Abschied vom Autoaschenbecher Wie soll ich's bloß ausdrücken?

Aschenbecher gehörten mal zum Auto wie Lenkrad und Hupe. Heute zählen die Rauchertempel zur Sonderausstattung. Eigentlich schade - denn viele Kippenkästchen waren kleine Kunstwerke.

Lars Landmann / Autostadt

Im Oktober 2003 war das Ende des Aschenbechers im Auto besiegelt. Der VW Golf V war auf den Markt gekommen. Zum ersten Mal gab es in einem Golf keinen serienmäßigen Ascher und Zigarettenanzünder an Bord. Das sogenannte Raucherpaket fand sich von nun an auf der Liste der Sonderausstattungen.

Die Botschaft war klar: Wenn im beliebtesten Auto Deutschlands kein Platz mehr für Raucher ist, dann gilt das für die ganze Gesellschaft.

Zehn Erhöhungen der Tabaksteuer in 13 Jahren, Anhebung des Mindestalters beim Zigarettenkauf, Rauchverbot in den meisten Kneipen und Restaurants - kein Wunder, dass laut Bundesamt für Statistik die Zahl der Raucher in Deutschland im Vergleich zu 1992 um fast ein Fünftel gesunken ist. Nur noch jeder Vierte quarzt heute.

Irgendwie ist es dann nur logisch, dass die Aschenbecher aus den Autos verschwinden. Trotzdem stimmt es ein bisschen wehmütig.

Maybach ohne Humidor

Manche Ascher waren nämlich richtige Schmuckkästchen. Alte Luxuslimousinen könnten beispielsweise als rollende Zigarren-Lounge durchgehen: In den in Wurzelholz gefassten Aschenbechern ließ sich bequem die Cohiba parken. Die Asche wurde nicht bloß in feuerfestem Kunststoff versenkt, sondern in eine Art Silberschatulle gebettet. Die Gruben waren mitunter so großzügig gestaltet, dass darin problemlos eine ganze Schachtel verqualmt werden konnte.

Deluxe-Raucherecke in einem Bentley von 1930
Lars Landmann / Autostadt

Deluxe-Raucherecke in einem Bentley von 1930

Doch selbst im billigsten Kleinwagen boten Aschenbecher eine heimelige Ecke. Ausklappbar und pflegeleicht der Behälter, dazu der diskrete Service des Anzünders, um dem Horrorszenario jedes Rauchers vorzubeugen: Zigaretten zu haben, aber weder Feuerzeug noch Streichholz. Kurz gedrückt, und nach einem Moment (der je nach Verlangen eine Ewigkeit dauern konnte) meldete sich der Anzünder mit einem leisen Klicken in glühendem Eifer zu Diensten.

Im neuen Mercedes Maybach dagegen wird der Humidor nicht mal mehr als Extra angeboten. Die Rauchertempel in den Autos sind abgerissen. Ihren Platz haben jetzt Touchscreens und Bedienungsknöpfe eingenommen - mit einem stattlichen Aschenbecher lässt sich heute kein Kunde mehr locken, mit einem üppigen Infotainmentsystem schon.

Schade, denn irgendwie war der Ascher auch ein Symbol für Unvernunft und Verschwendung. Also für Spaß.

Angst vor Passivrauch

Autofahren und Rauchen, das gehörte doch mal zusammen. In einer Zeit, als noch nicht jeder ein Handy hatte: Was war da die einzig sinnvolle Beschäftigung, wenn man allein im Stau stand? Und im Sommer, mit Tempo 100 über die Landstraße, das Fenster unten und die Musik ganz laut: Welches Accessoire war da unverzichtbar, außer der Sonnenbrille? Ellbogen aus dem Fenster und Kippe in der Hand, wir waren mal Kings.

Mit dem Aschenbecher verschwindet auch die einzig wahre Mülldeponie aus dem Auto. Darin bildeten sich oft kleine Knäuel aus zerknitterten Parkzetteln und benutzten Taschentüchern, zusammengemörtelt für die Ewigkeit mit entsorgten Kaugummis.

Auto- und Tabakindustrie haben das gleiche Problem

Der Golf mag nicht das erste Fahrzeug gewesen sein, aus dem der Ascher serienmäßig entsorgt wurde, aber dieses Modell ist nun mal die Konsenskiste der Nation. Für die Mercedes C-Klasse kostet das Raucherpaket aktuell 45 Euro, für den 3er BMW 40 Euro.

Als Rauchen noch Stil hatte: Aschenbecher in einem 1967er Renault 16
Lars Landmann / Autostadt

Als Rauchen noch Stil hatte: Aschenbecher in einem 1967er Renault 16

Für die übriggebliebenen Raucher lohnt sich diese Investition, denn das Auto ist schließlich so etwas wie ihr letzter Rückzugsort. Aus den Büros und Kneipen wurden sie nach draußen vertrieben, mancherorts pfercht man sie auch in Glaskabinen zusammen und stellt sie zur Schau wie eine seltene Spezies.

Auto- und Tabakindustrie teilen gewissermaßen das gleiche Schicksal: Ihre Produkte unterliegen immer mehr Einschränkungen - was der Nichtraucherbereich für Marlboro, das ist die Umweltzone für Mercedes und Co. Der schädliche Rauch soll verschwinden, ob von Zigaretten oder V8-Motoren. Für die Zukunft setzen einige Fahrzeughersteller und Fluppenfabrikanten deshalb auf die gleiche Lösung: Die einen bauen Elektromobile, die anderen E-Zigaretten. Allerdings sieht es um einiges lässiger aus, in einem Tesla Model S oder einem BMW i3 zu fahren, als an einem dampfenden Plastikröhrchen zu nuckeln.



insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
BeatDaddy 05.02.2015
1. ...dafür
liegen die Kippen dann überall auf der Straße, in den Straßengräben oder wo auch sonst immer herum!
jehudi 05.02.2015
2.
Ich würde niemals auf den Aschenbecher verzichten, benutze ihn aber nicht zum Rauchen sondern als spezielles verschliessbares Ablagefach
ing.mark 05.02.2015
3. Aschenbecher ist deshalb überflüssig ...
... weil viel Raucher ihre Kippen durchs Fenster auf die Straße entsorgen. Unmöglich!
argumentumabsurdum 05.02.2015
4. Au weia!
Der Autor muss aber mit voller Hingabe dem Nikotin verfallen sein, um solch einen Artikel hinzulegen. Ein einziges Statement zu den Vorzügen des Qualmens - getarnt als Beitrag zu Kultur und Lebensart. Der "Rauchertempel" speichert den Mief doch derart effektiv, dass die Karre gebraucht keiner mehr haben will. Aschenbecher als "kleine Kunstwerke"? Welcher Raucher polliert die Dinger denn regelmäßig in Besitzerstolz schwelend auf Hochglanz? Der Normalzustand ist eher 'hässlich und eklig'! Man muss schon einen echt teerverklebten Verstand haben, um den Aschenbecher als "heimelige Ecke" zu sehen.
Joshuar 05.02.2015
5. eine nutzlose Retrospektive...
denn die Kippen fliegen brennend doch nur aus dem Fenster. Aus den Augen aus dem Sinn... Schaut mal an einer Ampel mit Insel links runter. Ja und alle Raucher sind ja so ehrlich und umweltbewusst dass sie auf den Boden aschen und die Kippe mit dem Fuß austreten und liegen lassen. Oder in den Gulli schmeißen... Aber wehe sie werden darauf angesprochen, oh mein Gott dann bricht einer Donnerwetter herein, da ja die Tabaksteuer so hoch ist und man die Reinigung locker damit bezahlen kann.
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