VW Tiguan Streber auf der Schotterpiste

Sex-Appeal hat der VW Tiguan gewiss keinen. Er verfügt auch nicht über das knackigste Fahrwerk, und schon gar nicht ist er billig. Trotzdem ist er der Bestseller seiner Klasse. Jetzt haben die Wolfsburger den Mittelklasse-SUV noch einmal verfeinert, damit das so bleibt.

Ingo Barenschee

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? An die zehnte Klasse zum Beispiel. In diesem Alter kamen damals die ersten Jungs mit Hemd und Sakko zum Unterreicht und schleppten ihre Bücher und Hefte plötzlich im Aktenkoffer herum. Sie saßen meist in der ersten Reihe, hatten immer den dicksten Taschenrechner und auf jede Frage eine Antwort. Klar: Abends mit ihnen um die Häuser ziehen wollte damals keiner, in der Raucherecke standen sie immer ziemlich alleine und die Mädels wollten von ihnen auch nichts wissen. Doch bei den Klassenarbeiten waren sie die Besten und später das Abitur gab's natürlich mit Auszeichnung. Klassische Strebertypen eben: langweilig und leistungsstark.

Genau so ein Typ ist der VW Tiguan. Während Konkurrenzmodelle wie der Ford Kuga oder der Kia Sportage auf ein markantes, fast schon schillerndes Design setzen, gibt der VW den braven Bürger und kontert mit inneren Werten - und das mit Erfolg: Denn kaum hatte Volkswagen den Kompakt-SUV 2007 auf den Markt gebracht, stand er auch schon an der Spitze des Segments und hat diese Position bis heute verteidigt.

Damit sich an dieser Führungsposition auch durch neue Rivalen wie etwa den Audi Q3, oder den avisierten Mercedes BLK nichts ändert und der Tiguan auch optisch wieder so richtig zur VW-Familie passt, haben die Niedersachen den Wagen jetzt, nach vier Jahren Bauzeit, aufgefrischt. Von außen erkennt man das am neuen, schwarz eingefärbten Kühlergrill im Stil von Golf & Co., an der LED-Tagfahrlichtleiste unter den Scheinwerfern sowie an den geänderten Rückleuchten.

Schläfrigen Fahrern rät der Tiguan künftig zur Pause

Im Innenraum lassen neue Ausstattungslinien und ein paar frische Formen und Farben die zweite Generation erkennen. Außerdem finden sich auf der Preisliste eine Reihe neuer Assistenzsysteme; so überwacht der Tiguan jetzt die Konzentration des Fahrers und warnt ihn bei zunehmender Müdigkeit. Außerdem steuert neuerdings auf Wunsch eine Kamera automatisch den Wechsel zwischen Abblend- und Fernlicht und hilft nebenbei noch bei der Spurführung.

Am deutlichsten fällt der Fortschritt allerdings unter der Haube aus. Denn drei von sieben Motoren - zur Wahl stehen vier Benziner und drei Diesel mit Leistungen von 110 bis 210 PS - sind neu im Programm. Besonders stolz sind die Ingenieure auf zwei Extreme: Die beiden Diesel mit 110 und 140 PS und den stärksten Benziner mit 210 PS. Die Selbstzünder punkten dank Start-Stopp-Automatik, Rekuperationsbremse und Freilauf auf der Autobahn mit 5,8 (Allrad) oder 5,3 (Frontantrieb) Liter Durchschnittsverbrauch. Und die große TSI-Maschine mit 210 PS Leistung soll dem Streber endlich einen Kick Emotion geben. Immerhin handelt es sich um den Motor, der auch im VW Golf GTI zum Einsatz kommt.

Während das 2,0-Liter-Aggregat im GTI durchaus vorlaut klingt, hält er sich im Tiguan, für den der Motor noch im Sommer verfügbar sein wird, ein wenig mehr zurück. Trotzdem geht er mit maximal 280 Nm ziemlich druckvoll zu Werke, treibt den SUV in 7,8 Sekunden auf Tempo 100 und macht Zwischenspurts auch ohne die DSG-Automatik zu einer vergnüglichen Übung: einfach einen oder zwei Gänge zurück schalten und etwas fester aufs Gas treten, schon wischt man am Vordermann vorbei. Nur auf einer freien Autobahn läuft die Maschine schneller ins Leere als erwartet, denn bei 215 km/h ist Schluss. Eigentlich aber ist das logisch, denn die große Stirnfläche, die höhere Bodenfreiheit und der Allradantrieb fordern natürlich ihren Tribut. Auch so ist der Durst des Autos ordentlich: 8,5 Liter schluckt der "GTI-Tiguan" im Schnitt. Bei Vollgas-Etappen auf der Autobahn dürfte der Konsum aber deutlich höher ausfallen.

Wer ein praktisches Alltagsauto braucht, sollte den Fronttriebler wählen

Der Fahrer kann das Fahrwerk für solche Parforce-Ritte jederzeit anpassen. Ein Knopfdruck genügt, dann federt der Tiguan etwas strammer, liegt straffer auf der Straße und die Lenkung erfordert eine stärkere Hand. Für die flotte Kurvenhatz einen Bergpass hinauf ist das sicher keine schlechte Sache, doch im Alltag fährt sich das Auto mit der Komfortstellung harmonischer. Schließlich ist der Tiguan in erster Linie eine bequeme Familienkutsche für wohlhabende Mütter, die damit - lang lebe das Klischee - zwischen Kindergarten und Einkaufszentrum pendeln. Auch für diesen Einsatz ist der Wagen gewappnet: Dann lässt man bei den kleineren Motoren den Allradantrieb besser weg und bestellt statt der etwas grober geschnittenen "Track"-Variante ein Modell der Version "Trend & Fun" oder "Sport und Style" und freut sich an vernünftigen Platzverhältnissen in beiden Reihen und einem 470 Liter großen Kofferraum.

VW weiß natürlich um die Stärken des Tiguan und gibt sich zumindest bei den Aufpreisen sehr selbstbewusst. Wer einige Extras im Auto haben möchte, treibt den Preis rasch in Höhen, die schon fast auf dem Niveau des großen SUV-Modells Touareg liegen. Beim werbewirksamen Basispreis jedoch zeigen die Niedersachen, dass sie die Pole-Position des Tiguan auf jeden Fall halten wollen. Das überarbeitete Modell kostet nämlich auf den Cent genau so viel wie der Vorgänger: 24.175 Euro.

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