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VW Bus Naext N1: Laden und Cruisen

Foto: Haiko Prengel

Autogramm: VW T5 Naext N1 Zweiter Frühling für den Bulli

TDI raus, E-Motor rein: Eine Firma aus Hamburg baut dreckige VW T5 zu Elektrobullis um. Die Fahrzeuge sollen so weitere 200.000 Kilometer schaffen. Der Preis für den Umbau dürfte sinken.

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Der erste Eindruck: Nanu, ein VW Bus ohne Dieselqualm? Der Bulli ist Kult, nach 70 Jahren hat er anscheinend mit dem Rauchen aufgehört. Zumindest dieses Exemplar, es heißt Naext N1 – und kommt nicht von Volkswagen.

Das sagt der Hersteller: Was der VW-Konzern im Jahr 2021 immer noch nicht aus eigener Hand anbieten kann, liefert jetzt ein Start-up aus Seevetal bei Hamburg. Naext Automotive hat einen vollelektrischen VW Transporter konstruiert. Das Rezept: Man nehme einen alten TDI und pflanze ihm einen fabrikneuen Elektromotor ein. Schon beginnt für den schrottreifen Gebrauchtwagen der zweite Frühling. Für ihren Prototypen N1 wählten die Hamburger einen VW T5 Multivan von 2003.

»Man spricht hier von Second Life«, erklärt Nick Zippel, Mitgründer von Naext Automotive. Viele Tausend ausrangierte Diesel und Benziner gehen jedes Jahr auf den Autofriedhof oder in den Exporthandel – um in Afrika, Osteuropa und anderswo noch lange weiter mit ihren Abgasen die Umwelt zu belasten. Die Idee von Naext: Wie wäre es, wenn man diese Gebrauchtwagen nachhaltig weiternutzt und sie dazu auf Elektroantrieb umrüstet?

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Klar, man kann ein Elektroauto neu kaufen. Doch das sei bei Weitem nicht so nachhaltig, rechnet Umweltingenieur Zippel vor: Für den Bau von Neuwagen werden große Mengen Energie benötigt – bei einem Kompaktwagen von der Größe eines Golfs seien es 40.000 Kilowattstunden, bei einem Kleintransporter sogar 60.000 kWh. Das Rohgerüst des Naext N1 ist dagegen schon produziert, im ersten Leben spulte der VW T5 gute 300.000 Kilometer ab, dann war Schluss wegen eines Motorschadens.

Für die Metamorphose vom Diesel zum Stromer weideten die Ingenieure den T5 rigoros aus: Dieselmaschine, Abgasanlage, Tank und andere überflüssig gewordene Bauteile flogen raus. Getriebe und Fahrwerk blieben drin, hinzu kam nur der Antriebsstrang mit Batterie und 55 kW starkem Elektromotor. Das Prinzip heißt Refurbishing und ist im Flugzeugbau in etwas anderer Form gang und gäbe: Passagierjets werden nach etwa 15 Jahren auseinandergenommen und restauriert. »Die Leute denken dann, sie fliegen mit einem neuen Flugzeug«, sagt Nick Zippel von Naext.

Den Energiebedarf für den Umbau des VW T5 gibt die Firma mit 10.000 bis 12.000 Kilowattstunden an. Als Basis für ihre Berechnungen stützen sich die Hamburger auf eine Studie der Technischen Universität Eindhoven  im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion. Danach haben E-Autos über den Lebenszyklus eine deutlich bessere Klimabilanz als Diesel- und Benziner-Modelle – anders, als frühere Studien nahelegten.

Das ist uns aufgefallen: Fährt sich angenehm, der Naext N1. Gut, Schnelligkeit ist nicht seine Stärke, ein E-Bulli ist kein Tesla. Nick Zippel spricht lieber von Ent- als von Beschleunigung. Immerhin wiegt so ein T5 Multivan mehr als zwei Tonnen. Dabei speckte der Bulli durch den Elektro-Umbau überraschenderweise etwas ab – um zehn Kilogramm.

Im Stadtverkehr hält der E-Kleinbus problemlos mit. Das manuelle Getriebe ist im Fahrzeug geblieben, weil man den Umbau so schneller habe entwickeln können. Hinzu kommt der Purismusaspekt: Möglichst viel vom Alten soll drin bleiben im Auto. Im Elektrobetrieb darf der Fahrer aber schaltfaul sein. Anfahren und bis Tempo 50 funktioniert gut in Gang 2, mehr als Gang 4 ist auch über Land nicht erforderlich.

Und wie schön leise der surrt im Stadtverkehr. Verglichen mit anderen Nutzfahrzeugen ist ein VW T5/T6 schon ab Werk gut gegen Außengeräusche gedämmt. Ohne nagelnden Diesel macht sich im Innenraum noch angenehmere Ruhe breit. Bremsen muss man auch fast gar nicht mehr, die Motorbremswirkung des Elektro-Bullis ist im Vergleich zum Verbrenner verblüffend.

