60 Jahre Citroën 2CV Der schräge Jubilar

Die Ente gehört zu Frankreich wie Baguette und Beaujolais. Als Volksauto in karger Nachkriegszeit auf die Straße gekommen, gilt sie heute noch immer als das Kultauto der Lebenskünstler. Zum 60. Geburtstag des Citroën 2CV war SPIEGEL ONLINE im Watschelgang unterwegs.

Was den Deutschen der Käfer, den Italienern der Cinquecento und den Briten der Mini, ist für den Franzosen der Citroën 2CV, hierzulande besser bekannt als Ente. Vor 60 Jahren feierte das kuriose Vehikel auf dem Autosalon in Paris Premiere. Ein Viertürer mit Rolldach und Zweizylinder-Boxermotor, der vor allem die Landbevölkerung motorisieren sollte und konzipiert war als ebenso einfaches wie robustes Alltagsmobil.

Wie so viele andere Kleinwagen dieser Zeit hat auch die Ente zwei Leben. Vom billigen, praktisch unzerstörbaren Auto für Jedermann hat sich der 2CV zum Kultgefährt von Studenten und Lebenskünstlern entwickelt, das beiderseits des Rheins viele Freunde fand. Die Ente galt als automobile Entsprechung einer freien und freizügigen Grundeinstellung. So wurde sie erst zu einem Lieblingsauto der Achtundsechziger und später zum fahrenden Protestmobil der Umweltbewegung – eine Ente ohne Anti-Atomkraft-Aufkleber war damals ungewöhnlicher als ein Mercedes ohne Stern.

Obwohl Citroën nach 42 Jahren Produktionszeit die Enten-Fabrikation 1990 einstellte und der Rostfraß dem Bestand arg zusetzte, sind von den rund 300.000 in Deutschland zugelassen Enten-Exemplaren noch immer rund 20.000 im Watschelgang unterwegs. Wer heute noch einen 2CV besitzt, kann meist stundenlang über Irrungen und Wirrungen in und mit dem wohl französischsten aller Autos erzählen. So wie Krankenpfleger Willi Pinstock, der seine erste Ente vor mehr als 20 Jahren für 50 Mark gekauft, sie zwischenzeitlich wiederholt verkauft, verschenkt, oder verliehen hat und am Ende immer wieder zurück bekam. Ente gut, alles gut, könnte über der Garage des alten Bauernhauses stehen, die stilecht mit Konzertplakaten von Künstlern wie "Guru Guru", "Wishbone Ash" und "Frank Zappa" tapeziert ist.

Dass die Ente noch fährt, zeugt von der Milde des Schicksals und dem handwerklichen Geschick des Besitzers. Schon ein Dutzend Mal sah es wirklich übel aus, doch Pinstock hat glücklicherweise ein kleines Depot im Garten: Stoßstangen, Hauben, Türen, Achsen, Motorteile – was kaputt geht, ist in wenigen Stunden ersetzt. So ist die Motorhaube mittlerweile rot, die meisten anderen Blechteil aber hellblau. Nur der Rahmen ist ein vollverzinktes Neubau-Ersatzteil. Inzwischen wurde diverse Bauteile so oft hin und her getauscht, dass selbst die Zulassungsstelle den Durchblick verlor: Nicht Citroën, sondern "Pinstock" steht deshalb mittlerweile als Hersteller im Fahrzeugschein.

So wird aus dem Klassiker sogar ein Einzelstück. Doch eine Sonderbehandlung erfährt die Ente deshalb nicht. Zwar fährt der Krankenpfleger den 2CV nur bei Sonnenschein, weil er keine Lust hat, jedes Mal das Plastikdach auf- und zuzurollen. Doch egal ob zum Einkaufen oder ins Wochenende: Sobald es das Wetter zulässt, kommt die Ente aus der Garage – wie jetzt für die Geburtstagsausfahrt mit SPIEGEL ONLINE.

Am Lenkrad zum Revolver greifen

Für den Novizen ist schon aller Anfang schwer. Denn bereits die frei drehenden Türgriffe erfordern eine gewisse Routine, damit sie den Zustieg durch die kleinen Türen freigeben. Die Vordertüren wurden übrigens erst ab 1964 vorne angeschlagen und wirken in Zeiten von Seitenaufprallschutz und hochfesten Stählen flatterhaft wie ein Crèpe Suzette. Einmal drinnen, nimmt man Platz auf gepolsterten Gartenstühlen, die noch immer weich und elastisch sind. Sie sind auch so eng zusammen positioniert, dass man mit dem Beifahrer unweigerlich auf Tuchfühlung geht und schnell die offenbar vom Einmachglas übernommenen Schnapphaken der Fenster öffnet und die untere Hälfte nach oben klappt. Dann kann man den Arm aufs Türblech legen und so wenigsten etwas Ellenbogenfreiheit genießen.

Weil auf dem Armaturenbrett rund um den Tachoblock gähnende Leere herrscht, ist das Zündschloss schnell gefunden. Ein kurzer Dreh genügt, schon beginnt der 0,6 Liter kleine Zweizylinder zu schnattern. Wo ist der Schaltknüppel? "Ganz kalt", quittiert der Besitzer mit einem Grinsen die Suche zwischen den Sitzen und deutet nach vorn. Da bemerkt dann auch der Fahrer die schwarze Billardkugel am Stiel. "Revolverschaltung" kramt das Gehirn aus der Erinnerung. Hat man sich an das Schaltmuster gewöhnt, watschelt die Ente auf Anhieb davon. Gemächlich allerdings, mit der milden Kraft von 28 PS.

Eine Straßenlage wie ein reifer Camembert

Offiziell lag die Höchstgeschwindigkeit bei 116 km/h; wir sind schon mit Tempo 80 sehr zufrieden und fühlen uns durchaus rasant. Gefühlt sind das mindestens 160. Denn durch die Einzelradaufhängung und die Federn von der Konsistenz eines reifen Camemberts wirft sich der kaum mehr als zehn Zentner schwere Citroën in jede Kurve wie ein Weinbauer nach zwei Karaffen Bordeaux. Wo moderne Kleinwagen ohne ESP längst zu kippen drohen würden, hält die Ente schräg aber tapfer die Spur. Pinstock zumindest hat sie noch nie aus der Bahn geworfen.

Wie für die Fans, ist auch für Citroën die Liebesgeschichte mit der Ente noch nicht vollends vorbei. Das Comeback in Form des Modells Pluriel mit den vom Rolldach inspirierten Cabrio-Verdeck kam zwar nicht als Comeback der Ente beim Publikum an. Doch möglicherweise passiert jetzt, beim Autosalon in Paris, auf dem der 60. Geburtstag gefeiert werden soll, ja noch etwas Überraschendes. Ein bisschen mehr als einen Citroën C3 im klassischen Lack der weinrot-schwarzen Charleston-Ente, der dort erstmals gezeigt werden soll, werden sich die Franzosen ja wohl einfallen lassen.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.