25 Jahre Renault Espace Der Raumfahrt-Pionier

Bevor dieses Auto debütierte, galten Kombi-Modelle als ideale Familienfahrzeuge. Doch mit dem Start des Renault Espace vor 25 Jahren entdeckten - nach den Amerikanern - auch die Europäer die automobile Raumfahrt. Nun aber scheint die Zeit der Großraumlimousinen vorüber.


Sechs Jahre lang hatten die Ingenieure entwickelt und erprobt - und dann dieser Schock. Nur neun Käufer entschieden sich im ersten Verkaufsmonat für den Renault Espace, und das Auto war praktisch schon tot, noch ehe es überhaupt gestartet war. Zu neu, anders, unkonventionell war das Konzept, das Phillippe Guédon, der technische Leiter des französischen Kleinserienherstellers Matra, aus den USA mitgebracht hatte: Ein futuristisch anmutender Kastenwagen mit dem Innenleben einer bequemen Limousine und dem Platz eines Kleinbusses - das ging den bis dahin an Kombi-Modelle gewöhnten Familienvätern dann doch zu weit. Es ist das Jahr 1984, und Autos wie VW Touran, Opel Zafira oder Renault Scénic sind noch weit entfernt.

Doch nach einiger Zeit machte es doch noch Klick. Die Idee zündet, die Zulassungszahlen ziehen an und als Pionier der Großraumlimousinen wird der Renault Espace zum Wegbereiter für Dutzende neuer Modelle. Vier Generationen und knapp 1,2 Millionen Autos später feiert der erste europäische Van in diesen Wochen seinen 25. Geburtstag - und SPIEGEL ONLINE ging mit dem Klassiker noch einmal auf Fahrt.

Die Begegnung mit dem Jubilar ist wie eine Zeitreise. Von außen wie von innen wirkt der Van heute ähnlich retro-futuristisch wie die erste Folge der Raumpatrouille Orion. Die kantige Karosserie, die flache stehende Frontscheibe, das steile Heck - was damals die Sehgewohnheiten strapazierte, ist heute ganz normal. Und über die giftgrünen Sitze, die Rollos am Dachhimmel, den Schlingveloursteppich auf dem Wagenboden oder das Armaturenbrett im Bauklötzchendesign schmunzelt man im Jahr 2009 - so wie man über Mobiltelefone im Backsteinformat oder Faxgeräte mit Thermopapier grinst. Ein Problem allerdings kennt der Oldie nicht: Weil Matra die Karosserie aus Plastik fertigte, ist Rost bei diesem Renault kein Thema.

So angestaubt der Espace nach 25 Jahren wirkt, das Raumgefühl ist bis heute unerreicht. Bein- und Schulterfreiheit sind gewaltig, die Scheiben so riesig, dass man sich in einem Aquarium auf Rädern wähnt - und bei welchem aktuellen Van lassen sich die Sitze in der ersten Reihe drehen? Außerdem kannten Normalverdiener Extras wie eine Zentralverriegelung mit Funksender oder ein Radio mit Bediensatellit am Lenkrad bis zu diesem Auto allenfalls vom Hörensagen; und die Option auf sechs oder sieben Sitze gab es bis dahin nur bei Kleinbussen.

Eine Lenkung, die mehr eine Entscheidungshilfe ist

In Fahrt bringt den rüstigen Rentner ein 2,1 Liter großer Turbodieselmotor, der 88 PS leistet. Zwar flutschen die fünf Gänge überraschend gut durch das über einen langen, dünnen Schaltknauf dirigierten Getriebe, doch braucht der Espace lange 13,3 Sekunden, bis sich die Tachonadel auf Tempo 100 zittert. Und bei 160 km/h ist Schluss. Vor 25 Jahren war das ganz ordentlich, heute jedoch sind die meisten Kleinwagen flotter. Andererseits: Man möchte mit diesem Auto gar nicht schneller fahren. Denn erstens wird es jenseits von Tempo 100 ungeheuer laut im Innenraum, und zweitens ist die Lenkung mehr eine Entscheidungshilfe in Sachen Fahrtrichtung als ein präzises Steuerinstrument.

Die erste und die jüngste Generation des Renault Espace sind kaum mehr zu vergleichen. Zwischen beiden Modellen liegen nicht nur 25 Jahre, sondern auch fast ein halber Meter Fahrzeuglänge (der erste Espace war 4,26 Meter lang, der aktuelle misst 4,65 Meter), bis zu 120 PS (früher maximal 120, heute bis zu 241 PS) und ein kleines Vermögen. Für den Einstiegspreis von 28.900 Mark war der Espace zwar schon 1984 kein Schnäppchen, doch heute reicht die Preisliste von 29.000 bis 52.300 Euro.

Bis heute ein Auto, das die Insassen entschleunigt

Was Youngtimer und Neuwagen hingegen eint, ist die große Gelassenheit, die sich bereits nach wenigen Metern an Bord des Espace einstellt. Egal ob vorn unter der Kunststoffhaube der alte Turbodiesel nagelt oder unter der mittlerweile aus Blech geformten Karosse zum Beispiel ein 173 PS starker Common-Rail-Diesel flüstert - kaum weitet sich in der großen Frontscheibe das Panorama, wird der Puls ruhiger und man gleitet still und gesittet durch Zeit und Raum, fast so wie Captain Kirk an Bord der Enterprise.

Einerseits sind 25 Jahre für eine Pkw-Baureihe durchaus ein Grund zur Freude für den Hersteller. Doch so recht in Feierlaune ist kaum jemand bei Renault. Denn womöglich ist das zum Sommer geplante Jubiläumssondermodell des Espace die letzte Neuheit der Baureihe. Ob, und wenn ja wann, der Raumkreuzer einen Nachfolger bekommen wird, darüber gibt es bei Renault derzeit keine Auskunft. Die Zulassungszahlen in Frankreich sind stabil, jedoch auf niedrigem Niveau. Und in Deutschland wird der Wagen nur noch selten verkauft. Lediglich 351 Zulassungen des Typs vermerkte das Kraftfahrt-Bundesamt im ersten Quartal 2009. Wenn man berücksichtigt, dass das neue Modell Grand Scénic mittlerweile mehr Platz bietet als der erste Espace, dann könnte die Mission des Raumfahrtpioniers tatsächlich bald zu Ende gehen.

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