Verkehrsflops 2020 Pleiten, Pech und Scheuer

Ein sehr großes Auto, das kaum jemand kaufen wollte. Ein sehr kleines Auto, das einen Fehler hat. Ein Minister, der seltsamen Argumenten folgt – hier sind die ärgsten Flops des Jahres 2020 in Verkehr und Mobilität.
Citroën Ami

Citroën Ami

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Citroen

Flop #1: PS-starke Elektroautos

BMW IX3

BMW IX3

Foto: BMW

Ganz kurz konnte man im abgelaufenen Jahr erleben, wie der Straßenverkehr der Zukunft vielleicht auch aussehen könnte: Während der Shutdown-Wochen im Frühjahr, als viel weniger Autos fuhren und Fußgänger oder Radfahrerinnen aufatmen konnten, weil es weniger Abgase, Lärm und Gedränge gab. Doch es war nur ein kurzes Luftholen, ehe der Autoverkehr zurückflutete. Und zwar stärker als zuvor, weil ja angeblich nur das Auto maximalen Infektionsschutz bietet. Es wurde wieder eng, hektisch, laut, stressig auf den Straßen – eben so, wie es viele für »normal« halten.

Ebenfalls als »normal« wird hingenommen, dass die Autoindustrie fast alle negativen Folgen ihrer Produkte immer weiter steigert, indem Leistung, Größe, Gewicht neuer Modelle stetig zunehmen. Der Wachstumswahn hat längst alle Bereiche erfasst. Ein »kompaktes« Elektro-SUV? Gibt es beispielsweise bald von BMW als iX3 mit 210 kW (286 PS) Leistung, rund 2,3 Tonnen Leergewicht und einer Breite von knapp 1,90 Meter. Wenn alle, also Fußgänger, Rad- und Autofahrer eine Zukunft auf der Straße haben sollen, müssen sich aber vor allem die Autos ändern.

Jürgen Pander schreibt seit 30 Jahren über Autos und Mobilität. Ihn wundert zunehmend, dass die alte Rezeptur des »schneller, schwerer, breiter« noch immer so gut funktioniert.

Flop #2: die Elektroautoprämie – warum nur für Fahrzeuge mit vier Rädern?

Zero S Motorrad

Zero S Motorrad

Batteriebetrieben oder Plug-in-Hybrid muss das Fahrzeug sein, dann gibt es grünes Licht: 789 Modelle sind derzeit für die Elektroprämie freigegeben. Wer jetzt kauft, spart bis zu 9000 Euro netto vom Listenpreis. Die E-Förderung ist an sich ein lobenswertes Programm, denn grundsätzlich tut es dem Klima gut, die Zahl der Verbrenner und die Emissionen zu reduzieren.

Gleichzeitig ist das Programm im Detail absurd. Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht: So ist die Förderung von E-Motorrädern, E-Scootern und privaten E-Lastenfahrrädern ausgeschlossen.

Verkehrsministerium und Bürokraten im Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) haben zu kurz gedacht. Ballungsräume entlastet man nicht, indem man einen Straßenpanzer durch den anderen ersetzt. Es ist irre: Wer mit seinem E-SUV die Innenstadt zuparkt, wird belohnt. Der Pendler mit seinem E-Roller muss dagegen voll zahlen. Bei der Elektroprämie 2020 haben Politik und Zweirad-Lobby – sprich Industrie-Verband Motorrad (IVM) und Bundesverband Zukunft Fahrrad (BVZF) – offenbar ganz tief gepennt.

Jochen Vorfelder ist freier Autor, fährt dauernd Zweiräder und pendelt dabei täglich zwischen Liebe und Verstand.

Flop #3: Scheuers Rückfall in die Raserei

Andreas Scheuer

Andreas Scheuer

Foto: Jürgen Schwarz / imago images

Wer erinnert sich noch daran, als Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) seinem Amt 21 Tage lang gerecht wurde? Es war im April 2020, als die neue Straßenverkehrsordnung in Kraft trat. Sie hatte nicht nur die Freiheit der Autofahrer im Blick, sondern auch Belange von Radfahrern, Fußgängern und Kindern. Das verschärfte Regelwerk sah harte Strafen für Raser vor: Wer in einer Tempo-30-Zone vor einer Schule 21 km/h zu schnell fährt – ja, liebe Kritiker im Forum, ich nenne das Raserei – sollte seinen Führerschein für einen Monat los sein.

Dann kam die scheuereske Kehrtwende und der Verkehrsminister wurde wieder zum Autominister, der solche Strafen als »unverhältnismäßig« bezeichnete. Teile der Novelle wurden gestrichen. Man habe so aus dem öffentlichen Protest seine Schlüsse gezogen, hieß es aus dem Ministerium. Eine scheinheilige Begründung. Es sollte sich doch niemand wundern, dass eine Allianz aus Automobilklubs und Teilen der Politik aufheult, wenn Raser härter bestraft werden sollen. Doch niemandem drückt es beim Niesen den Fuß so sehr aufs Gaspedal, dass der Wagen 21 km/h zu schnell wird – auch wenn Autolobbyisten ernsthaft argumentierten, auf diese Weise könne ein Fahrer versehentlich seinen Führerschein verlieren.

Lena Frommeyer lebt in Hamburg und fährt die meisten Wege mit dem Fahrrad. Sie ist vom Konzept einer weitestgehend autofreien Innenstadt überzeugt und hält die meisten Argumente, die dagegengehalten werden, für überwindbar.

