Konzeptauto Scighera Italiens schnellster Clown

Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: der Alfa Romeo Scighera des Stardesigners Giorgetto Giugiaro.

Italdesign

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Designer übertreiben in den Beschreibungen ihrer Autos gern hemmungslos: Kleine Innovationen sind Meilensteine, aus untermotorisierten Kleinwagen werden urbane Sportgeräte. Liest man in diesem Wissen die Beschreibung des Alfa Romeo Scighera, kommt man schnell zum Schluss: Dieses Auto muss grauenhaft sein.

Bereits der erste Satz! Seine Schöpfer erklären den Namen des Sportwagens. Denn Scighera (gesprochen: Schigera) klingt zwar melodisch - bedeutet im Mailänder Dialekt aber "Nebel". Neben dem damaligen Italo-Platzhirsch, dem Lamborghini Diablo, dessen Name auf Spanisch "Teufel" bedeutet, wirkt das recht trübselig.

Auch die anschließende Beschreibung des Designs lässt wenig Hoffnung aufkommen: Um die Front des Wagens zu betonen, habe man sich etwas Spezielles einfallen lassen, das "Clownaugen-Motiv". Das klingt eher nach Ronald McDonalds Dienstwagen als nach Alfas neuem Supersportler. Alles also eher eine benebelte Designerphantasie?

Tristesse bei Alfa Romeo

Dabei versprach die Kombination aus Alfa-Technik und einer Karosserie von Italdesign, der Firma von Designerlegende Giorgetto Giugiaro, der Klassiker wie den DeLorean DMC-12, den VW Golf I und den Maserati 3200 GT entwarf, eigentlich beste Voraussetzungen für einen zeitlos schönen, italienischen Sportwagen. Der vernebelte Text entsprach jedoch exakt dem Zeitgeist bei Alfa Romeo. Bei den Mailändern war 1997 der Lack ab.

Die Marke gehörte seit etwas mehr als zehn Jahren zum Fiat-Konzern, Kostensenkung war das Lieblingswort des Managements, Traditionen wurden eingespart. So lief die traditionelle Transaxle-Bauweise, die durch das an der Hinterachse verbaute Getriebe und Heckantrieb für eine optimale Gewichtsverteilung und ein gutes Handling sorgte, mit dem Mittelklassemodell 75 im Jahr 1992 aus. Für manchen Fan ist der 75 deshalb der letzte "echte" Alfa, die Nachfolger gelten als verkleidete Fiats.

Neuer Versuch bei Langstreckenrennen

Alfa hatte sich zudem 1996 auch aus der International Touring Car Championship und von der großen Bühne des Motorsports verabschiedet. Dorthin wollte Italdesign die Marke nun zurückbringen und enthüllte den clownäugigen Scighera auf dem Genfer Autosalon. Allerdings sollte es diesmal nicht in den Tourenwagensport, sondern auf Langstrecke gehen.

Und beim Blick auf die Leistungsdaten wird klar: Der Scighera ist viel, aber nicht die Nebelkerze oder der Clown, nach der die Beschreibung klingt. Die Karosserie besteht aus Aluminium und Karbon, die damals hochmoderne Kombination verhilft dem Sportwagen zu einem relativ geringen Gewicht von 1,5 Tonnen. Der Frontantrieb von der Konzernmutter Fiat kam bei so einem Auto nicht infrage, aber Alfas Heckantrieb war ja bereits beerdigt. Unter der Hülle steckte deshalb ein aus dem Alfa 155 abgeleiteter Allradantrieb.

Monumental klingender Sechszylinder

Für den Vortrieb sorgte beim Scighera ein Stück Alfa-Historie, hinter den Sitzen arbeitete der legendäre Busso-V6. Der von Giuseppe Busso in den Siebzigerjahren entwickelte Motor ist gewissermaßen die Stradivari unter den Sechszylindern und gilt als einer der am besten klingenden Motoren überhaupt, zwei Turbolader wuchteten ihn damals in die Gegenwart und entlockten ihm 400 PS. Die Kombination aus Leichtbau, Allrad und dem Busso-V6 beschleunigen die Studie in 3,8 Sekunden von null auf 100 km/h, Schluss ist erst bei etwa 300 km/h.

Geschaltet wurde, typisch Rennwagen, per sequentiellem Getriebe - drückte oder zog man am Schalthebel, ging es einen Gang hoch oder runter. Dieses Paket machte den Scighera anspruchsvoll - so sehr, dass die "Süddeutsche Zeitung" in einem Test aus dem Jahr 1998 feststellte, der Scighera brauche Fahrer vom Kaliber eines Mika Häkkinen oder Giancarlo Fisichella - denn andere Fahrer könnten dem Alfa nur ein ungnädiges Knirschen des sequentiellen Getriebes entlocken.

Eine Mischung aus Clown und Formel 1

Doch nicht nur die Fahrleistungen des Scighera müssen sich bis heute nicht verstecken, die Karosserie aus dem Hause Giugiaro würde auch zwanzig Jahre später auf Automessen noch Aufsehen erregen: Der markentypische Scudetto-Kühlergrill ist in die Haube integriert, von dort aus spannt sich ein aus der Formel 1 abgeleiteter Frontspoiler über die Haube. Die Kombination aus Frontspoiler und den länglichen "Clownaugen"-Scheinwerfern lässt den Scighera auch heute noch futuristisch wirken, nur die tropfenförmigen Außenspiegel sind etwas in die Jahre gekommen.

