75 Jahre Silberpfeile Die Farbe des Sieges

Gold ist die Farbe der Sieger? Zumindest im Rennsport war das schon einmal anders: An Silberpfeilen aus Deutschland kam in den dreißiger Jahren kaum ein Konkurrent vorbei. Jetzt feiern die Boliden von Mercedes 75. Geburtstag - einige frischer denn je.


Noch ist es ruhig auf der Mercedes-Einfahrbahn. Doch sobald Lewis Hamilton, Jochen Maas, Ralf Schumacher und Hans Herrmann aufs Gas treten, zerfetzt Motorenlärm die Stille. Das Dröhnen über dem Oval lässt beinahe die Fabrik in Untertürkheim erzittern. Wo sonst Autos wie S-Klasse oder SLK den letzten Schliff bekommen, steuern die Rennfahrer nicht irgendwelche Sportwagen. Sie drehen auf der Piste zwischen Werkshallen und Neckarufer ein paar heiße Runden mit vier der erfolgreichsten Rennwagen aller Zeiten: Den legendären Silberpfeilen W 25, W 125, W 154 und W 196 aus den Jahren 1934 bis 1955.

Auch wenn die Boliden ein wenig Starthilfe brauchen und bei feuchtem Wetter etwas launisch sind, wirken die rasenden Silberlinge aus blankem Blech noch ausgesprochen rüstig. Die Ausfahrt der alten Helden kommt nicht von ungefähr: Just in diesen Tagen feiern die Silberpfeile ihren 75. Geburtstag.

Für Mercedes begann die Silberpfeil-Geschichte am ersten Juni-Wochenende 1934 beim Eifelrennen. Nachdem sich der neue Renner W 25 kurz zuvor auf der Berliner Avus mit einem Defekts blamiert hatte, wollten die Schwaben die Schlappe auf dem Nürburgring wieder ausmerzen - mit Erfolg. Denn am 4. Juni fuhr Manfred von Brauchitsch mit der 354 PS starken und 280 km/h schnellen Rennzigarre als erster durchs Ziel und läutet damit eine Siegesserie ein, die unübertroffen ist: Er und Teamkollegen wie Rudolf Caracciola, Herrmann Lang, Juan Manuel Fangio, Karl Kling und später auch Hans Hermann und Stirling Moss gewannen bis 1955 alles, was Rang und Namen hatte. Und immer mit dabei sind die vier Autos, die heute auf der Einfahrbahn in Stuttgart röhren, als sei die Zeit stehen geblieben.

Leistungsexplosion der Vorkriegsrennwagen

Auf den W 25 folgte drei Jahre später der W 125, dessen Achtzylindermotor 5,7 Liter Hubraum hatte, mehr als 600 PS leistete und eine Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h erlaubte. Ein Jahr später startete der W 154 mit einem nur drei Liter großen Zwölfzylinder-Aggregat mit 453 PS und einem Spitzentempo von 285 km/h, bevor 1939 als letzter Vorkriegssilberpfeil der W 165 Tripolis - wieder mit acht Zylindern und nun 254 PS - an den Start ging.

Nach dem Zweiten Weltkrieg dauert es fast zehn Jahre, bis sich die Schwaben mit dem 256 PS starken Achtzylinder-Sportwagen W 196 in der Formel 1 zurückmelden und ähnlich wie beim Eifelrennen von 1934 einen Einstand nach Maß feierten: Das erste Rennen beim Grand Prix von Frankreich endete gleich mit einem Doppelsieg.

Doch Mercedes gebührt der Ruhm nicht alleine. Denn mit den Schwaben nutzten 1934 auch Konkurrenten der Auto Union das neue Reglement, das als einzige Konstruktionsbedingung für die Rennwagen ein "Trockengewicht" von 750 Kilogramm vorschrieb. Auch die Auto Union entwickelte neue, silbrige Boliden, die den Alfa Romeos, Bugattis und Maseratis davon fuhren.

Das große Duell von Auto-Union und Mercedes

Zwar ging auch das Debüt der Auto-Union-Piloten Hans Stuck, August Momberger und Hermann Prinz zu Leinigen nach einem vielversprechenden Start am 27. Mai 1934 auf der Berliner Avus wegen eines technischen Defektes daneben. Doch erwiesen sich die später bis zu 360 km/h schnellen Renner, deren 16-Zylinder-Motoren hinter dem Fahrer positioniert waren, in den folgenden Rennen als ausgesprochen zuverlässig. Nur noch Mercedes konnte den Rennwagen aus der im Zwickauer Horch-Werk untergebrachten Auto-Union Rennsportabteilung folgen. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges dominierten die beiden deutschen Marken den internationalen Rennzirkus und schufen einen Mythos, der noch heute lebt.

Zur Magie der Renner gehört neben dem Abonnement auf den Erfolg auch das Rätsel um die Farbe. Während die Rennautos von Audi vom ersten Tag an Silber lackiert waren, ranken sich um die Renner aus Stuttgart viele Legenden. Mittlerweile gültige Sprachregelung, aber alles andere als bewiesen, ist folgende Geschichte: Ursprünglich wollte Rennleiter Alfred Neubauer sein Team 1934 am Nürburgring in der deutschen Motorsport-Nationalfarbe Weiß ins Rennen schicken. Doch weil der Wagen ein paar Gramm schwerer war als die erlaubten 750 Kilo, wurde über Nacht die Farbe abgekratzt, um dem Reglement zu entsprechen und eine Starterlaubnis zu erhalten. Von den metallisch-glänzenden Rennern beeindruckt, prägten daraufhin Journalisten den Begriff Silberpfeil.



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