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Abgewürgt: Autos im Social Web

Abgewürgt Twittern statt Vogel zeigen

Radarfallen twittern? Autos poken? Wenn es nach der Pkw-Industrie geht, können sich unsere fahrbaren Untersätze demnächst in Social Networks einklinken. Wem fiepende Spurassistenten und Gurtwarner auf den Zeiger gehen, der sollte demnächst allerdings besser zu Fuß gehen.

Im zähen Berufsverkehr übermannte mich unlängst wieder die Langeweile - und ich griff zum iPhone. Früher hätte ich aus dem Stau Freunde angerufen, um mir die Zeit zu vertreiben. Heute gucke ich, was meine Kumpels so treiben - auf Facebook, Twitter oder Foursquare. Immerhin widerstand ich der Versuchung, das nächstbeste Bonmot in den Äther zu twittern.

Dafür hätte ich nämlich meine rechte Hand gebraucht. Aber die musste gerade schalten.

Darf man das? Natürlich nicht. Trotzdem bin ich sicher, dass Tausende Menschen es mir tagtäglich gleichtun und im Auto an ihren Smartphones herumspielen. Schuld an diesem verantwortungslosen und ordnungswidrigen Verhalten sind natürlich nicht wir selbst, sondern die Autoindustrie.

Sie dürfte neben der Zementwirtschaft die einzige Branche sein, die das Internet bislang komplett verschlafen hat. Seit der Erfindung des Autotelefons vor 20 Jahren befinden sich die Pkw-Hersteller - kommunikationstechnisch gesehen - im Leerlauf.

Web im Wagen? Fehlanzeige. Wer im Auto das Internet nutzen will, der muss es vor dem Einsteigen in seine Jackentasche stecken. VW und Konsorten nötigen uns somit geradezu, bei 120 km/h die Börsenkurse per Handy abzurufen oder unsere derzeitige Position ("A1, Ausfahrt Oyten") bei Foursquare  einzugeben.

Social Networks im Cockpit

Demnächst soll alles besser werden. GM, Ford und andere haben Entertainment-Systeme angekündigt, mit denen Autos sich ins Internet einklinken. Nach Apple-Vorbild soll es unzählige Apps geben, die sich der Fahrer herunterladen kann. Continental und die Telekom feilen beispielsweise an einer Software namens Autolinq - und versprechen  dem Netzjunkie "personalisierte Inhalte und Applikationen bei hohen Geschwindigkeiten".

Damit ist wohl nicht die Bandbreite gemeint.

SPIEGEL ONLINE bei Tempo 200? Klingt vielversprechend, aber bei genauerem Nachdenken muss einem die Entwicklung Angst machen. Fords neues Entertainment-System MyFord Touch etwa kann dem Fahrer Twitter-Nachrichten und Facebook-Einträge vorlesen.

Davon bekomme ich täglich gefühlte 5000 Stück. Sie alle von einer valiumgetränkten Computerstimme vorgetragen zu bekommen - dagegen ist ein Familienausflug mit drei plärrenden Rangen im Fonds Killefitz.

Autofahren im Jahr 2015 liefe dann im schlimmsten Fall folgendermaßen ab:

Autofahrer: Navi,zum Stadtpark.

Bordcomputer: Route wird berechnet.

Twitter: Neuer Tweet von @franky5 @netzfundbuero - supi wetter heute, gehe in den Park.

Autofahrer : Twitter-Reply @franky5 - bin auch gleich da.

Bordcomputer: Bitte wenden.

Autofahrer : Äh, wieso wenden? Stadtpark ist da lang!

Bordcomputer: Reichweite kritisch, Akku muss geladen werden. Route zur nächsten Steckdose wird berechnet.

Facebook: Der Tankstatus wurde auf Ihrer Pinnwand geupdatet.

Autofahrer : Meinetwegen. SMS an Franky. Muss noch tanken, bin in vier Stunden da.

Bordcomputer: SPIEGEL-ONLINE-Eilmeldung! Ölpreis steigt über 2000 Dollar!

Autofahrer : Whatever. Facebook-Statusupdate senden.

Facebook: Bitte Text eingeben.

Autofahrer : Hab' frei, muss nicht zur Arbeit.

Bordcomputer: Route zur Arbeit wird berechnet.

Autofahrer : Neiiin!

Mal ehrlich, wer soll sich da noch auf den Verkehr konzentrieren? Ford-Chef Alan Mullally verspricht zwar, MyFord werde es dem Fahrer ermöglichen, "auf all sein cooles Zeug zuzugreifen" und sich gleichzeitig "auf die Straße zu konzentrieren". Wahrscheinlicher aber ist, dass "nicht angepasstes Surfverhalten" die "nicht angepasste Geschwindigkeit" eines Tages als häufigste Unfallursache verdrängt.

Augmented Reality im Auto

Sich Facebook-Updates ins Cockpit dudeln zu lassen, ist außerdem erst der Anfang. Der Marktforscher iSuppli schätzt, dass 2016 weltweit mindestens 62 Millionen Autos vernetzt sein werden. Ich würde meinen Keilriemen verwetten, dass in nicht allzu ferner Zukunft jemand Social Networks für Autos erfindet - nennen wir sie Metal Networks.

Dann braucht man andere Autofahrer nicht mehr anzuhupen. Man kann sie stattdessen poken oder gruscheln.

Die Informationen aus den Metal Networks wird man sich nicht mehr von einer Computerstimme vorlesen lassen: Die Industrie arbeitet bereits an sogenannten Head-Up-Displays (HUD). General Motors hat gerade einen Prototyp gezeigt , vermittels dessen sich Informationen über Straßen und Verkehrsteilnehmer auf die Windschutzscheibe projizieren lassen - Augmented Reality nennen Fachleute das.

Vielleicht schweben ja in Zukunft über jedem Auto ein bis fünf Feedback-Sternchen. Wenn mich jemand auf der Autobahn schneidet, kann ich ihn umgehend mit einem Ein-Sterne-Rating abstrafen. Durch ihr HUD sähen dann auch alle anderen Autofahrer, was für eine Wildsau sich da nähert.

Vögelchen und Stinkefinger wären passé - sie sind so was von 20. Jahrhundert. Stattdessen twittert man einfach:

"@PI-DF-898 Du Provinzidiot hast Deinen Lappen wohl bei eBay ersteigert! #fail"

Und das waren jetzt nur 66 von 140 möglichen Zeichen. So sieht echter Fortschritt aus.

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