Art Cars Motoren, Monster, Mutationen

Alien-Autos, rollende Sonnenblumen, benzinbetriebene Burger: Die Art-Car-Gemeinde baut gewöhnliche Karossen zu außergewöhnlichen Gefährten um. Ihr Chefprediger ist Harrod Blank - der Kalifornier setzt sich für die Pkw-Kuriositäten ein, die im regulären Kunstbetrieb kaum Anerkennung finden.

Von Andrea Jonischkies


Die ersten bunt bemalten Autos erregten noch die Gemüter: Als John Lennon sich 1965 in einem poppig-bunt lackierten Rolls-Royce Phantom V durch London kutschieren ließ, attackierte eine alte Dame das ehrwürdige Auto mit ihrem Schirm. "Sie Schwein!", donnerte die erboste Lady, "Wie können Sie es wagen, einem Rolls-Royce so was anzutun!" Was sie als Angriff auf die gesamte britische Kultur auffasste, war eigentlich bloß ein Ausdruck von Lennons Langeweile. Als langweilig und wenig individuell empfand auch der kalifornische Art-Car-Künstler Harrod Blank den weißen Lack seines ersten eigenen Autos. "Das war wie eine weiße Leinwand und schrie förmlich nach Farbe", erinnert er sich. Deshalb verwandelte der Teenager seinen VW-Käfer, Baujahr 1965, in ein rollendes Kunstwerk. "Wir wohnten im Wald und hatten keinen Fernseher. Ich zog damals Küken auf - und habe daher einen Hahn auf die Tür gemalt."

Der Wagen mit dem Titel "Oh my God!" gehört heute zu Blanks Art-Car-Kollektion. Er ist das, was Conaisseure als Assemblage bezeichnen: Die Karosserie wird durch Bekleben der mit allerlei gefundenen Gegenständen verwandelt und verfremdet. Nach demselben Prinzip entstand auch Blanks zweites Art Car, der Camera Van. Ein Jahr lang sammelte das Material für das Projekt. "Ich wohnte damals in den Hügeln von Berkeley. Überall auf der Straße lagen Kameras herum. Die Nachbarn mussten sich immer durch die ganzen vorsortierten Berg schlängeln." 1995 war das gute Stück endlich fertig.

Alles für die Art Cars

Seither zeigt Harrod Blank seine Art Cars überall auf der Welt, um der Bewegung neue Fans zuzuführen. Drei Foto-Bücher und zwei Filme hat er bisher veröffentlicht. Und weil viele der Fahrzeuge in keine Garage passen - und normale Museen sie bisher nicht zeigen wollten, gründete er in Arizona das Art Car World Museum. Eine große Zahl der bizarren Fahrzeuge vermittelt er in einer Art-Car-Agentur, und er ist Mitorganisator der größten Art-Car-Parade an der Westküste.

Auch wenn Kuratoren und Kunstkritiker ob der in Heimarbeit gebastelten Autos die Nase rümpfen mögen - ein gesellschaftliches Phänomen sind sie allemal. Art-Car-Parades gibt es in mehreren Ländern, im Internet kann man zahllose Freak-Fahrzeuge bewundern.

"Das Entscheidende an einem Art Car ist der künstlerische Gestaltungswille. Es ist mehr als der bloße Ausdruck des Besitzers. Bei der einfachsten Variante bemalt man nur den Lack - wie etwa beim Beatle-Auto oder beim Mondrian Mobile", erläutert Blank.

Harrods Camera Van gehört zu jener Art-Car-Gruppe, die Kenner als Mosaik bezeichnen. Die Karosserie ist mit zahllosen Kameras bestückt, einige von ihnen lassen sich vom Armaturenbrett aus bedienen. Während der Fahrt kann Harrod in alle Richtungen knipsen und die erstaunten Gesichter der Betrachter ablichten. Die Ergebnisse kann man im Internet bewundern.

Von Mutanten und Superstars

Die wohl spektakulärsten Art-Cars entstehen nach einem ausgefeilten Konzept und sind Skulpturen auf Rädern. Hamburger, Telefone, große Stilettos, rollende Sonnenblumen, Bananen oder Haie - die Vielfalt ist schier unerschöpflich. Neben den fantasievollen und aufwendigen Schöpfungen der Art-Car-Gemeinde nehmen sich die von arrivierten Künstlern gestalteten Fahrzeuge fast schon unauffällig aus.

Früh entdeckten die Marketingstrategen des Autoherstellers BMW den Trend für sich. Seit 1975 lassen die Münchner in loser Folge Künstler an die Karosse. Die beschränkten sich in der Mehrzahl der Fälle darauf, das Blech als Leinwand zu verwenden und das Auto in ihrem Stil zu bemalen.

Das erste BMW-Art-Car motzte Alexander Calder farblich auf. Die nächsten drei Autos bemalten Frank Stella, Roy Lichtenstein und Andy Warhol. Heute kaum denkbar: Alle vier fuhren seinerzeit sogar beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans mit. Geld soll damals angeblich nicht geflossen sein. Mancher Künstler nutzte jedoch die Gunst der Stunde - und ermalte sich einen Neuwagen.

Die 16 BMW-Autos werden im hauseigenen Museum verwahrt, ohne Motor. Der wird nur hin und wieder eingesetzt. Mitunter gehen die wertvollen Stücke gut versichert in speziellen Containern auf Tour - so wie dieses Jahr. Bis zum 24. Februar 2009 parken sie im Los Angeles County of Modern Art. Danach reisen sie weiter - per Flugzeug, denn im Schiff würde es viel zu lange dauern.

Vom Fliegen kann der selbsternannte und stets klamme Art-Car-Botschafter Harrod Blank nur träumen: Das Verschiffen seines Camera Vans zur Essener Motor Show kostete ihn um die 3500 Dollar. Für Luftfracht, sagt er, müsse man locker noch eine Null dranhängen.



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