50 Jahre Verkehrssünderkartei Jippie, mein Konto ist leer

Kaum ein Autofahrern kommt ganz ohne Punkte durchs Leben - alle Straftaten und Ordnungswidrigkeiten landen im Flensburger Verkehrszentralregister. Die Sünderkartei, feiert heute ihr 50-jähriges Bestehen.


Seit am 2. Januar 1958 Mitarbeiter des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) in Flensburg darin die ersten Verkehrssünder vermerkten, ist die Kartei auf gut acht Millionen Namen gewachsen. Jeder sechste Führerscheininhaber hat damit im Norden der Republik ein "Konto", auf dem er sich "Ebbe" wünscht.

Verkehrskontrolle in Hamburg: 80 Prozent der Einträge entfallen auf Männer
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Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Verkehrstoten hierzulande auf weniger als die Hälfte gesunken. Dazu habe das Register beigetragen, indem es "die auffälligen Fahrer von der Straße" hole, sagt KBA-Sprecher Stephan Elsner. Denn wer wiederholt rast, rote Ampeln ignoriert oder etwa gar Fahrerflucht begeht und so 18 Punkte ansammelt, verliert seinen Führerschein.

Diese Höchststrafe handelten sich zuletzt allerdings nur wenige tausend Autofahrer im Jahr ein. Meist scheint der beabsichtigte Lerneffekt einzutreten: So keine weitere "Sünde" dazukommt, werden die Punkte nach Ablauf einer Frist wieder gelöscht - die maximal vier Punkte für Ordnungswidrigkeiten zum Beispiel nach zwei Jahren.

Lange Tradition

Hervorgegangen ist das VZR einst aus einer Kartei des Polizeipräsidiums Berlin. Die "Sammelstelle für Nachrichten über Führer von Kraftfahrzeugen" registrierte seit 1910 Führerscheindaten, ab 1951 gehörte sie zum neu gegründeten Kraftfahrt-Bundesamt. Mit der Motorisierung stieg in den fünfziger Jahren auch die Unfallrate, daraufhin entstand die zentrale Verkehrssünderkartei - anfangs aus Platzmangel in einem alten Flensburger Hafengebäude angesiedelt.

Was damals mit Drehkartenständern begann, aus denen sich die gut 70 Mitarbeiter Namen und Aktennummern der Verkehrssünder zogen, ist heute weitgehend digitalisiert. Nur noch weniger als ein Drittel der Unterlagen führen die 180 Mitarbeiter auch als Papierakte - immerhin noch 10,7 Millionen Blatt in 500 Metern Regalwand.

Neben dem Computer als Speichermedium kamen auch die berüchtigten "Punkte" erst im Laufe der Jahre als Neuerung hinzu: Das bundesweit einheitliche so genannte Mehrfachtäter-Punktsystem wurde 1974 eingeführt. Seither geht es laut Elsner gerechter zu. Im Gegensatz zur heutigen abgestuften Punktezahl etwa je nach Höhe einer Geschwindigkeitsübertretung seien Ordnungswidrigkeiten und Straftaten "früher nur gezählt" und so ohne Gewichtung aufaddiert worden.

Punktequelle Nummer eins: Raserei

Dass die neue Gerechtigkeit bei so manchem Autofahrer aber auch für Verwirrung gesorgt haben dürfte, dokumentiert die ausgefallene Punkteabfrage eines Mannes aus Bayern: Dieser sei mit einem großen Jutesack beim KBA-Besucherpavillon vorgefahren und habe seine Punkte "abholen" wollen, erzählt Elsner. Seine Kolleginnen seien zuerst sprachlos gewesen. "Die Punkte gibt es ja so gar nicht, man hätte sie doch auch Striche nennen können." Der Mann habe sich am Ende aber mit der üblichen Punkteauskunft auf einem Zettel zufrieden gegeben.

Die weitaus häufigste Quelle der Punkte ist zu schnelles Fahren. Daneben werden Männer häufiger betrunken am Steuer erwischt, Frauen missachten häufiger die Vorfahrt. Dass insgesamt beinahe 80 Prozent der registrierten Verkehrssünder Männer sind, bedeutet laut KBA-Sprecher Elsner allerdings nicht unbedingt, dass sie schlechter Auto fahren. Sie hätten schlicht "eine höhere Fahrleistung".

Dafür müssten sich Frauen trotz häufiger Vorfahrtsverletzungen auch nicht sagen lassen, sie könnten "nicht Rechts von Links unterscheiden" - die Häufung gehe darauf zurück, dass sie "häufiger innerorts" unterwegs seien. Männer fahren demnach "mehr außerorts" und sitzen über längere Strecken am Steuer. Wie viele Punkte der unbelehrbarste Verkehrssünder dabei in Flensburg angesammelt hat, kann auch Elsner nicht sagen: "Wir führen ja keine Hitparaden."

Deike Schmidt, AFP



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