Audi 100 C1 Jens und seine erste große Liebe

Für viele Menschen sind Autos Beziehungskisten. Margret Meincken berichtet von prägenden Erlebnissen. Diesmal: Wie sich ein Junge mit 13 in den ersten Audi 100 verliebte - und diese Liebe bis heute hält.

J. Püschel

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  • privat
    Oldtimerfahrer haben (fast) alle etwas gemeinsam, fand Margret Meincken bei ihrer Arbeit als Motorjournalistin heraus: Die Liebe zum alten Blech entstand schon in der Kindheit, oft geprägt durch die Eltern.

    Bei Meincken war es nicht anders. Ihre Automacke entwickelte sich noch im Mutterleib bei einer Tour mit dem Ford Bronco ihres Vaters.

    Von prägenden Erlebnissen mit der ersten motorisierten Liebe erzählt sie regelmäßig für SPIEGEL ONLINE in unserer Serie "Im Rückspiegel".

Er holte sie an seinem Hochzeitstag. Sie stand auf einem Hänger, aus eigener Kraft konnte sie nicht mehr fahren. 20 Jahre zuvor war sie einfach ausgegangen - und nie mehr angesprungen. Seither kauerte sie in einer Scheune. Und wartete. Auf den Tod. Oder die Erlösung.

Es war Nacht, als Jens Püschel mit dem Auto in Aufhausen auf der Schwäbischen Alb ankam. Seine Ehefrau half ihm, die türkisfarbene Limousine in die Garage zu schieben. Jens war glücklich. Endlich hatte er wiedergefunden, was er so lange gesucht hatte: seine erste große Liebe.

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Jens und sein Audi: Geliebte Limousine

Er war gerade 13 Jahre alt, als er seinen ersten Audi 100 C1 bekam. Es war der Sommer 1985, und Jens hatte schon ein Auto. Draußen auf dem Hof stand ein schrottreifer Ford Taunus, der ganze Stolz des Jungen. Unfallwagen, eingedrücktes Heck, ein Rücklicht, keine Scheiben. Es reichte, um damit auf dem Gelände des benachbarten Bauern herumzuknattern, nur schön war er eben nicht.

Eines Tages kam Peter, ein Freund der Familie, zu Besuch und fragte den Jungen, ob er ein richtiges Auto haben wolle, mit Radio und Scheiben. Jens war elektrisiert, seine Eltern weniger. Sie stellten zwei Bedingungen: Erstens, der Taunus müsste im Gegenzug sofort verschwinden, und zweitens dürfte der Sohn niemals, wirklich unter keinen Umständen, die Autos der Eltern bewegen. Dass ihr Junge ohnehin immer irgendwo ein Schrottauto auftreiben würde, hatten sie bereits akzeptiert.


In den Sechzigerjahren hätte Volkswagen die vier Ringe am Montagewerk der Auto Union GmbH in Ingolstadt am liebsten durch das VW-Logo ersetzt. Es war kurz vor knapp, als Dr. Ludwig Kraus, ehemaliger Konstruktionschef für Rennwagenbau bei Daimler-Benz, die rettende Idee hatte. Heimlich ließ er von seinem Team ein neues Modell entwickeln, das sich vor allem durch zwei Dinge von der Konkurrenz abheben sollte: bessere Fahrleistungen und niedriger Kraftstoffverbrauch. Das bedeutete einen geringen Luftwiderstand und konsequenten Leichtbau. Beides ist ihm gelungen. Der Audi 100 S war mit 1060 kg Leergewicht ganze fünf Kilogramm leichter als der kleinere Audi Super 90.

Um die ungefederten Massen gering zu halten, wurde die Scheibenbremse vorne direkt am Getriebe angeflanscht - eine technische Kuriosität, die wir z.B. auch vom NSU Ro 80 kennen. Die eigenwillige Vorderachskonstruktion sollte erst ab dem Modelljahr 1975 verändert werden. Dann wanderten die innenliegenden Bremsscheiben nach außen und wurden an der Radnabe montiert. Aus dem Audi 80 wurde das Diagonal-Zweikreis-Bremssystem übernommen.

Der erste Audi 100 war ein großer Erfolg. Bis 1976 wurden 827.474 Fahrzeuge verkauft, davon 30.687 Audi 100 Coupé S. Ohne ihn wäre der Fortbestand der Marke Audi ohne Zweifel gefährdet gewesen.


