80. Geburtstag von Stirling Moss PS-Party für den Vollgas-Helden

Was Pelé für den Fußball und Muhammad Ali fürs Boxen sind, verkörpert Stirling Moss im Motorsport. Der 80. Geburtstag des Rennfahrers wurde mit einer großen PS-Party zelebriert. Dort, wo seine Karriere begann und endete: in Goodwood.

Tom Grünweg

Das war ein Einstand nach Maß: Als am 18. September 1948 das erste englische Autorennen nach dem Krieg abgewunken wurde, stand ganz oben auf dem Treppchen ein Nobody: Stirling Crauford Moss, am Vortag gerade 19 Jahre alt geworden, hat es den alten Kämpen gezeigt und konnte in seinem ersten offizielles Rennen gleich an die Spitze fahren.

Diesem Lauf sollten noch mehr als 500 Rennen folgen, von denen Moss fast die Hälfte gewonnen hat. Das macht den Sohn eines Londoner Zahnarztes zu einem der erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten und zum größten Vollgas-Helden des Vereinigten Königreichs. Kein Wunder also, dass sein 80. Geburtstag ganz besonders gefeiert wurde: So jagten zur Party am 19. September 80 Rennwagen, einer für jedes Lebensjahr, über seine Heimstrecke, den Goodwood Motor Circuit.

Die spektakuläre PS-Parade ist Teil des Goodwood Revival Festivals, und die vorgeführten Fahrzeuge stammen aus der gesamten Karriere des Ausnahmefahrers. Vorneweg fährt Sir Stirling in einem Mercedes W196, in dem er 1955 seinen ersten Grand-Prix-Sieg eingefahren hat. Dahinter im Pulk befinden sich nicht nur der 328er BMW seines ebenfalls rennbesessenen Vaters, mit dem Sir Stirling als 17-Jähriger die ersten heißen Runden gedreht hat, sondern auch ein Kart aus seiner Jugend und der 500er Cooper vom ersten Sieg im September 1948. Drumherum röhren zum Beispiel ein paar Maserati, Porsche, Lotus und Ferrari - Fahrzeuge, die der Jubilar dutzendfach über die Ziellinie getrieben hat.

In den fünfziger Jahren stets der Erste

Im Verlauf seiner Karriere hat Moss so ziemlich jeden Pokal eingefahren, den man auf vier Rädern gewinnen kann. Ganz egal, ob Rennstrecke oder Straßenrennen, ob Monaco oder Sebring, Nordschleife oder Targa Florio - überall kam Sir Stirling als Erster ins Ziel. Sein wohl größter Triumph war der Sieg bei der Mille Miglia von 1955, bei der er im Mercedes 300 SLR die 1000 Meilen durch Italien mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h in nur 10 Stunden, 7 Minuten und 48 Sekunden absolvierte. Ein Rekord für die Ewigkeit.

Nur ein Erfolg war ihm nie vergönnt: der Saisonsieg in der Formel 1. Zwar hat er insgesamt 16 Rennen gewonnen, doch reichte es 1955, 1956 und 1957 hinter seinem zeitweiligen Teamkollegen Juan Manuel Fangio jeweils nur zum zweiten Platz. Und 1958 fehlte ihm zum Sieg gerade mal ein Punkt. Danach schaffte Moss noch dreimal Platz drei, bevor er am 23. April 1962 auf dem Kurs von Goodwood bei einem nationalen Formel-1-Rennen mit seinem Lotus in einen Erdwall krachte. Er brach sich etliche Knochen, erlitt ein Hirntrauma, lag einen Monat im Koma und brauchte länger als ein Jahr, um sich wieder zu erholen.

Zwar versucht er es danach noch ein paar Mal im Rennwagen. Doch er merkte, dass seine Zeit offenbar vorbei war und sattelte um aufs Immobilien-Geschäft, "weil man dafür nichts können muss", wie er immer wieder sagt. Doch ganz vom Steuer kommt er freilich nicht los: Er arbeitet als Stuntfahrer in James-Bond-Filmen, mischt mit bei Klassik-Rennen und -Rallyes und hat offenbar auch kein Problem mit seinem Schicksalskurs. Seit dort das Revival ins Leben gerufen wurde, steht er wieder regelmäßig in der ersten Startreihe.

Ganz Genießer und Gentleman

Dabei gibt er - außerhalb des Autos zumeist am Arm von Lady Susie Moss - stets den Genießer und Gentleman, der mit seinen jungen Kollegen von heute offenbar fast schon Mitleid hat, weil er so ein entspanntes Leben hatte: "Ich war nie in einem Fitnessstudio oder habe sonst wie trainiert", sagt der Jubilar. "Ich saß ja an 50 Wochenenden im Jahr am Steuer." Das sei wie bei einem Fußballspieler, der jede Woche auf dem Platz steht: "Da musste man nicht erst fit werden, man war es einfach." Außerdem sei der Kraftaufwand in den alten Rennwagen ohnehin überbewertet worden, selbst wenn Ungeübte Arme brauchen wie Bodybuilder, um das Lenkrad herumzureißen: "Wir haben die Autos nicht mit den Armen, sondern dem Fuß gelenkt", erzählt der 1999 von der Queen geadelte Rennfahrer: "Mit dem Lenkrad hast du dem Auto nur gesagt, dass du nach rechts fahren willst. Aber die Kurve selbst hast du mit dem Gaspedal genommen."

Selbst beim Essen hat Moss keine Kompromisse gemacht. "Auch vor dem Rennen habe ich gegessen, was immer ich wollte", erinnert er sich und schwärmt von so leicht verdaulichen Speisen wie Rühreiern mit Speck. Dass die Geburtstagstorte in Goodwood noch ein wenig warten muss, als er mal wieder seinen Silberpfeil sieht und ihm der Marshall auf die Strecke winkt, hat einen anderen Grund: "Das ist ein fantastischer Tag. Diese Party ist viel besser als Kaffee und Kuchen."

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