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06. Juli 2017, 12:02 Uhr

Autogramm VW Tiguan Allspace

Verlangen nach Verlängerung

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VW hat seinen Verkaufsschlager um 20 Zentimeter gestreckt: Der Tiguan Allspace ist praktischer als der normale Tiguan und soll Van-Modellen Konkurrenz machen. Trotz der Länge zieht er in mancher Hinsicht den Kürzeren.

Der erste Eindruck: Kurz oder lang? Die Proportionen des gestreckten Tiguan Allspace sind so stimmig, dass man das Wachstum von außen nur im direkten Vergleich mit dem normalen und 20 Zentimeter kürzeren Modell erkennt.

Das sagt der Hersteller: "Bigger is better." Der US-amerikanische VW-Sprecher Mark Gillies freut sich, dass die zweite Auflage des Tiguan für den US-Markt um 20 Zentimeter verlängert wurde und erstmals auch mit sieben Sitzen angeboten wird. Den meisten Kunden in Übersee war der normale Tiguan nämlich eine halbe Nummer zu klein.

In Europa verkauft sich der Kompakt-SUV dagegen hervorragend - trotzdem wird auch hier jetzt die lange Variante eingeführt. "In Deutschland gibt es zum Beispiel immer mehr Kunden, die einen erhöhten Platzbedarf mit einem SUV statt einem Van decken wollen", sagt der deutsche VW-Sprecher Christian Buhlmann. "Mit dem Tiguan Allspace bieten wir die Variabilität eines VW Touran, den erweiterten Aktionsradius eines Geländewagens und das trendige Design eines SUV."

Wenn schon der Tiguan Allspace aus den USA nach Europa kommt - warum bietet Volkswagen da nicht gleich auch den VW Atlas hier an? Das Modell kam in diesem Jahr unter anderem in Nordamerika auf den Markt und soll dort im Segment der Full-Size-SUV Gewinne einfahren. "Stimmt", sagt Buhlmann, aber für einen Import nach Europa sei das Fahrzeug zu wuchtig. Denn der Atlas ist nicht nur 35 Zentimeter länger als ein Tiguan Allspace, sondern auch zehn Zentimeter breiter. "Das würde bei uns nicht nur in Parkhäusern und Tiefgaragen Probleme machen, sondern vor allem in Autobahnbaustellen", sagt Buhlmann. "Dort würde für den Atlas dann wie für Lkw ein Überholverbot gelten."

Das ist uns aufgefallen: Haaallooo? Wenn man zum ersten Mal in den Tiguan Allspace einsteigt, möchte man fast nach dem Echo rufen, so geräumig wirkt die Kabine. Was Gesamtlänge und -breite angeht, ist der Allspace sogar ein kleines bisschen größer als der Skoda Kodiaq.

Vor allem die Passagiere in der zweiten Reihe profitieren von der gestreckten Karosserie. Weil VW mit dem Radstand auch die hinteren Türen um elf Zentimeter gestreckt hat, können Fondfahrgäste viel bequemer einsteigen. Und weil sich die geteilte Sitzbank um 18 Zentimeter verschieben lässt, haben sie im besten Fall sogar mehr Beinfreiheit als im aktuellen VW Touareg.

Durch die zusätzlichen zehn Zentimeter mehr Karosserieüberhang am Heck wächst der Kofferraum zudem schon bei aufrechter Rückbank gegenüber dem Standardmodell um 145 auf 760 Liter. Sind dann noch die Lehnen der zweiten Reihe umgeklappt, schaut man in einen Schlund mit 1920 Liter Fassungsvermögen - und möchte schon wieder nach dem Echo rufen.

Rückbank verschieben, Sitze umklappen, die Gepäckabdeckung im doppelten Kofferraumboden verstauen und dann einpacken wie ein Lademeister - auf den ersten Blick klappt das beim Tiguan Allspace tatsächlich so gut wie im Kompakt-Van Touran. Doch wenn man genauer hinschaut, entdeckt man Nischen, Stufen und Spalten, die den Ladeboden durchziehen und Kleinkram auf Nimmerwiedersehen verschwinden lassen. Das können echte Vans besser.

Die dritte Sitzreihe im Tiguan Allspace ist außerdem eine Notlösung, die man selbst Knirpsen kaum zumuten mag. Zum Einsteigen ist Gymnastik nötig, so eng ist der Weg nach ganz hinten. Und wenn man sich durchgeschlängelt hat, muss man als Erwachsener die Knie fast bis an die Ohren ziehen, um Platz zu finden. Öfter als einmal im Jahr - wenn zum Beispiel die ganze Rasselbande nach dem Kindergeburtstag nach Hause gefahren werden muss - wird man die beiden Klappstühle in Reihe drei deshalb kaum aufrichten. Auch das ist ein Grund, weshalb VW die Plätze sechs und sieben nicht obligatorisch, sondern nur für etwa 800 Euro Aufpreis einbaut.

Das muss man wissen: Während der kurze Tiguan in Wolfsburg gebaut wird, kommt der vor allem für die USA entwickelte Allspace aus dem VW-Werk in Mexiko. Von dort werden die ersten Autos im Herbst verschifft und sollen im November in den Handel kommen. VW nennt noch keine exakten Preise, lässt aber durchblicken, dass das Basismodell knapp unter 30.000 Euro kosten wird. Das ergibt einen Aufpreis von knapp 2000 Euro gegenüber dem normalen Tiguan - umgerechnet etwa 100 Euro pro Zentimeter.

Das Format ist neu, aber ansonsten ist der Allspace ein Tiguan wie jeder andere. Das gilt für die in Details etwas verbesserte Ausstattung mit Extras wie dem digitalen Cockpit, dem großen Touchscreen mit eigener VW-App, den LED-Scheinwerfern und für Assistenzsysteme wie den Tempomat mit Abstandsregelung sowie für den Antrieb, bei dem nur die jeweils schwächsten Motoren gestrichen werden. So gibt es den Allspace mit je drei Benzinern und drei Dieselaggregaten, die eine Spanne von 150 bis 240 PS abdecken. Auch Allradantrieb ist verfügbar.

Das werden wir nicht vergessen: Die Erkenntnis, dass Größe beim Tiguan Allspace vor allem eine Frage der Perspektive ist. Denn so riesig einem der Wagen aus mancher Perspektive vorkommt, so eng und winzig wirkt er, wenn man an der hinteren Tür steht und überlegt, wie man in die dritte Reihe kommt.

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