VW Polo Wir spielen Mini-Golf

Golf ist, zumal in Krisenzeiten, ein teures Vergnügen. Das gilt nicht nur für den Sport, sondern auch für das Auto. VW präsentiert jetzt mit dem Polo ein bescheideneres Modell, sozusagen den Mini-Golf. SPIEGEL ONLINE war mit dem Kleinwagen bereits unterwegs.


Kurzarbeit, Zinsverfall, Sorge um den Arbeitsplatz - da wird Sparsamkeit zur neuen Großtugend. Fürs Autogeschäft bedeutet das einen Boom bei den Kleinwagen, der von der Abwrackprämie noch beschleunigt wird. Wer jetzt kein vernünftiges Angebot in dieser Klasse machen kann, hat schlechte Karten. Umso zufriedener kann daher VW-Chef Martin Winterkorn auf den Produktfahrplan blicken und sich über den gelungenen Anlauf des neuen Polo freuen. Mehr als 13.000 Vorbestellungen sind bereits eingegangen.

Mit der fünften Generation machen die Wolfsburger den Kunden das Verzichten leicht. Denn noch nie war der Polo dem Golf so nahe wie heute. Der im Vergleich zum Klassiker der Kompaktklasse etwas weniger bieder geschnittene Polo, legt in jeder Dimension ein paar Zentimeter zu, bleibt dennoch knapp unter der Vier-Meter-Marke und wirkt schon bei der ersten Bekanntschaft ungeheuer gereift. Die Materialien wirken ausgereift, das Ambiente schmuck und Verarbeitung ordentlich. Dank des Radstands von 2,47 Metern gibt es reichlich Platz - und 280 Liter Kofferraumvolumen obendrein.

Die Chance auf einen kritischen Blick ins womöglich etwas nüchternere Basismodell gewährte VW bislang noch nicht. Aber wer in der Top-Ausstattung namens Highline unterwegs ist, hat vor sich ein zweifarbiges Cockpit und weich hinterschäumte Konsolen. Insgesamt wähnt man sich in einem Kompaktauto, und das gilt auch für die Ausstattung: Nachdem VW ausgerechnet bei der Sicherheit in dieser Klasse immer hinterherhinke, legen die Niedersachsen nun nach und rüsten jeden serienmäßig Polo mit vier Airbags, aktiven Kopfstützen und endlich auch mit ESP aus. Fünf Sterne im Euro-NCAP-Crashtest sind eingeplant. Außerdem gibt es - zum Teil natürlich gegen Aufpreis - Extras wie Abbiege- oder Xenonlicht und eine neue Generation von Navigationssystemen.

Viel Mühe verwandt haben die Entwickler auf die vorerst vier Benzin- und drei Dieselmotoren, die jetzt auf Sparflamme brennen. "Besonders im Bereich der Ressourcenschonung definiert der Polo das Maß der Dinge in seiner Klasse neu", sagt Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg. Wie wurde der Polo genügsamer? Ein paar Kilogramm weniger Gewicht und der Wechsel auf Commonrail- sowie TSI-Technik senken den Verbrauch um 5 bis 20 Prozent.

Kommt dann auch noch das Blue-Motion-Paket mit Start-Stopp-Automatik, Bremsenergierückgewinnung und feinerer Aerodynamik hinzu, ist zum Beispiel der 90-PS-Dieselmotor mit durchschnittlich 3,6 Litern unterwegs und schafft trotzdem 180 km/h. Und für den 1,2 Liter großen 105-PS-Motor an der Spitze der Benziner gilt eine Verbrauchsminderung von bislang 6,7 auf nun 5,5 Liter. Das ist sparen ohne Spaßverzicht.

Den Fortschritt hören kann man auch beim stärksten Diesel, mit dem SPIEGEL ONLINE jetzt auf Testfahrt war. Dank Commonrail-Technik läuft der 1,6-Liter-Vierzylinder mit 105 PS deutlich kultivierter und ruhiger als bisher. Nur beim Anlassen hört man den Selbstzünder noch ein wenig nörgeln, bevor das Verbrennungsgeräusch im leisen Rauschen von Wind und Reifen untergeht und man ganz gelassen auch lange Autobahnetappen bewältigen kann. Geduld ist kaum nötig: Mit 250 Nm und einem Sprintwert von 10,4 Sekunden gewinnt man vielleicht keinen Ampelspurt, aber eine Spitzengeschwindigkeit von 189 km/h macht den Kleinwagen langstreckentauglich, und ein Normverbrauch von 4,2 Litern ist ebenfalls ein sehr guter Wert. Das hilft beinahe darüber hinweg, dass dem Getriebe ein sechster Gang fehlt.

Gereift wie Design, Ausstattung und Innenraum ist auch das Fahrverhalten. Sehr ausgewogen und im besten Sinne unauffällig schnurrt der Polo über Landstraßen und Autobahnen. Tiefe Querfugen kann das Fahrwerk zwar nicht vollends glatt bügeln, und wenn die Straße ruppig wird, dann rumpelt auch der Polo. Doch fühlt man sich dennoch kommod und komfortabel und hat den Wagen auch in engen Kurven gut im Griff. Ganz ähnlich wie beim Golf zielt VW auf den größten gemeinsamen Nenner der Durchschnittsdeutschen und bietet einen ordentlichen Kompromiss. Wer es gern sportlicher hätte, muss auf einen neuen Polo GTI hoffen.

Zwar mühen sich die VW-Strategen um die kommunikative Nähe zum Golf und versuchen etwas übereifrig bereits, den Begriff Polo-Klasse zu etablieren. Doch das könnte sich noch rächen. Denn der Polo ist nach fast elf Millionen verkauften Exemplaren mittlerweile so gut geworden, dass er dem Golf in einer Disziplin nahe kommen könnte, in der VW sicher gern den Unterschied wahren würde: bei den Zulassungszahlen nämlich. Doch für manche Kunden ist der neue Polo vielleicht der bessere Golf: Ebenso solide und ausgereift, fast ebenso geräumig; dafür aber verbraucht der Polo einen halben Liter weniger Sprit und ist rund 3000 Euro billiger.

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