VW Passat, US-Version Mehr Auto für weniger Geld

Amerika, du hast es besser - zumindest beim Autokauf: Während deutsche Kunden für einen VW Passat mindestens 24.755 Euro hinblättern müssen, gibt's das Auto in den USA umgerechnet rund 10.000 Euro billiger. Ist das US-Modell aus dem Werk in Chattanooga so viel weniger wert?

Tom Grünweg

In Deutschland ist VW unangefochten die Nummer eins. Aber auch die Wolfsburger kennen von anderen Märkten das Gefühl, wenn man nahezu chancenlos den verkaufsstarken Marken hinterherfährt. Zum Beispiel aus den USA. Da war VW zwar auch mal eine große Nummer, doch das ist Jahrzehnte her. Mittlerweile fährt die amerikanische Mittelschicht, die von Chevrolet & Co genug hat, vor allem auf Autos koreanischer Hersteller ab und zeigt dem Schwergewicht aus Deutschland die kalte Schulter.

Wenn VW aber, wie es die Verantwortlichen stets verkünden, tatsächlich der größte Autohersteller der Welt werden soll, dann müssen auch die Geschäfte auf dem noch immer volumenstärksten Einzelmarkt der Welt besser laufen. Die Niedersachsen haben deshalb ein ambitioniertes Aufholprogramm gestartet: Bis 2018 soll sich der VW-Absatz in den USA mehr als verdreifachen, was rund 800.000 verkaufte Autos pro Jahr bedeuten würde.

Den Löwenanteil daran soll der neue Passat schaffen, der erst vor wenigen Wochen in den Handel gekommen ist. Gebaut in der eigens für dieses Auto aus dem Boden gestampften Fabrik in Chattanooga im US-Staat Tennessee, hat der Wagen allerdings kaum mehr als den Namen mit dem hiesigen Passat gemein.

Um bei den US-Kunden überhaupt eine Chance zu haben, hat VW nicht nur die Länge des Wagens gestreckt, sondern auch den Preis gesenkt. Weil der US-Passat fast 4,87 Meter lang ist und in der Basisversion lediglich 19.995 Dollar oder umgerechnet keine 15.000 Euro kostet, ist das beinahe so, als würde VW in Nordamerika einen Phaeton zum Polo-Preis anbieten. Selbst wenn man noch die lokalen Steuern und die Überführungskosten einrechnet, ist der US-Passat nach deutschen Maßstäben ein Schnäppchen. Da drängt sich natürlich die Frage auf, was man wohl dafür bekommt. Und ob das europäische Original seinen Mehrpreis auch wert ist.

Die Verarbeitung überzeugt, und erst recht das Platzangebot

Der erste Eindruck ist rundum überzeugend. Die US-Variante ist ähnlich elegant gezeichnet wie das europäische Modell. Die Türen fallen fast genauso satt und solide ins Schloss. Und auch innen sieht der Passat aus Chattanooga kaum schlechter aus als jener aus Emden - erst recht in der Ausstattungsvariante SE, die für 3800 Dollar Aufpreis unter anderem mit Extras wie 17 Zoll großen Alurädern, beheizbaren Ledersitzen sowie Alu-Zierrat im Cockpit aufwartet.

Die viel gelobte Detailversessenheit der VW-Inneneinrichtung wurde tatsächlich auch ins US-Auto gerettet, was den Wagen auf den ersten Blick durchaus nobel erscheinen lässt. Auch wenn das Leder vielleicht etwas dünner ist und nicht ganz so viel Chromrähmchen glänzen wie beim Euro-Passat, sucht man Billigplastik vergebens. Einzig die analoge Uhr mit dem Charme eines Reiseweckers will nicht recht in die schöne neue Interieurwelt passen.

Was den US-Passat aber wirklich ausmacht, sind fürstliche Platzverhältnisse. Weil der Radstand um neun Zentimeter auf 2,80 Meter gestreckt wurde, können in der nun 4,87 Meter langen Limousine (plus zehn Zentimeter) auch hinten bequem zwei Erwachsene mitfahren. Der Kofferraum wiederum fasst rund 450 Liter, auch das ist stattlich.

Weiches Fahrwerk, schlaffer Basismotor, fehlende Spritspartechnik

Was das Fahrgefühl betrifft, ist der Wagen typisch amerikanisch. Das Fahrwerk ist ein wenig weicher abgestimmt als beim deutschen Passat, die Lenkung wirkt nicht ganz so präzise und scharf wie in Europa, und die Ganzjahresreifen sind eher auf Haltbarkeit als auf Höchstgeschwindigkeit ausgelegt. Aber auf den schartigen Betonpisten im Hinterland von Los Angeles will man es genau so haben, zumal ohnehin maximal 75 Meilen pro Stunde (121 km/h) erlaubt sind. Etwas mehr Biss der Bremsen jedoch würde auch dem US-Modell nicht schaden.

