VW Polo GTI Der wahre GTI tritt an

Anderthalb Jahre nach der Rückkehr des echten GTI reicht VW jetzt auch den wahren GTI nach. Für alle, denen der sportliche Golf zu groß, zu schwer, zu komfortabel und vor allem zu teuer geworden ist, kleben die Wolfsburger nun auch an den Polo ein Sportabzeichen.


Das waren noch Zeiten damals vor 30 Jahren, als in der Entwicklungsabteilung von VW an jedem Vorstandsbeschluss vorbei der erste Golf GTI auf die Räder gestellt wurde und einschlug wie eine Bombe. Als Sportabzeichen einer ganzen Generation stand der ebenso kräftige wie leichte Wagen für den bezahlbaren Traum jedes "Underdogs", der einmal mit einem Allerweltsauto am Heck eines Porsches kleben wollte. Aber das ist lange her. Zwar haben die Wolfsburger das Markenzeichen "GTI" über die Zeit gerettet und mit der Premiere des jüngsten Golf GTI im vorletzten Herbst auch wieder mit mehr Gehalt gefüllt. Aber bei einem Grundpreis von 24.550 Euro kann von einem günstigen Sportler für die breite Masse keine Rede mehr sein.

Doch diese Lücke wird jetzt geschlossen, wenn auch eine Klasse tiefer. Denn auf den Spuren des Urmodells geht in der Polo-Baureihe ein GTI an den Start. Auch dieses kleine Kraftwerk mit einem Grundpreis von 18.950 Euro ist kein Schnäppchen, er kostet gut 30 Prozent mehr als das Einstiegsmodell. Doch dafür ist der Polo GTI von heute viel stärker als der Golf GTI von gestern. Denn während die Mutter aller Wolfsburger Sportwagen auf 110 PS (81 kW) kam, bringt es der von einem Turbolader beatmete 1,8-Liter der Neuzeit auf 150 PS (110 kW), die im Polo bei einem Gewicht von knapp 1200 Kilogramm vergleichsweise leichtes Spiel haben.

Wer das Spiel mit Gaspedal und Schaltknüppel beherrscht, wird deshalb nicht nur mit einem giftigen Knurren aus dem Vorbau, sondern auch mit einer respektablen Beschleunigung belohnt. Weil bis zu 220 Newtonmeter an der Vorderachse zerren, flitzt der Polo in 8,2 Sekunden auf Tempo 100, schafft den Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h im vierten Gang in 7,5 Sekunden und marschiert danach munter weiter, bis sich die Tachonadel kurz vor der 220er Tempomarke einpendelt. Das reicht zwar schon lange nicht mehr zum Kräftemessen mit den Modellen aus Zuffenhausen, doch mancher Mittelklasse-Limousine folgt der Polo-Fahrer auf der Überholspur ganz entspannt.

Allerdings nur bis zur nächsten Tankstelle. Denn in der Praxis wird der Normverbrauch von 7,8 Litern schnell zur grauen Theorie. Unter zehn Litern ist der Polo selbst bei normaler Fahrweise kaum zu bewegen, und bei verschärfter Gangart wird der 45-Liter-Tank ziemlich schnell knapp. Das ist eindeutig zu viel, zumindest aber ist ein solcher Verbrauch in dieser Klasse alles andere als zeitgemäß - Sportlichkeit hin oder her.

Damit der Hintermann den kräftigen Gernegroß im Rückspiegel auch gleich erkennt, haben die Designer den Polo GTI näher ans Golf-Pendant gerückt: Von ihm übernimmt er den dunkel eingefärbten Kühlergrill mit den markanten Waben und dem roten Zierstreifen sowie die schwarz eingefassten Doppelscheinwerfer. Dazu gibt es ein Fahrwerk, mit dem der Polo 15 Millimeter tiefer auf den Asphalt kauert und schwarze Seitenschweller, die diesen Eindruck noch verstärken. Außerdem rollt der Polo auf breiten 16-Zöllern und zeigt dem Verlierer nach dem Ampelstart ganz stolz seinen kleinen Heckspoiler und die beiden verchromten Endrohre.

Mit Liebe zum Detail hat VW auch den Innenraum auf GTI getrimmt. So sitzt man vorn auf Sportsitzen mit etwas mehr Seitenhalt, die mit Stoff im traditionellen Karomuster bezogen sind. Der Blick fällt auf ein leicht modifiziertes Cockpit und ein paar neue Blenden im Alu-Look, und die Hände ergreifen ein Sportlenkrad mit schillernder GTI-Plakette. Darüber hinaus wurde der Himmel schwarz bezogen, für etwas frischere Akzente sorgen rote Kreuzstich-Ziernähte an Lenkrad, Schaltsack und Sicherheitsgurten

Auch wenn der GTI als Kompaktsportler positioniert wird, macht VW Zugeständnisse an den Alltag und bietet das Auto auch mit vier Türen an. Viel mehr Auswahl wird es allerdings nicht geben. Weil die Wolfsburger mittlerweile erkannt haben, wie wichtig die Marke in der Marke ist, wollen die Strategen nun mit den drei Buchstaben etwas sorgsamer umgehen und den Mythos besser pflegen. Einen Fox als GTI wird es ebenso wenig geben wie einen Jetta oder Passat. Und auch der immer wieder ins Gespräch gebrachte Diesel, der beim Vorgänger des Golf GTI noch zu haben war, bleibt diesmal außen vor. "So einen Fehler machen wir nicht noch mal", heißt es bei VW.



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