VW Scirocco Scharfe Soße

Touran, Eos, Tiguan: neue VW-Modelle waren zuletzt stets Nachzügler. Die Pionierarbeit leisteten andere Hersteller, während die Wolfsburger Planer noch schliefen. Plötzlich ist es umgekehrt: Mit dem Scirocco reanimiert VW eine alte Idee – und eröffnet ein neues Segment.


Die Stimmung bei VW ist aufgekratzt. Von Konzernchef Martin Winterkorn bis zum VW-Werker Dennis Ritter-Eichenlaub, der den hausinternen Superstar-Wettbewerb gewann und nun den Song "I wanna be free" vortragen darf, herrscht Euphorie. Der Grund dafür ist der neue Scirocco - das Auto, dem das Lied des Komponisten und Produzenten Leslie Mandoki gewidmet ist. Schon lange gab es von VW kein Auto mehr wie dieses Kompakt-Coupé. Denn endlich setzt VW wieder einen Trend, statt immer nur anderen hinterherzuhecheln.

Die Idee zur Wiederbelebung des Scirocco stammt noch aus der Zeit der VW-Lenker Bernd Pischetsrieder und Wolfgang Bernhard. Damals wurde die Studie Iroc präsentiert, die zum jetzt vorgestellten Serienauto führte. Für die Entwickler war das Projekt wie ein großes Puzzle, denn die technischen Komponenten des Scirocco stammen aus bekannten Modellen: Das Fahrwerk von Eos und Passat, die Motoren von Golf & Co., die Armaturentafel ebenfalls aus dem Eos, andere Bauteile aus Tiguan und Touran. Modulstrategie heißt dieses Vorgehen, das dabei hilft, "dass wir mit diesem Auto richtig Geld verdienen werden", wie Winterkorn prophezeit.

Der Trick, dass dies funktioniert, ist das komplett neue Design. In der Golf-Modellgroßfamilie ist der Scirocco so etwas wie der rebellische Schwiegersohn. Das Auto hat eine vergleichbare Wirkung wie die scharfe Soße über der Currywurst in der VW-Kantine – es vertreibt den Durchschnittsgeschmack. Verantwortlich dafür ist Karosserie-Designchef Marc Lichte. Er gestaltete das Auto, dessen Form eine neue Design-Ära bei VW einläuten soll. "Das schwarze Band zwischen den Scheinwerfern, die schwarz ausgekleideten Scheinwerfer, der Verzicht auf ein großes Kühlermaul und die prägnante Schulterlinie an der Flanke – das werden typische Merkmale des neuen VW-Designs", sagt Lichte.

Der Scirocco wirkt stimmig, sportlich und sehr präsent. Er drängt sich nicht auf, aber die Form prägt sich ein. Besonders das nah an der Sportwagen-Karikatur modellierte Heck mit den extrabreiten Radhausbacken und dem schmaler werdenden Aufbau. Ebenso prompt wie deftig lobten mehrere Autotester den "knackigen Arsch" – doch die exaltierte Optik wirft auch Probleme auf. Die Heckklappe ist klein, der Kofferraum wird von einer hohen Ladekante bewacht und die Sicht nach hinten geht gegen null.

Scheiben so groß wie ein DIN-A4-Blatt

Auch die hinteren Seitenscheiben, die ungefähr die Fläche eines DIN-A4-Blatts haben, sind als Ausguck kaum zu gebrauchen. Wer in dem Viersitzer in den Fond muss – VW spricht hartnäckig davon, dass vier Erwachsene im Scirocco Plätz fänden – wird danach nichts Gutes zu berichten haben. Aber: Man kann die Rücksitzlehnen auch umklappen und so wenigstens das Ladeabteil vergrößern.

Vorne, auf den serienmäßigen Sportsitzen, sieht die Sache gleich ganz anders aus. Zwar blickt man auf das etwas dröge Armaturenbrett aus dem VW Eos, doch die originellen Dreiecks-Türgriffe, das tolle Lederlenkrad und der hohe Mitteltunnel vermitteln dennoch eine frische, sportliche Atmosphäre.

Noch mehr tut dies das ausgezeichnete Fahrwerk. Die Spur ist im Vergleich zum Golf GTI bei gleichem Radstand noch etwas breiter, die Straßenlage damit satter und straffer. Als erstes Modell der Golf-Familie erhält der Scirocco die adaptive Fahrwerksregelung DCC (Dynamic Chassis Control), die knapp 1000 Euro Aufpreis kosten wird und das Auto beinahe narrensicher, im Sportmodus allerdings auch fast schon unangenehm straff macht.

Immer wieder betonen die VW-Leute, allen voran Winterkorn, dass der Scirocco "ein bezahlbares Auto" sei. 21.750 Euro wird die billigste Variante kosten, die mit einem 1,4-Liter-Turbomotor mit 122 PS bestückt ist. Allerdings steht dieses Auto noch nicht zum Verkaufsstart am 29. August bereit, sondern erst einige Monate später – ebenso wie das Modell mit 140-PS-Dieselmotor. Anfangs wird es den Scirocco mit einem 1,4-Liter-TSI-Motor mit 160 PS geben und mit dem 2-Liter-Triebwerk aus dem Golf GTI mit 200 PS. Die Preise dieser beiden Varianten beginnen bei 23.300 und 25.550 Euro.

Sicher unterwegs, ungewisse Zukunft

Das ist zweifellos eine aggressive Positionierung, zumal die Serienausstattung unter anderem Klimaanlage, Sportfahrwerk, höhenverstellbare Sportsitze, 17-Zoll-Leichtmetallräder, elektrische Fensterheber und das schon erwähnte Lederlenkrad umfasst. Als Sicherheitseinrichtungen sind ABS, ESP, Bremsassistent und sechs Airbags stets an Bord. Das hört sich erstmal gut an, zeigt aber auch, wie unsicher VW in die Zukunft des Scirocco blickt – trotz der demonstrativen Zuversicht, die feste Begleiterscheinung jeder Neuwagenpräsentation ist.

Denn die große Frage, wer den Scirocco denn kaufen soll, ist nicht so einfach zu beantworten. Marketing-Mann Ludger Fretzen spricht von der "iPod-Generation", von der "Lifestyle-Generation" und von "Männern mittleren Alters". Das klingt sehr vage. Und jene Menschen, die zwischen 1974 und 1992, als von den ersten beiden Scirocco-Generationen insgesamt 800.000 Exemplare gebaut wurden, ein solches Auto kauften, dürften inzwischen das Interesse verloren haben. Die Hoffnung ruht also auf neuen Kundenkreisen. Bereits der Hälfte dieser Zielgruppe, berichtet Fretzen stolz, sei der Wagen schon bekannt. Aus der Fernsehshow "Germany's next Top-Model" nämlich. Der Weg zu "VWs next Top-Model" ist jedoch ungleich steiniger als ein Laufsteg.



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