130 km/h Spitze gibt Naext an. Wer den Akku schonen möchte, reist lieber mit gemächlichen 100 Sachen. Die maximale Reichweite soll bei voller Batterie bei 250 Kilometern liegen. Inzwischen gibt es mehr Power, der zweite und weiterentwickelte Prototyp N2 – ebenfalls ein T5 – kommt bereits auf 108 kW Leistung und bis 350 Kilometer Reichweite. Die Ladegeschwindigkeit wuchs von 7,5 kW auf 11 kW.

Was Puristen in der Bulli-Szene freuen wird: Außer Schaltgetriebe und Kupplung erinnert in Naext N1 und N2 auch der Innenraum an das Vorleben als TDI. Neu kam nur das integrierte Navi in der Mittelkonsole, die Verkleidung fertigten die Hamburger per 3D-Druck selbst an. Die wichtigsten Daten zum Elektrobetrieb zeigt ein Display auf dem Armaturenbrett. Die Ladefläche blieb mit variablen Sitzen und Tischen sowie Stauraum satt die alte.

Das muss man wissen: Verbrenner auf Elektroantrieb umbauen, das ist bislang eine Nische im Automobilbau. Gerade im innerstädtischen Verkehr werden Elektrotransporter aber beliebter – etwa bei Lieferdiensten und Handwerksbetrieben. So bietet VW-Haustuner Abt einen vollelektrischen T 6.1 an, aber nur in Kleinserie. Die Fahrleistungen sind mager, weil der Motor vom e-Golf kommt. Die Batteriekapazität liegt bei 37,3 kWh, was laut einem ADAC-Test  für maximal 138 Kilometer Reichweite reicht.

VW hat zudem just den neuen Multivan T7 vorgestellt. Er ist der erste VW Bus, der als Plug-in-Hybrid (ab 57.174 Euro) erhältlich ist. Als Vollelektro-Version gibt es ihn nicht, zudem basiert der T7 Multivan auf dem modularen Querbaukasten (MQB) der kleineren Pkw-Modelle. Als Nutzfahrzeug bleibt der T6.1 im Programm – mit klassischem Verbrenner.

Billig ist auch der Naext N1 bzw. N2 nicht. Das reine Umbau-Kit kostet derzeit noch über 30.000 Euro, im nächsten Jahr wollen die Hamburger die Kosten auf unter 20.000 Euro senken. Das Start-up versteht sich als Zulieferbetrieb, die Umrüstung sollen freie Werkstätten für weitere etwa 10.000 Euro erledigen können. Dazu kommen Kosten für die Instandhaltung. Denn die Basis der Naext-Umbauten sind Gebrauchtwagen. Diese können Verschleiß oder Korrosionsschäden aufweisen.

Unter dem Strich werde sich das Naext-Konzept nicht nur ökologisch, sondern für viele Kunden auch finanziell rentieren, meint Mitgründer Nick Zippel – erst recht, wenn die Politik einen Umweltbonus auch für Elektro-Umbauten und nicht nur für den Kauf von Elektro-Neuwagen zahle. Für seine Batterien und Elektromotoren verspricht Naext eine Lebensdauer von 200.000 Kilometern. 2022 sollen weitere Prototypen im Pkw-Segment folgen – auf E-Antrieb umgerüstete VW Golf und Toyota Corolla.

Das werden wir nicht vergessen: Die plötzlich blinkende Fehlermeldung »Motorstörung – Werkstatt«. Jeder TDI-Fahrer bekommt da Herzrasen, doch Ingenieur Nick Zippel beruhigte: Mit dem Elektroantrieb sei alles prima. »Das ist nur eine alte Anzeige aus der Diesel-Welt.«

Anmerkung d. Red: In einer früheren Version des Textes hieß es, der N2 verfüge über 108 kW Kapazität, tatsächlich verfügt er über 108 kW Leistung. Wir haben die Passage angepasst.

Hersteller:

VW/Naext

Typ:

N2 auf T5/T6-Basis

Karosserie:

Transporter/Kleinbus

Motor:

Elektromotor

(Permamenterregte Synchronmaschine)

Leistung:

108 kW / 146 PS

Drehmoment

255 Nm

Getriebe:

Fünfgang-Schaltgetriebe

Antrieb:

Frontantrieb

Von 0 auf 100:

15 s

Höchstgeschwindigkeit:

175 km/h

Verbrauch:

21 kWh/100 km

Kraftstoff:

Strom

Batteriekapazität:

72,0 kWh

Reichweite:

350 km

CO2-Ausstoß:

0/km

Gewicht:

2200 kg (Schätzung)

Länge / Breite / Höhe (in mm):

4892 / 1904 / 1990

Kofferraumvolumen:

5800 Liter

Preis:

ca. 39.000 Euro

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