40 Jahre Jaguar XJ Auf die feine englische Art

Rolls-Royce und Bentley sind für viele unerreichbar. Und auch ein neuer Jaguar sprengt oft das Budget. Doch gebraucht sind die Raubkatzen nicht nur billiger, die älteren Jahrgänge sind auch formschöner – wie der erste XJ, der jetzt seinen 40. Geburtstag feiert.


Dem Auto gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte von Jaguar. Denn der erste XJ war nicht nur das letzte Modell, das Firmengründer Sir William Lyons noch persönlich zeichnete. Sondern die elegante Luxuslimousine markierte auch den Aufbruch in eine neue Ära: Schluss mit barocken Rundungen, Schluss mit der getragenen Eleganz. Schön und schnell lautete die Devise, als der "eXperimental Jaguar" am 26. September 1968 Weltpremiere auf dem Autosalon in Paris feierte.

Seit diesem Tag haben die Briten ihr Flaggschiff in nun 40 Jahren rund 900.000-mal gebaut und sich damit fest im Oberhaus etabliert: Als einziges europäisches Modell wird der XJ in einem Atemzug mit Mercedes S-Klasse, BMW 7er und Audi A8 genannt. Denn nicht nur in Luxus und Fahrkomfort ist er den Dickschiffen aus Stuttgart, München und Ingolstadt ebenbürtig - er verfügt auch über eine längere Tradition. Denn als Jaguar die feine englische Art auf Räder stellte, war von den deutschen Luxuslimousinen noch nicht einmal die Rede.

Eines der ältesten XJ-Modelle auf dem Kontinent besitzt der Bayreuther Gerichtsvollzieher Walter Richter, der SPIEGEL ONLINE zum runden Geburtstag seines Autos zur Testfahrt lud. "Mein Wagen wurde schon ein paar Tage vor der Weltpremiere in Paris zugelassen, sagt der Beamte. Schon als Schüler begeisterte er sich für Jaguar. "Ich wollte immer ein wenig anders sein als die anderen. Und weil Mercedes, Porsche, BMW schon unter den Klassenkameraden vergeben waren, habe ich eben für Jaguar geschwärmt", erinnert sich der 50-Jährige.

Als er vor zehn Jahren am Bodensee einen der ersten XJ entdeckte, war es endgültig um ihn geschehen. Der tiefschwarze XJ mit den vier dick verchromten Kulleraugen-Scheinwerfern passte exakt in sein Anforderungsprofil. Alltagstauglich, halbwegs zuverlässig, und bei 2,77 Metern Radstand und 4,82 Metern Länge allemal groß genug für Frau und Kinder. Richter kann seine Anglophilie nun auch im Auto ausleben: "Ich mag den britischen Humor, schaue liebend gerne die verfilmten Romane von Rosamunde Pilcher und trage gerne englische Kleidung."

Vom Luxussportler zum Schmusekater

Unter der Haube des Wagens steckt ein 4,2 Liter großer Reihensechszylinder, der es auf 186 PS bringt und noch heute munter wirkt. Natürlich wird die Höchstgeschwindigkeit von 204 km/h nicht mehr ausgereizt, und dass der Wagen einst in 8,7 Sekunden von 0 auf 100 km/h schnellte, glaubt man auch ohne erneute Messfahrt. Doch sobald man den spindeldürren Chromstab der Vierstufen-Automatik auf "D" stellt und den Fuß ein wenig senkt, schnurrt der Klassiker los wie ein Schmusekater.

Dabei fühlt man sich hinter dem ebenso großen wie dürren Lenkrad, das fast senkrecht in den edlen Salon ragt, auf Anhieb wie ein Lord auf dem Weg durch die Grafschaft. Bevor der Blick über die sanft gewölbte Haube Richtung Horizont entschwindet, schweift er über fein gemasertes Holz und eine wunderschöne Uhrensammlung im Armaturenbrett, die beinahe bis zum Beifahrer reicht. Das Leder ist mit den Jahren warm und braun geworden, über der Mittelkonsole sitzt eine Batterie von Schaltern, und der üppige Chromschmuck glänzt so hell wie am ersten Tag.

