Abgewürgt Bleifuß wider Willen

Toyota-Modelle kämpfen mit dem Phänomen der "unfreiwilligen Beschleunigung". Schuld an dem Problem ist die komplexe Elektronik, die Autofahrern jedoch auch Chancen bietet: Wenn der nächste Strafzettel ins Haus flattert, ist das doch eine prima Ausrede.
Toyota-Logo: Zur richtigen Zeit bremsen und beschleunigen ist mitunter Glückssache

Toyota-Logo: Zur richtigen Zeit bremsen und beschleunigen ist mitunter Glückssache

Foto: JOHANNES EISELE/ REUTERS

Das Autothema des Jahres 2010 steht schon jetzt fest: Fahrzeuge, die machen, was sie wollen. Beim japanischen Pkw-Hersteller Toyota kämpft man mit bremsunwilligen Bremsen sowie mit verklemmten Gaspedalen. Das wäre schlimm genug, doch es kommt noch viel dicker: Immer mehr Autofahrer berichten von Fällen sogenannter unintended acceleration - also von Pkws, deren Elektronik ohne Vorwarnung von Standgas auf Bleifuß umschaltet.

Im US-Fernsehen treten vermehrt Menschen auf, die erzählen, wie die Automatik ihres Wagens ganz plötzlich Kette gab. Der prominenteste unter ihnen ist Steve Wozniak, Mitgründer von Apple. Sein Toyota Prius drehe "total durch" und beschleunige von selbst auf über 150 km/h, erklärte das Technikgenie auf einer Konferenz.

Man weiß noch nicht, ob an diesen Fällen tatsächlich etwas dran ist. Toyota sagt nein, aber das glaubt natürlich niemand. Warum? Weil die Story mit dem Wagen, der sich auf gespenstische Weise selbständig macht, seit Jahren zu den beliebtesten automobilen Spökenkieker-Geschichten gehört. Jeder hat sie schon einmal gehört. Sie ist eine jener urban legends, die Autofahrer einander an der Nachttanke zuflüstern und geht in etwa so:

"Der Schwager meines Bruders hat einen BMW (Mercedes, Audi). Neulich, da war er mit Tempo 100 auf der Autobahn unterwegs, da friert plötzlich das Lenkrad ein, der Motor dreht hoch, und die Türknöpfe gehen alle gleichzeitig runter. Dann beschleunigte der Wagen auf 230 Sachen, er war gefangen in diesem Geschoss. Und aus dem Motorraum, da hat er immer wieder dieses dämonische Lachen gehört."

Schöne Geschichte, keine Beweise

Es gibt Variationen der Geschichte, in denen die Luxuslimousine plötzlich ausgeht oder andere seltsame Dinge tut. Das Problem an der Sache: Ich habe mehrere Archive durchwühlt, aber nirgendwo einen dokumentierten Fall dieses seltsamen Elektronikproblems finden können. Auch dafür haben Verschwörungstheoretiker natürlich eine Erklärung. Es gibt keine Beweise, weil sie das nicht zulassen. Sie, das sind die Pannendienste der Pkw-Hersteller, deren Mitarbeiter wie die "Men In Black" blitzschnell zur Stelle sind, um alle Spuren zu beseitigen.

Wahrscheinlich blitzdingsen sie danach den Fahrer.

Aber im Ernst: Wegen der durchgedrehten Toyotas wird uns die Geisterauto-Geschichte in den kommenden Monaten wieder des Öfteren heimsuchen. Das dämmerte mir, nachdem meine betagte Tante unlängst ihren VW Polo mit vollem Karacho gegen eine Parkplatzmauer gezimmert hatte. Danach beharrte sie darauf, die Automatik ihres Fahrzeug habe aus heiterem Himmel und ohne ihr Zutun in Richtung Klinkermäuerchen beschleunigt. "Es war gespenstisch, Thomas."

Ob sie in einer Schrecksekunde nicht vielleicht doch irgendwie auf das falsche Pedal gekommen sei, fragte ich vorsichtig. Da war sie schwer beleidigt. "Ich fahre seit 59 Jahren Auto. Ich werde ja wohl nicht mitten auf einem Parkplatz den Kickstart durchtreten, ich bin ja nicht bescheuert." Keiner glaubte ihr. Ich bin sicher, dass sie mich in den kommenden Tagen triumphierend anrufen wird: "Siehst Du! Es war bei mir genau wie bei diesen Chinesen. Ha! Und ihr habt gedacht, ich spinne."

Endlich mal eine originelle Ausrede

Wenn Ihnen also in den nächsten Wochen jemand an die Karre fährt, dann machen Sie sich auf etwas gefasst. Ihr Unfallgegner wird versuchen, Ihnen etwas über kaputte Elektronik und unfreiwillige Beschleunigung zu erzählen. "Ich war aus der Parklücke schon halb draußen, da legte mein Ford plötzlich den Rückwärtsgang ein" oder "Ich hab die Lichthupe nicht betätigt, das war mein Audi".

Seit dem Toyota-Rückruf bin ich übrigens immer ein bisschen zu schnell unterwegs. Ich hoffe insgeheim darauf, dass mich eine Polizeistreife wegen Raserei anhält. Dann könnte ich nämlich lässig mein Fenster herunterkurbeln und dem Beamten mit ernstem Gesicht sagen: "Entschuldigen Sie, Herr Wachtmeister. Aber mein Gaspedal ist kaputt."

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