Abgewürgt Im Land der greisen Autos

Immer älter, rüstiger, rostiger: Deutschlands Fahrzeugflotte wird von Jahr zu Jahr betagter. Schuld an dieser Entwicklung sind die Lust an Youngtimern und der Umstand, dass viele moderne Fahrzeuge ziemlich unverwüstlich sind.


In Deutschland wurden jüngst viele Neuwagen verkauft, wegen dieser Abwrackprämie. Die Frage ist nur: Wo sind die alle? In meinem Wohnviertel auf jeden Fall nicht. Im Gegenteil: Ganz Hamburg-Altona ist ein Automuseum. Betagte Gölfe stehen neben patinierten Volvos, altersgraue Mercedes 190er und gammelige Corollas verrotten in Eintracht.

Deutschland vergreist - und das gilt nicht nur für die Bevölkerung. Unser Fahrzeugbestand wird immer älter. Zur Jahrtausendwende betrug das Pkw-Durchschnittsalter noch 6,9 Jahre; heute sind es schon 8,2.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der erste wurde mir bewusst, als ich neulich Taxi fuhr. Der Fahrer lobte seine alte E-Klasse, Baujahr 1991, in höchsten Tönen. 700.000 Kilometer habe der Wagen bereits abgerissen, ohne Murren. "Wir fahren im Schichtbetrieb, ich tags, Kollege nachts", erklärte mein Chauffeur. "Motor darf nicht kalt werden", dozierte er, "das ist der Trick".

Man kann an der deutschen Autoindustrie viel herumkritteln: An ihren mutlosen Designs, ihrer ökologischen Blindheit, ihrer nervtötenden PS-Huberei. Richtig ist aber auch, dass Mercedes, Audi und BMW in den vergangenen Jahrzehnten verdammt gute Autos gebaut haben. Autos, die einfach nicht kaputt gehen wollen. Autos für die Ewigkeit. Es gibt einen Schweizer Uhren-Hersteller, der wirbt damit, dass man seine unverwüstlichen Chronographen nie besitze, sondern lediglich für die nächste Generation aufbewahre. Bei Autos ist es inzwischen ähnlich.

Lieber retro rollen

Der zweite Grund ist ästhetischer Natur. Hier um die Ecke gibt es eine Gaststätte, die ist vollgestopft mit präparierten Rehkitzen und Ölschinken der Marke "Röhrender Hirsch". Die Einrichtung soll keine Waidmänner um die 60 ansprechen. Sie ist ironisch gemeint.

Kulturkritiker bezeichnen derlei Zurschaustellen aus der Mode gekommener, eigentlich total uncooler Objekte als Camp. Dieser Camp-Stil ist mächtig à la mode und ist unter anderem für die wiedererwachte Popularität weißbereifter Kinderwagen, alter Adidas-Turnschuhe und goldener Digitaluhren verantwortlich.

Was das alles mit Autos zu tun hat? Eine Menge. Dieselben halbwegs solventen Mittdreißiger, die einen neuen Mercedes als überkommenes Statussymbol schnauzbärtiger Mittfünfziger schmähen, finden eine alte S-Klasse durchaus akzeptabel. Möglichst eine mit Nussholzausstattung und cremefarbenen Sitzbezügen, denn dann taugt der Wagen als postmodern-ironisches Statement auf Rädern. Für die Autohersteller ist dieser Trend natürlich unerfreulich. Wie soll man Neuwagen absetzen, wen alle auf retro stehen?

Als wenn das nicht schon schlimm genug wäre kommt noch ein dritter Punkt hinzu. Wer weiß heute schon, mit was für Motoren wir morgen fahren? Zuletzt haben sich alle großen Hersteller mit Ankündigungen in Sachen Elektroauto überboten.

Bei einigen Autofahrern könnte der Eindruck entstanden sein, dass es besser ist, den alten Wagen noch ein paar Jahre zu fahren. Mein Taxifahrer sah das ähnlich: "Neue E-Klasse ist top. Kann ich aber drauf verzichten. Ich fahr' den noch zehn Jahre. Und dann tank ich Wasserstoff."

Mir geht es mit meinem kotzmetallicgrünen Golf ähnlich. Der ist Baujahr 2000, und bis er auseinanderfällt, wird es mindestens noch zehn Jahre dauern. Und wer weiß? Vielleicht taugt 2019 sogar ein Golf IV als cooles Retroauto.

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