfs am Tag sind für sie kein Problem, aber für ein paar Tausend Buggies im Jahr ist VW nicht flexibel genug.

E-Antrieb bietet Kleinserienfahrzeugen neue Chancen

Das heißt aber nicht, dass das Spaßauto zwangsläufig als reiner PR-Gag in die Geschichte eingeht. Bischoff und Sjenar suchen einen Partner, der den Wagen in kleinen Stückzahlen baut. Er könnte VWs modularen Elektrobaukasten übernehmen und eine neue Karosse im Buggy-Style auf die Plattform des ID3 stellen. Gesprochen hat VW bereits mit Günther Schuh, dem Gründer und Chef des Aachener Elektroauto-Start-ups eGo. Über Ergebnisse ist bislang nichts bekannt.

Elektroautos seien für eine solche Kleinserienproduktion prädestiniert, sagt Sjenar: "Über eine elektrische Bodengruppe lässt sich viel leichter, schneller und billiger ein neuer Hut stülpen als bei einem Verbrenner", sagt der Projektleiter. "Fahrwerk, Antrieb, Steifigkeit - alles, was fürs Fahren wichtig ist, bringt der Baukasten mit. Der Rest ist nur noch Verkleidung."

Analyst: "VW macht aus der Not eine Tugend"

Für Volkswagen ergeben sich mehrere Vorteile. Die Autowelt bekommt ein witziges Fahrzeug mit VW-Emblem zu sehen. Zudem bringen Kooperationen - wie auch mit Ford - die Elektroplattform-Produktion schneller voran. So sinken die Herstellungskosten für die eigenen neuen Elektroautos schneller. "VW macht aus einer Not eine Tugend", sagt Analyst Jan Burgard vom Münchner Strategieberater Berylls mit Blick auf den schleppenden Absatz der E-Autos. Der jeweilige Partner zahle zwar recht viel pro Stück, spare aber enorme Plattform-Entwicklungskosten.

Der ID Buggy habe damit das Zeug "zu einem Präzedenzfall", sagt Burgard. Sobald sich ein Kleinserienhersteller mit den VW-Prozessen arrangieren könne, sei der Weg für solche Nischenmodelle in niedrigen Stückzahlen geebnet. Große Hersteller könnten kleinen auch Softwareplattformen, Produktionskapazitäten, Callcenter-Strukturen und Werkstätten zur Verfügung stellen. Da ein Kleinserienhersteller mit einem Konzern kooperiere, entstünde nicht wirklich eine Konkurrenzsituation, so Burgard. "Beide Seiten hätten etwas davon."

Ob allerdings ein Buggy das richtige Fahrzeugkonzept für so einen Umbruch ist, ist mehr als fraglich. Außer in Kalifornien, Florida oder an den Küsten Südeuropas ist das Wetter zu schlecht für einen solchen Freiluftflitzer. Der Zielpreis von 35.000 Euro dürfte den meisten Autovermietern oder Ferienveranstaltern zudem zu hoch sein. Schon der ähnliche Citroën e-Mehari (Preis: 25.000 Euro plus Batteriemiete) ist nicht gerade ein Bestseller.

Und wie verträgt sich das Wesen des Hippie-Fahrzeugs Buggy überhaupt mit der Plattformstrategie eines Weltkonzerns? Buggy-Erfinder Meyers muss darüber nicht mehr urteilen. Seine Käfer-"Plattformen" hatte er vom Gebrauchtwagenmarkt oder vom Schrottplatz geholt - ganz ohne Deal mit VW.

insgesamt 114 Beiträge
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reever_de 27.08.2019
1. Naja ...
Schön und gut, ein reines Spass Auto für das warme und schöne Kalifornien. Für den deutschen Winter eher weniger geeignet. Ich hätte eher auf ein Remake des VW Kübel Typ 181 gesetzt - hat immer noch eine riesige Fangemeinde und wäre sogar hier bei uns "Allwetter-Fahrzeug". Schade, so wird es ein Spielzeug bleiben, das vierte Fahrzeug in der Garage. Aber dank Klimawandel wird es wohl dann öfter aus der Garage und zum Einsatz kommen.
barlog 27.08.2019
2.
Diese Fotostrecke habe ich nicht bis zum Ende angeschaut - sogar bei einem Buggy schafft es VW, daß man gähnen muss.
dima43 27.08.2019
3. 160 km/h in einem Buggy ?
Vielleicht sollte VW erst einmal die Nutzanalyse beenden um dann festzustellen, dass bei 160 km/h nicht mehr der Spaß im Vordergrund steht und man auch nur auf wenigen Straßen der Welt überhaupt so schnell fahren kann. Vmtl. sind 100 km/h für dieses Gefährt schon deutlich zu schnell. Was könnte man da an Sicherheitstechnik und damit Masse sparen, wenn das Fahrzeug leichter wäre ? "... So offen und so nah wie in diesem Buggy mit seiner handgeschliffenen Kunststoffkarosse kann man seine Umwelt aus einem Auto heraus kaum erleben. ..." - für deutliche weniger Geld und schon heute geht das aber mit einem Fahrrad !
rgw_ch 27.08.2019
4. Schwurbelmobil
Wie es aussieht, wird Volkswagen vom Auto- zum Marketinggeschwurbelhersteller. Die sollen erst mal beweisen, dass sie es schaffen, den permanent in den höchsten Tönen selbstgelobten und von 30000 Neugierigen vorfinanzierten ID.3 rechtzeitig fertigzustellen und damit die selbst geweckten Erwartungen zu erfüllen. Erst dann bin ich wirklich gespannt auf Weiterentwicklungen und Spin-Offs.
ironbutt 27.08.2019
5. Ich brauche den nicht - ich will den haben!
das ist viiiiel stärker als brauchen. Tolle Idee, tolles Konzept und genau richtig für unser Haus an der See.
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