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19. Juni 2019, 04:52 Uhr

Autogramm VW Passat Variant GTE

Gut kombiniert

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Im SUV-Boom gerät der VW Passat zunehmend unter Druck. Nun haucht Wolfsburg dem Klassiker neues Leben ein - und zeigt dabei auch, wie schön Elektro- und Verbrennungsmotor zusammenspielen können.

Der erste Eindruck: Gepflegte Langeweile - aber im besten Sinn. Der VW Passat ist ein durch und durch unaufgeregtes Auto. Zum Facelift gibt es ein wenig mehr Chrom und LED-Leuchten serienmäßig.

Das sagt der Hersteller: Eine "stabile Stütze für das Haus Volkswagen" nennt VW-Sprecher Martin Hube den Passat. Der zählt neben Golf und Tiguan zu den meistverkauften Modellen aus Wolfsburg. In der ewigen Bestenliste hat er mit 30 Millionen Exemplaren in 46 Jahren und acht Generationen den Käfer eingeholt und ist dem Golf auf den Fersen. Allerdings setzt der SUV-Boom den Klassiker unter Druck. Gerüchte, wonach der Passat bald eingestellt werde, dementiert Hube jedoch. "Diese Generation wird wie geplant zu Ende gebaut, und die Entwicklung der nächsten läuft bereits auf Hochtouren."

Das ist uns aufgefallen: Einsteigen und sich zu Hause fühlen - dieses sonst eher für Mercedes typische Gefühl überkommt einen auch im Passat auf Anhieb. Denn so unaufgeregt wie die Karosserie ist auch das Innenleben gestaltet - keine Spielereien, keine Ablenkung. Dafür ein funktional gestaltetes Cockpit, das in den gehobenen Varianten dank hellem Leder recht nobel aussieht.

Die Bildschirmlandschaft hinter dem Lenkrad und in der Mittelkonsole hat sich zwar optisch nicht verändert - dafür aber deren Programmierung. Die Menüs lassen sich individueller gestalten und einzelne Kacheln wie auf dem Smartphone verschieben. Zudem ist der Passat dank einer SIM-Karte jetzt immer und überall online. Dazu gibt es eine Sprachsteuerung nach dem Vorbild von Amazons Alexa, Streamingdienste und die Möglichkeit, den Wagen per digitalem Schlüssel zu öffnen. So kann der Paketbote eine Lieferung im Kofferraum deponieren oder ein Verwandter fahren, ohne dass man ihm vorher den klassischen Schlüssel übergeben muss.

Nicht immer ist digitaler jedoch auch besser. Der Lautstärkeregler des Infotainmentsystems hätte jedenfalls bleiben sollen. Wer einen nervigen Radiomoderator stummschalten möchte, sucht eine Weile das richtige Sensorfeld auf dem Touchscreen. An anderer Stelle hätte VW ruhig mehr auf neue Technik setzen können. Über dem Cockpit prangt weiterhin eine Plastikscheibe als Projektionsfläche für das Head-up-Display. Die wirkt angesichts all der Hochglanzbildschirme fast schon retro.

Beim Infotainment hat VW im Zuge des Facelifts den meisten Aufwand betrieben - Änderungen gibt es allerdings auch beim Antrieb. Man bekommt von ihnen aber kaum etwas mit. Der Testwagen - ein Passat GTE - tritt fast wie ein Phantom auf: Der Plug-in-Hybrid fährt noch weiter rein elektrisch und somit flüsterleise. Dafür hat VW die Steuerung optimiert und den Akku auf 13 kWh Speicherkapazität vergrößert, sodass der Passat jetzt 55 Kilometer weit emissionsfrei gleitet - zumindest den offiziellen Angaben zufolge. Per Knopfdruck lässt sich zwar beeinflussen, wie der 156 PS starke Vierzylinder und die 115 PS starke E-Maschine zusammenspielen (sparsam oder sportlich). Doch in der Standardeinstellung tun sie dies bereits so gut, dass der Fahrer sich schnell auf sie verlässt. Dann bekommt er kaum mit, ob gerade der Verbrenner oder der Elektromotor den Wagen anschiebt. Ganz leise wechselt der Antrieb von einem in den anderen Modus. Dass der Tankuhrzeiger langsamer fällt, merkt man allerdings auf Anhieb, selbst wenn der Normverbrauch von etwa 1,8 Litern reine Arithmetik ist.

Das muss man wissen: Der überarbeitete Passat kommt im September in den Handel und startet als Limousine bei 34.720 Euro. Für 1105 Euro mehr gibt es die Kombiversion Variant. Bald steht auch wieder die Variante Alltrack in der Preisliste, der leicht auf SUV getrimmte Ableger für das Abenteuer zwischendurch. Neben dem GTE, für den VW den Preis erst in einigen Wochen nennen wird, gibt es jetzt drei Benziner (alle mit Partikelfilter) mit 150, 190 und 272 PS sowie vier Dieselmotorisierungen mit 120 bis 240 PS, von denen die schwächste ganz neu ist.

Zum Update fürs Infotainment und die Motoren gibt es auch neue oder verbesserte Assistenzsysteme. So hat VW den "Travel Pilot" nun bis 210 km/h freigegeben und lässt den Passat beinahe bis Vollgas für ein paar Sekunden freihändig fahren.

Das werden wir nicht vergessen: Die gute, alte Analoguhr im Cockpit - auch sie ist im neuen Passat der Digitalisierung zum Opfer gefallen. Die Zeit wird nun auf dem Bildschirm angezeigt.

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