SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. März 2019, 06:40 Uhr

Autogramm VW T-Cross

Das Pseudo-SUV

von

Den VW Polo gibt es jetzt als Möchtegern-SUV namens T-Cross. Dass der Wagen Offroad-Ansprüchen so gar nicht genügen will, hat aber auch eine gute Seite.

Der erste Eindruck: Keck! Weil der T-Cross spät dran ist, muss er mehr Aufmerksamkeit erregen. Deshalb hat VW ein freches Auto gezeichnet, das mit dem Leuchtenband am Heck sogar Porsche imitiert. Auch haben die Wolfsburger viel Farbe spendiert: Es gibt für den T-Cross Kontrastlackierungen und bunte Felgen.

Das sagt der Hersteller: VW-Markenchef Ralf Brandstätter will mit dem T-Cross Gegensätze unter einen Hut bringen. Obwohl er von VW kommt, soll er sich cool und hip geben. Und obwohl er klein ist, soll er praktisch sein. Um diese Botschaft rüberzubringen, bedienen sich die Niedersachsen mancher Werbeklischees. Pedelecs und Surfbretter sollen mit dem Wagen transportiert werden; tatsächlich werden es eher Pampers und Sprudelkisten sein.

Das ist uns aufgefallen: Dass der T-Cross auf dem Polo basiert, sieht man ihm äußerlich nicht an. Doch drinnen ist die Verwandtschaft nicht zu leugnen - vor allem hinterm Lenkrad. Auch Dekorfolien täuschen nicht darüber hinweg, dass der T-Cross ein Polo auf Stelzen ist. Man schaut in die gleichen Instrumente, nutzt das gleiche Infotainment und greift zu identischen Schaltern - nicht gerade innovativ und individuell, dafür unkompliziert.

Weil sich an Antrieb und Fahrwerk ebenfalls wenig ändert, fühlt sich der T-Cross auch beim Fahren nach Polo an. Souverän und recht gemütlich, unterm Strich aber wenig engagiert. Fahrfreude will nicht aufkommen, und so entspannt man mit dem T-Cross bei hohem Tempo über die Autobahn rollt oder über eine Landstraße gondelt, ist man froh, wenn das Ziel erreicht wurde. Während man mit anderen Autos gern eine Extratour macht, ist Fahren hier Nebensache.

Der größte Unterschied zum Polo zeigt sich für Passagiere. Die Rückbank lässt sich um 14 Zentimeter nach hinten verschieben. Das bringt mehr Beinfreiheit als im Golf. In der entgegengesetzten Stellung hat man in dem Kleinwagen mehr Kofferraum als in einem Kompakten. Der Stauraum erweitert sich so von 385 auf 455 Liter, ohne dass die Lehne umgeklappt werden muss. Legt man die flach, gehen sogar 1281 Liter hinter die Klappe. Weil sich die Lehne des Beifahrersitzes ebenfalls umlegen lässt, schluckt der T-Cross sogar ein Surfbrett - oder ein Billy-Regal.

Es ist eine spezielle Mischung, die den T-Cross zu einem mustergültigen VW macht: Das langweilige Fahrgefühl, ein feines aber wenig inspiriertes Cockpit, perfekte Ergonomie und jede Menge Technik vom digitalen Kombiinstrument über den Touchscreen bis hin zur automatischen Abstandsregelung.

Auf keinen Fall ist der T-Cross aber ein richtiges SUV - obwohl er die hohe Sitzposition für den bequemen Ein- und Ausstieg und gute Übersicht bietet. So fehlt ihm der Allradantrieb. Der Verzicht wirkt sich aber auch positiv aus. Das Mehrgewicht gegenüber dem Polo liegt bei gerade 100 Kilo. Und die moderaten Motoren schlucken nicht übermäßig viel Sprit.

Das muss man wissen: Der T-Cross kommt am 4. Mai zu Preisen ab 17.975 Euro in den Handel - und ist damit eine Generation später dran als Konkurrenten wie der Renault Capture, der Peugeot 2008 oder der Ford EcoSport. Er ist nach VW-Rechnung bei vergleichbarer Ausstattung nur etwa 700 Euro teurer als sein Bruder Polo. Dabei rückt er eine halbe Klasse nach oben. Denn er misst 4,11 Meter in der Länge, das sind sechs Zentimeter mehr als beim Polo und nur zwölf Zentimeter weniger als der T-Roc. Zwar ist angesichts des Preisdrucks in diesem Segment kein Hybrid und erst recht keine Elektroversion geplant - eine Erdgasvariante ist aber denkbar.

Hinter dem stark vom SUV-Flaggschiff Touareg inspirierten Grill gibt es zunächst nur zwei Dreizylinder-Benziner mit einem Liter Hubraum und 95 oder 115 PS, mit denen bis zu 193 km/h drin sind. Ein Diesel mit vier Zylindern, 1,6 Litern Hubraum und 95 PS folgt wenig später, genau wie ein 1,5 Liter großer Vierzylinder-Benziner, der das Angebot dann mit 150 PS nach oben abrunden wird.

Das werden wir nicht vergessen: Es gibt ein paar Details, die einen Unterschied zu all den anderen kleinen Pseudogeländewagen machen. So wie die kleinen Haken im hinteren Türausschnitt, mit denen man unbenutzte Gurte befestigt. Während die sonst beim Umklappen der Rückbank im Weg und oft eingeklemmt sind, hat man sie im T-Cross immer sauber versorgt. Aber für solche Ideen hatte VW ja auch genügend Zeit.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung