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Yamaha R1M

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Autogramm Yamaha R1M Wenn der erste Gang bis 150 km/h geht

Einst waren Supersportmotorräder begehrenswert, inzwischen sind sie nahezu vom Markt verschwunden. Die Yamaha R1M ist ein solch ziviler Ableger einer Rennmaschine – und fasziniert mit elementarer Gewalt.
Von Peter Ilg

Der erste Eindruck: Ein prall gespannter, professionell trainierter Muskel.

Das sagt der Hersteller: Die Yamaha R1M ist ein Supersportmotorrad. So heißt das Segment voll verkleideter Rennmaschinen mit Straßenzulassung. "Die R1M ist für die Rennstrecke entwickelt, wo sie ihr volles Potenzial entwickeln kann. Sie ist aber auch zulassungsfähig und spricht damit eine breite Masse an Fahrern an", sagt Marcel Driesen, Geschäftsführer Yamaha in Deutschland. Die Straßenmaschine hat im Modelljahr 2020 eine neue Verkleidung, die etwas aerodynamischer ist als beim Vorgänger und mehr der vom Rennmotorrad gleicht.

Der Renner aus Japan hat 200 PS, die 202 Kilogramm Fahrzeuggewicht bewegen müssen. Das sind Leistungsdaten, von denen Sportwagenfahrer nur träumen können. Trotzdem lassen sich immer weniger Biker von derlei Exzessen beeindrucken. Konsequent sank der Marktanteil der Supersportler von 11,5 Prozent vor zehn Jahren auf 3,7 Prozent im vergangenen Jahr.

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Bis vor einem Jahrzehnt waren Supersportler die Motorräder schlechthin. "Heute setzen immer mehr Biker die Maschinen nur noch dort ein, wo man schnell und zugleich sicher fahren kann, und das ist nun mal die Rennstrecke", sagt Driessen. Zunehmend werden Motorräder wie die R1M für den reinen Rennstreckenbetrieb angeschafft, nicht mehr zugelassen und tauchen somit in der Statistik nicht mehr auf.

Ottonormalfahrer fragt sich derweil: Ergibt ein Motorrad mit 200 PS für die Landstraße Sinn? Natürlich nicht. "Als Topmodell ist sie für uns ganz klar ein wichtiger Imageträger", sagt Driesen deswegen tapfer.

Das ist uns aufgefallen: Im Alltagsbetrieb ist die R1M in jeder Situation eine körperliche und psychische Herausforderung. Man sitzt auf einem zwar breiten aber spartanisch gepolsterten Sitz. Die Füße stehen auf weit hinten angeschraubten dünnen Fußrasten, sodass der Oberkörper unausweichlich nach vorn kippt. Das ist nicht unbedingt bequem, aber wichtig, um Druck auf das Vorderrad zu bekommen. Das vordere Rad ist der entscheidende Kontaktpunkt zwischen Maschine und Straße, die Lebensversicherung des Fahrers. Verliert er darüber die Kontrolle, wird es brandgefährlich. Deshalb ist das Motorrad so konstruiert, dass möglichst viel Gewicht vorn liegt.

Die Gewalt, die mit dem Gasgriff entfesselt wird, lässt sich schwer in Worte fassen. Der erste Gang geht bis 150 Kilometer pro Stunde, der zweite bis 190. Danach kann man noch viermal den Schalthebel hochziehen. Der erste Gang ist so lang übersetzt, damit möglichst wenig Zeit beim Schalten verloren geht. Auf engen Rennkursen fährt die Yamaha deswegen weite Teile nur im ersten Gang.

Bis 8000 Umdrehungen wird die Drehzahl des Motors in schwarzen Balken angezeigt. Dann wechselt die Farbe auf Grün. Ab da wird es stürmisch, bis bei 11.000 Drehzahlen ein Orange den akustischen Orkan ankündigt, erst bei 13.500 Umdrehungen pro Minute ist Schluss.

Der Vierzylinder-Reihenmotor der R1M Motor hat dabei eher den Charakter eines Zweizylinders: Er läuft rau und unrund. Das liegt an der ungleichmäßigen Zündfolge des Triebwerks. Diese Technologie ist aufwendiger als ein Motor mit gleichmäßiger Zündfolge, erzeugt aber ein hohes lineares Drehmoment. In einem Diagramm abgebildet ist die Leistungsentfaltung des Motors eine steil steigende Gerade ohne große Schwankungen bis zur Drehzahlgrenze von 13.500 Umdrehungen pro Minute. Genauso geradlinig beschleunigt sie auch.