Flop #4: die Mercedes X-Klasse

Mercedes X-Klasse

Mercedes X-Klasse

Foto: Daimler

Während Pick-ups in den USA zum »American Way of Life« gehören und dort Bestseller sind, fristen die Pritschenlaster in Europa ein klägliches Dasein. Belegt wird das karge Segment von Modellen wie VW Amarok, Ford Ranger, Toyota Hilux und Nissan Navara. Die Kunden? Männer, die gern Holzfällerhemden tragen. Lifestyle-Faktor? Dürftig. Dennoch sahen die Marketingstrategen bei Mercedes großes Potenzial und schickten 2017 die X-Klasse an den Start.

»Wir sind am besten dafür geeignet, den Pick-up salonfähig zu machen«, sagte damals Konzernchef Dieter Zetsche. Technisch ist die X-Klasse verwandt mit dem Nissan Navara, wurde daher auch zusammen mit dem japanischen Pick-up in Barcelona montiert. Rund eine halbe Milliarde Euro hat sich Daimler den Ausflug in neues Terrain kosten lassen. Cowboy-Feeling kam bei den Kunden jedoch nicht auf. Auch die X-Klasse in Richtung Luxus und Lifestyle zu trimmen – 2018 folgte gar eine Version mit Sechszylinder-Diesel für über 54.000 Euro – fiel nicht auf fruchtbaren Boden, und so endete der Wagen als Pleite. Nach drei Jahren wurde das Pick-up-Abenteuer in diesem Jahr beendet.

Michael Specht zählt sich zu den sogenannten »First Movern«, hat bereits vor sieben Jahren den Schalter umgelegt. Seitdem begleitet seinen Alltag ein BMW i3. Trotz dessen geringer Reichweite – im Winter nur 90 Kilometer – hat er bislang nicht zu einem anderen Modell gewechselt. Specht: »In diesem Segment gibt es noch immer keinen würdigen Nachfolger.«

Flop #5: der Citroën Ami

Citroën Ami

Citroën Ami

Foto:

Citroen

Knuffig, bunt und anders – selten hat mich ein Auto in der Papierform so angefixt wie der Citroën Ami. Zumal mich nicht nur das Design begeistert hat, sondern auch die Idee. Ich bin kein bedingungsloser Freund des Elektroautos und halte Akkus für mehr als 500 Kilometer für genauso überflüssig wie Elektrojünger den V8-Motor meines Autos. Aber ich glaube sehr wohl, dass kleine und bezahlbare Elektroautos zumindest die lokale Lebensqualität klar erhöhen können. Deshalb hätte ich dem Citroën zugetraut, was selbst der Smart nicht geschafft hat: die Revolution des Stadtverkehrs. Umso größer war die Enttäuschung beim Erstkontakt: 6000 Euro mögen wenig Geld sein für ein Auto, aber viel für jeden einzelnen Kunden, weshalb er ein Minimum an Qualität und mindestens so viel Sitzkomfort wie in der S-Bahn erwarten darf.

Auch wenn ein Stadtauto nicht schnell sein muss, ist man mit 45 km/h immer genau jenen Tick zu langsam, um mal eine Spur zu wechseln oder den Bus auf Distanz zu halten, der sich im Spiegel gefährlich breitmacht. Vom Abstecher auf die Stadtautobahn ganz zu schweigen. Und das Ladekonzept ist auch nicht zu Ende gedacht. Pech für Menschen in Ballungsräumen: Mit seinem 220-Volt-Stecker sind dem Ami die meisten öffentlichen Säulen verwehrt; sodass er in der Regel privat geladen werden muss – und dafür jenen Stellplatz braucht, den sich kaum ein Städter leisten kann.

Thomas Geiger schreibt seit rund 30 Jahren über alles, was mehr als zwei Räder hat: Oldtimer, Designstudien, Technologieträger und mehr als hundert neue Serienautos pro Jahr. Fasziniert von neuen Antrieben und verliebt in klassische Achtzylinder zeugt auch der private Fuhrpark von einer gewissen Zerrissenheit: Er besteht aus einem neuen Mountainbike und einer alten G-Klasse.

Flop #6: das Sitzplatzunwesen der Bahn

Der Innenraum eines ICE

Der Innenraum eines ICE

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Eines vorweg: Ich fahre gern mit der Bahn, man ist damit nicht nur klimafreundlich und schnell unterwegs, sondern meiner Erfahrung nach auch ähnlich pünktlich wie mit dem Auto. Auf Veränderungen reagiert die Deutsche Bahn jedoch leider ähnlich schnell wie der Vatikan. So brauchte die Bahn erstaunlich lange, um auf die Coronakrise zu reagieren, zumindest was die Sitzplatzsituation in ihren Schnellzügen angeht.

So fuhr ich Anfang Oktober – also über ein halbes Jahr nach Ausbruch der Corona-Pandemie – per ICE von Hamburg nach Würzburg, Sitzplatzreservierung inklusive. Am Platz stellte ich fest, dass der Sitz daneben von Hamburg bis Fulda reserviert war, ich also gewissermaßen die gesamte Strecke direkt neben jemandem sitzen sollte. Einen anderen Platz zu finden war, erfreulicher Nebeneffekt der leeren Züge, zwar kein Problem. Dass die Bahn bis Ende November gebraucht hat, um ihre Reservierungsregeln zu ändern, damit Fahrgäste nur noch einen Sitzplatz pro Doppelsitz reservieren können, ist für den Hoffnungsträger der Verkehrswende ein Armutszeugnis.

Emil Nefzger hat ein Herz für alles auf vier Rädern, fährt jedoch am liebsten Zweirad, allerdings lieber mit als ohne Motor. Was er trotzdem nicht verstehen kann: Warum so viele Menschen in Städten so gern im Stau stehen, anstatt einfach öffentlich zu fahren.