Abgewürgt Grüner fahren mit dem Plutonium-Prius

Elektroautos sind nur so umweltfreundlich wie der Strom, mit dem sie geladen werden. Wie viel CO2 ein Stromer tatsächlich in die Atmosphäre bläst, ist schwer zu durchschauen - am ökologischsten sind möglicherweise Autos, die mit Nuklearenergie fahren.
Modell des Atomautos Ford Nucleon: Das plutoniumgetriebene Auto könnte doch noch Realität werden - wenn auch ganz anders, als William Ford sich das 1957 vorstellte.

Modell des Atomautos Ford Nucleon: Das plutoniumgetriebene Auto könnte doch noch Realität werden - wenn auch ganz anders, als William Ford sich das 1957 vorstellte.

Foto: Slim Aarons/ Getty Images

Wenn ich mit einem Elektroauto unterwegs bin, komme ich mir unheimlich umweltbewusst vor. Unlängst glitt ich in einem Stromer durch die niederländische Tiefebene. Während der Spritztour blies ich nicht ein einziges Gramm Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre - ein schönes Gefühl.

Aber leider eines, das wenig mit den Fakten zu tun hat.

Der Strom des vom holländischen Unternehmer Sjef Peeraer zum E-Auto umgerüsteten Toyota Prius stammte aus einer Delfter Steckdose. Weil der Saft vorher unter anderem in Kohlekraftwerken produziert werden muss, fallen je Kilowattstunde in der Erzeugung 640 Gramm CO2 an. Auf ein durchschnittlich motorisiertes Elektroauto umgerechnet entspricht das knapp 100 Gramm CO2 je gefahrenem Kilometer. Verglichen mit herkömmlichen Autos ist das beileibe kein Wert, der ein gutes Gefühl rechtfertigt. Das schafft ein VW Polo auch.

Hätte ich mit dem Elektroauto jedoch einen Abstecher über die Grenze nach Frankreich gemacht, wäre etwas Unglaubliches passiert: Der Wagen hätte sich umgehend in einen Ökoprimus verwandelt. Weil die Franzosen einen Großteil ihrer Elektrizität aus Kernkraft statt aus Kohlefeuerung gewinnen, stoßen dort geladene Elektroautos im Schnitt nur 14 Gramm CO2 je Kilometer aus - ein Spitzenwert.

Unübersichtliche Lage

Das Beispiel zeigt, wie schwierig es ist, die tatsächlichen Emissionen von Elektroautos zu kalkulieren. Die Tabelle in der linken Spalte dokumentiert, wie unterschiedlich gut (oder schlecht) sich ein Akkuauto in verschiedenen Ländern schlägt.

Noch komplizierter wird es, wenn man Strom-Aggregate mit Verbrennungsmotoren vergleichen möchte. Der von Autoherstellern angegebene offizielle CO2-Wert eines Pkw bezieht sich nämlich nur auf das, was hinten herauskommt - im Fachsprech Tank-To-Wheel genannt. Dass in der so genannten Vorkette - also bei der Produktion von Benzin oder Diesel - ebenfalls CO2 in die Atmosphäre gelangt, bleibt außen vor.

Wenn man die Vorkette aber für Elektroautos mit einbezieht, müsste man das fairerweise auch für herkömmliche Fahrzeuge tun. Bei Benzinern kommt auf den offiziellen CO2-Wert also noch etwas drauf - die Europäische Kommission kalkuliert als Faustregel für die sogenannte Well-To-Wheel-Rechnung mit 17 Prozent extra. Demnach emittierte beispielsweise der Mini von BMW als Benziner 150 Gramm CO2, während die Elektroversion Mini E mit 89 Gramm auskäme (mit deutschem Strom).

Pack' Plutonium in den Tank

89 Gramm, das ist ganz ordentlich. Wenn aber in einigen Jahrzehnten Millionen von Elektroautos auf den Straßen unterwegs sind, dann brauchen wir insgesamt mehr Strom. Falls der aus zusätzlichen Kohle- und Gaskraftwerken käme, wäre die CO2-Bilanz der Elektroautos schlechter.

Befürworter der Elektromobilität argumentieren, so dürfe man nicht rechnen. Denn Stromer, so ihr Standardargument, könne man vor allem mit jener Energie aus Windkraft- und Wasserkraftanlagen betanken, der des nächtens bisher ungenutzt verpufft. Wenn alle Verbraucher ihre Stromer nachts an die Steckdose hängten, dann gäbe es die Elektromobilität quasi zum CO2-Nulltarif.

Ich glaube nicht, dass das funktioniert. Denn es setzt voraus, dass sich die Konsumenten so verhalten, wie sich das Ingenieure und Ökonomen in ihren Modellrechnungen vorstellen - was sie jedoch selten tun. Was ist, wenn Autofahrer ihre Elektroautos lieber tagsüber auf dem Firmenparkplatz laden wollen? Oder wenn niemand zu seinem E-Pkw einen Ökostromtarif hinzubucht?

Sjef Peeraer, der etwas schrullige Erfinder des Elektroprius, hat inzwischen übrigens den Glauben an die Sache verloren. Er verfolgt jetzt einen neuen Ansatz, um den Planeten zu retten: puren Atomstrom. Über die Webseite seiner Firma Atomstroom.nl  können holländische Verbraucher einen Elektrizitätstarif bestellen, der garantiert keine Kohle- oder Gasanteile erhält.

"Atomstrom ist so gut wie CO2 frei", sagt Peeraer. Damit sei sein Stromtarif auch die ideale Energiequelle für Elektroautos. Die Welt retten, im Plutonium-Prius? Irgendwie hatte ich mir die Sache mit den Ökoautos anders vorgestellt.

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