Die größte Schwäche des amerikanischen Passats ist der Motor. Während hierzulande ein 1,4 Liter großer und 122 PS starker Turbo-Benzin-Direkteinspritzer den Einstieg markiert, gibt's in Amerika Heavy Metal: Fünf Zylinder und 2,5 Liter Hubraum hat das Basismodell. Theoretisch reicht das für 170 PS, 190 km/h und einen Sprintwert von knapp neun Sekunden. In der Praxis jedoch wirkt der Motor eher laut und lustlos. Es gibt zwar andere Antriebsvarianten, aber Dinge wie Allradantrieb oder Doppelkupplungsgetriebe bietet der US-Passat ebenso wenig wie eine Start-Stopp-Automatik oder eine regenerative Bremse.

Unter den verfügbaren Assistenzsystemen fällt das sehr ordentliche Navigationssystem auf, zudem gibt es Tempomat, Klimaautomatik und eine Musikanlage des Gitarrenbauers Fender. Abstandregelung, Spurführung oder Einparkautomatik sind jedoch nicht im Angebot.

Können deutsche Kunden auf eigene Faust einen US-Passat importieren?

Ein größeres Auto zum kleineren Preis - das dürfte auch bei europäischen VW-Kunden Begehrlichkeiten wecken. Zumal sich viele Selbstzahler die teuren Assistenzsysteme ohnehin nicht leisten wollen oder können. Auch die Schwächen des Fahrwerks würden wohl nur die wenigsten bemängeln, zumal sie bei gemächlicher Fahrweise kaum auffallen.

Also schnell ins Internet, den Wagen kaufen und auf eigene Faust ins Land holen? Im Prinzip ist das kein Problem. Zumindest beim Basismodell bliebe ein Preisvorteil erhalten - trotz etwa tausend Dollar Frachtkosten, zehn Prozent Zoll und 19 Prozent Einfuhrumsatzsteuer. Doch schon die erste Reparatur könnte zur Geduldsprobe werden, weil viele Ersatzteile erst aus Amerika herbeigeschafft werden müssen. Und auch der Wiederverkauf dürfte nicht ganz einfach werden - es sei denn, man bietet den Gebrauchten wiederum als Schnäppchen an.



insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
Cancun, 21.10.2011
1. 1000 Dollar Frachtkosten?
Kann der Autor mir bitte mal konkret zeigen, wie ich ein Auto für läppische 1000 Dollar aus USA nach Europa bekomme?
brux 21.10.2011
2. Titel
Zitat von CancunKann der Autor mir bitte mal konkret zeigen, wie ich ein Auto für läppische 1000 Dollar aus USA nach Europa bekomme?
Die Frachtraten sind im Keller, weil die Reeder zu viele Schiffe beim Billig-Koreaner bestellt haben. In Richtung Asien kostet der Stellplatz sogar nur die Hälfte der genannten Summe (falls sich jemand in China ein Auto aus Europa holen möchte).
fuzzi-vom-dienst 21.10.2011
3. Realistischer preis
Zitat von CancunKann der Autor mir bitte mal konkret zeigen, wie ich ein Auto für läppische 1000 Dollar aus USA nach Europa bekomme?
Ich hatte mal erwogen, meinen VW-Bus (T4) nach Australien zu schaffen, weil ich etwa neun Monate lang um den Kontitent fahren wollte (was ist auch gesundheitlichen Gründen jetzt leider nicht mehr machen kann). Einschließlich allen Papierkrams und der vorgeschriebenen Desinfektionen in Australien kostet das nicht mal 2.000 EUR! Das Auto kommt in einen kleinen Container, das wars dann schon. 1.000 $ aus den USA nach hier ist ein völlig realistischer Preis! Kaufen Sie sich ruhig so ein Ding - falls Sie den Passat überhaupt für ein Auto halten und nicht für eine völlig überteuerte Blechkiste (Letzteres gilt inzwischen für alle Modelle dieses arroganten Konzerns - auch für die Busse!). Kaufen Sie sich liber nen CACIA-Logan, da haben Sie genug Auto fürs Geld und kriegen - Dank überlegener Technik - einen leistungsstarken Diesel, der OHNE Filter Euro-5 schafft! So etwas kriegt VW bis heute noch nicht hin! Schönen Tag noch!
1895olé 21.10.2011
4. Das ist ja 'mal ein Motörchen!
Zitat von sysopAmerika, du hast es besser - zumindest beim Autokauf: Während deutsche Kunden für einen VW Passat mindestens 24.755 Euro hinblättern müssen, gibt's das Auto in den USA umgerechnet rund 10.000 Euro billiger. Ist das US-Modell aus dem Werk in Chattanooga*so viel weniger wert? http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,792685,00.html
WOW! Hubraum ist eben doch durch nichts zu ersetzen. Außer durch noch mehr Hubraum. Wenigstens für VW in den USA sind die Zeiten des Downsizing also vorbei. Und das ist gut so!
Billy Bob Winchester 21.10.2011
5. 1000 USD sind zuweinig
Das halte ich auch für starken Tobak. Preise für die Verschiffung von KFZ findet man z.B. unter http://www.icbdubai.com/verschiffung.htm - Verschiffung von Miami nach Bremerhafen 1300 USD, dazu kommt Umrüstung, TÜV-Zulassung etc. pp. Da ist man schnell bei 2000-3000 USD.
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