Ebenso faszinierend wie die unbändige Gewalt des Motors ist das Fahrwerk, das diese Kraft wegsteckt. Kein Ruckeln und Zucken im Rahmen, selbst wenn der Gashahn ganz aufgedreht wird. Kein springendes Hinterrad bei unebener Fahrbahn. Kein Schlingern in der Gabel bei starkem Abbremsen. Das Fahrwerk hält die Ideallinie, ein beeindruckendes und bleibendes Fahrerlebnis.

Das muss man wissen: Die R1M ist das Bindeglied zwischen der normalen R1 und den Motorrädern, die Yamaha in der Rennserie Moto GP einsetzt und M1 nennt. Der Zwitter kostet 25.826,08 Euro, die normale R1 19.294,99 Euro. Der größte Unterschied zwischen den Modellen ist das elektronische Fahrwerk von Öhlins.

Der schwedische Zulieferer ist Spezialist für Straßenlage und Fahrgefühl. Am linken Lenkergriff werden die Fahrwerkskomponenten grob mit vier Fahrmodi eingestellt. Auf der anderen Lenkerseite sind die Fein- und Einzeljustierung von Leistung, Gasannahme, Vorderradhebekontrolle und sieben Parametern mehr für schnellere Rundenzeiten. Im Alltag reicht die Schnelleinstellung links üppig aus. An der normalen R1 lässt sich genau so viel verstellen, doch braucht man dafür Werkzeug und Zeit. Welcher Rennfahrer hat die schon?

Neu ist bei der Supersportlerin zudem das Bremssteuerungssystem BC, das zwei ABS-Modi bietet: eine feste und eine variable Empfindlichkeit je nach Neigungswinkel und dem Verhalten des Motorrads. Im variablen Modus erhöhen sich die Empfindlichkeit und Eingriffsgeschwindigkeit des ABS, wenn der Neigungswinkel größer wird. Das bringt mehr Kontrolle bei Kurvenfahrten. 

Hersteller

Yamaha

Typ

R1M

Karosserie

Motorrad

Motor

Vierzylinder-Viertakt-Motor

Getriebe

Sechsgang

Hubraum

998 ccm

Leistung

147 kW / 200 PS bei 13.500 U/min

Maximales Drehmoment

113 Nm bei 11.500 U/min

Höchstgeschwindigkeit

285 km/h

Gewicht

202 kg

Tankinhalt

17 l

Emissionen

168 g/km CO2

Standgeräusch

98 dB (A) bei 2.510 U/min

Fahrgeräusch

76 dB(A)

Preis

ab 25.826 Euro

Neu ist ebenfalls das Motorbremsmanagement EBM, ein elektronisches Assistenzsystem. Man kann zwischen drei Motorbremskraftstufen wählen und so das Motorbremsmoment unterschiedlichen Fahrsituationen und persönlichen Vorlieben anpassen. Anhand unterschiedlicher Sensordaten wie Gangstufe, Motordrehzahl oder Gasgriffstellung regelt das System die Drosselklappenöffnung, den Zündzeitpunkt und das Kraftstoffeinspritzvolumen und steuert so das Bremsmoment des Motors.

Der Zubehörkatalog der R1M ist überschaubar. Neben vergleichsweise günstigen Extras zur optischen Individualisierung wie LED-Blinker bietet er vor allem Posten, die Rennstreckenanwärter interessieren: verschiedene Dämpfer, Rennverkleidung und sonstiges.

Das werden wir nicht vergessen: die fehlende Tankanzeige. Erst wenn nur noch drei Liter Sprit im Tank sind, leuchtet eine Warnlampe im Display auf. Dann bleiben 40 Kilometer bis zur nächsten Zapfsäule. Das aufkommende Gefühl kennt man vom Gegenteil einer Rennmaschine: Einem Elektroauto, in dem immer mal wieder die Angst mitfährt, mit leerem Akku liegenzubleiben, weil weit und breit keine Ladestation zu finden ist.

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