Die schnellste Limousine der Welt

Neben dem 4,2-Liter-Motor gab es für den Jaguar der ersten Serie auch mit einen auf 2,8 Liter verkleinerten Sechszylinder mit 149 PS. Und 1972 brachten die Briten den XJ12 auf den Markt. Dessen 5,3 Liter großer und 253 PS starker V12 machte den britischen Luxusliner mit einer Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h damals zur schnellsten Limousine der Welt und für 15 Jahre zum einzige Viertürer, der eine Zwölfzylindermotor intus hatte.

Dass Richters Wagen aussieht, als wäre er gestern vom Band gerollt, liegt vor allem an der Pflege und daran, dass er anfangs in Italien unterwegs war. Während die meisten Jaguar aus der Zeit längst dem Rost zum Opfer fielen, hat der XJ im trockenen Süden ohne Macken überlebt und wurde gründlich restauriert, bevor er über die Alpen kam. "Fast alles am Auto ist wie früher", sagt Richter. "Nur die Mehrtonhupe wurde nachgerüstet, die Wegfahrsperre verlangt die Versicherung, und die Originalreifen sind mir einfach zu teuer", entschuldigt er die kleinen Abweichungen, die den Wert seines 1a-Autos aber kaum mindern. "Der dürfte heute bei 18.000 Euro liegen", schätzt der Liebhaber. "Aber verkaufen kommt für mich ohnehin nicht in Frage."

Genussvolle Touren und grässliche Pannen

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der XJ von 1968 so frisch aussieht: Die behutsame, gelegentlich behäbige Modellpflege der Briten. So gab es zwar für die erste Generation insgesamt drei Überarbeitungen. Doch im Prinzip wurde das Auto bis 1986 fast unverändert gebaut. Erst dann gab es den XJ40, der 1994 vom X300 und 2002 vom aktuellen XJ mit dem internen Code X350 abgelöst wurde.

Der ist zwar mit Aluminium-Karosserie und zahlreichen elektrischen Hilfssystemen eine der modernsten Oberklasselimousinen, doch optisch hat er sich so wenig weiterentwickelt, dass er schon bei der Premiere altbekannt aussah. Die Parallelen zwischen gestern und heute sind offensichtlich. Doch für Walter Richter liegen zwischen beiden Autos Welten: Der neue sei zu schwerfällig, zu fett, zu wenig filigran. "Mein Auto dagegen ist schon im Stand schnell."

Mit seinem alten XJ hat Walter Richter alle Höhen und Tiefen mitgemacht, die man in einem Jaguar erleben kann. Genussvolle Touren und grässliche Pannen bestimmen seine Erinnerung. Schon bei der Überführung trat kurz vor dem Ziel ein kapitaler Motorschaden auf. Das erforderte eine gründliche Sanierung der Technik, die noch einmal die Summe des Kaufpreises verschlang.

Auch danach gab es immer mal wieder Defekte. Mal streikte die Lichtmaschine, mal eine der Benzinpumpen in den beiden separaten Tanks hinter der Rückbank. "Natürlich war es die im vollen Tank, die plötzlich den Geist aufgab", sagt Richter. Inzwischen kennt er sich aus wie ein Mechaniker: "Man verliert schnell die Angst, kann eigentlich alles selbst reparieren und ohnehin nichts kaputt machen."

Die schlimmste Panne ereilte ihn ausgerechnet bei der Hochzeit seiner Tochter. "Gott sei dank aber nicht vor der Kirche, sondern auf dem Heimweg nach dem Essen", sagt Richter und beteuert. "Im Stich gelassen hat er mich nie. Aber es ist jede Ausfahrt wieder spannend."

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