Das Cockpit mit der riesigen abgerundeten Frontscheibe weckt Erinnerungen an den bis dahin einzigen Supersportwagen der Marke, den Tipo 33 Stradale. Allerdings verzichtete Italdesign auf dessen bekanntestes Merkmal, die Schmetterlingstüren. Trotzdem ist der Einstieg in den Scighera alles andere als konventionell: Zwar sind die Türen klassisch vorne angeschlagen, die weit ins Dach hineinragenden Seitenscheiben bewegen sich beim Öffnen der Türen jedoch nicht mit.

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Alfa Romeo Scighera: Italiens schnellster Clown

Sie sind am Dach befestigt, schwingen im Stil einer Flügeltür nach oben auf und machen dadurch den Einstieg deutlich größer: So entfällt die bei vergleichbaren Sportwagen nötige Embryonalstellung beim Einsteigen - und auch der im Langstreckensport obligatorische Fahrerwechsel geht deutlich leichter vonstatten. Ähnlich unkonventionell ist die riesige, gegen die Fahrtrichtung öffnende Heckklappe des Wagens. Sie klappt in zwei Stufen nach oben: Während die erste Stufe lediglich den Einfüllstutzen des Tanks direkt hinter dem Platz des Fahrers zugänglich macht, legt die zweite Stufe den Weg zum Motorraum frei.

Leder, soweit das Auge reicht

Innen ging es sportlich weiter, die Sitze waren fest montiert, dafür waren Lenkrad und Pedale verstellbar. Doch bei Italdesigns Hommage an das sportliche Erbe Alfa Romeos kommt auch das Dolce Vita nicht zu kurz: Bei schönem Wetter können die Scheiben und Teile des Daches abmontiert werden, fertig ist der Targa für einen Ausflug an die Seen Norditaliens. Der Innenraum wirkt trotz der sportlichen Auslegung des Wagens beinahe wie ein GT: Das Cockpit bestand fast ausschließlich aus Leder, die Bezüge kamen vom Zulieferer Connolly, der auch die Sitze der Concorde und etlicherRolls-Royce-Modelle bezog.

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Schönes Ding: Die skurrilsten Auto-Designstudien

Beeindruckende Fahrleistungen, ein luxuriöses Interieur gepaart mit einem aufregenden Äußeren: Mit dem Scighera wäre der Sportwagentraum vieler Alfisti in Erfüllung gegangen - Chancen auf eine Serienfertigung bestanden trotzdem nie. Denn die Studie entstand nur als Werbeträger für Italdesign, für eine Serienfertigung fehlten der Firma die Kapazitäten - obwohl es einige Anfragen für den Wagen gab.

Letztendlich wurde der Scighera trotzdem zum Startschuss für den Aufbruch Alfa Romeos in eine neue Ära: Im Herbst des Jahres 1997 präsentierten die Mailänder den 156, dessen ansprechendes Design das Überleben der Marke sicherte - und den Alfisti damit letztendlich auch den lang ersehnten Sportwagen bescherte, in Form des seit 2013 gebauten Alfa Romeo 4C. Zwar mit Mittelmotor, Heckantrieb und laut Werbung "purer Leidenschaft", aber ohne Busso-V6, Clownsaugen und vernebelten Namen - eigentlich schade.



insgesamt 25 Beiträge
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floriang88 08.02.2019
1. Italdesign Scighera, da sag ich nur ...
... Need for Speed 3 - Hot Pursuit. In Atlantica, Hometown, Redrock Ridge die Polizei abhängen, war in der Grundschule der Hammer.
effing 08.02.2019
2. Rätsel gelöst
Ich habe mich ja schon immer gewundert woher VW, Erschaffer der Langweilerkarren Jetta, Passat, Phaeton etc. pp., plötzlich ihr Design für den Bugatti Veyron her haben. Jetzt weiß ich es.
orange68 08.02.2019
3. Fotos...aus der Werbeagentur
Weshalb übernimmt der Spiegel stets die Fotos aus der Werbeabteilung des jeweiligen Autoherstellers, wenn über ein Fahrzeug berichtet wird? Da ja sachlich berichtet werden soll, erwarte ich, dass die Redaktion auch eigene Bilder des Autos erstellt. Auch in der Bilderauswahl erwarte ich journalistische Unabhängigkeit.
Laprivan 08.02.2019
4. Noch ein 'Supercar'
Was die Welt wirklich braucht: noch ein Supercar. Gähn, gähn. Kaum eine Woche geht vorbei wo kein 'Supercar' presentiert wird. Wo soll man sowas noch fahren? Gut für nichts außer krankhafte Ego-Protzerei. Vielleicht sollten die Designer ihre Kräfte in ein Alternative zum SUV stecken und mal was für die Welt tun. Jeder möchtegern Design-Student eintwirft reihenweise solche 'Supercars' die nie etwas werden.
Victor Salomakhin 08.02.2019
5. Lieber SPONis,
auch wenn ihr jetzt mit den Augen rollt: "Geschalten" wird auch nicht in einem Prototyp, vielmehr verursacht "geschalten" Kopfschütteln und Kulturpessimismus.
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