Gleich am nächsten Tag radelte er zum Bauerngut Rothaus, vier Kilometer von seiner damaligen Heimat Breisach-Hochstetten entfernt, um das Geschenk zu betrachten. Und da stand, nein, steckte es: Audi 100 C1 L, Baujahr 1970, orangerot, bis zu den Schwellern in der Wiese versunken. Jens glitt auf den Fahrersitz. Äußerlich war das Fahrzeug intakt, der Boden allerdings war zerfressen. "Von vorne bis hinten konnte ich durchschauen", erinnert er sich. Ein Bekannter zog den Audi auf den Hof, füllte Luft in die Reifen und Sprit in den Tank, überbrückte und der alte Audi sprang an.

Das jähe Ende

Der 13-Jährige überlegte nicht lange, schmiss sein Fahrrad in den Kofferraum und steuerte seinen Besitz stolz nach Hause. Auch mit diesem Auto würde er auf den angrenzenden Äckern, mit dem Einverständnis des Bauern, seine Fahrkünste trainieren. "Damals krähte doch kein Hahn danach, ob ein Jugendlicher in einem Schrottauto auf einem Acker herumfährt". Jens lacht. Den Sprit holte er mit dem Fahrrad, Bundeswehrkanister, 20 Liter, das reichte für ein paar Tage.

Und Jens schonte den Audi nicht. Er übte sich im Driften, baute Schanzen, über die er springen konnte. Die frontgetriebene Limousine arbeitete sich gutmütig durch den Dreck. Bis zu dem Tag, an dem sie steckenblieb. Der Audi grub sich ein, Erde quoll durch die Löcher, die Räder drehten im Acker. Jens Püschel war verzweifelt. Wie sollte er seinen Audi da raus bekommen?

Er schlich zu der Garage der Eltern und holte den blauen Opel Kadett D seiner Mutter. Den 100er hängte er mal vorn, mal hinten an. Es dauerte Stunden, bis der Opel den Audi aus dem Acker gezogen hatte. Den Kadett stellte der Junge, erdverkrustet wie er war, zurück in die Garage. Der Audi überlebte das Spektakel nur noch kurz, das Donnerwetter zu Hause war groß.

Metallisch-süße Erinnerungen an die Kindheit

Im Laufe der Jahre hatte der junge Mann noch einige Audi 100. Da war der Graue, schon das Modell mit rechteckigen Scheinwerfern, flacher Motorhaube und Teppich im Innenraum. Auch sein Boden war durchgerostet, nur konnte man das nicht gleich sehen.

Als Jens Püschel 16 Jahre alt war, interessierte er sich mehr und mehr für Kfz-Technik, begann mit den ersten Karosseriearbeiten, baute aus zwei angeschlagenen Audi 100 einen vernünftigen, innen Flaschengrün, außen Iberischrot. Er wollte seine Leidenschaft zum Beruf machen, doch der Vater war dagegen und setzte sich durch. Nach der Mittleren Reife begann der 16-Jährige eine Lehre zum Industriemechaniker. Danach konzentrierte er sich auf seine Karriere, baute ein Haus, heiratete, bekam zwei Kinder. Nur die allererste große Liebe, diese metallisch-süßen Erinnerungen an die Kindheit, die ließen ihn nicht los.


Datenblatt von Charlotte

  • Audi 100 GL, EZ 03/1972
  • Vierzylinder-Ottomotor mit Fallstrom-Registervergaser, 1871 ccm, 112 PS
  • Bremssystem: mit serienmäßigem Bremskraftverstärker, vorne Scheiben (innenliegend), hinten Trommeln
  • Länge: 4625 mm
  • Breite: 1729 mm
  • Höhe: 1421 mm
  • Leergewicht: 1100 kg
  • Höchstgeschwindigkeit: 179 km/h
  • 0 - 100 km/h: 10,8 Sekunden
  • Verbrauch: 8,9 Liter auf 100 km
  • Neupreis (Modell 10/1971): 11.720,- DM

Die Suche beginnt

Mehr als 30 Jahre nach dieser ersten, verhängnisvollen Begegnung begann er mit der Suche. Seine Kriterien schränkten die Trefferquote erheblich ein: Erstzulassung im März 1972, wie sein Geburtstag, und flaschengrünes Interieur.

Im November 2016 fand er den passenden Wagen in Moers: Audi 100 C1 GL, 112 PS, 1.9-Liter-Vierzylinder. Warum der Motor damals nie mehr ansprang, hatte der Verkäufer nie herausgefunden. Der Audi stand trocken, rostete vor allem an den Kotflügeln, dafür weniger am Unterboden, und war ansonsten unversehrt. Jens Püschel bezahlte 2300 Euro und transportierte die türkisfarbene Limousine nach Hause. Noch am selben Abend taufte er sie Charlotte, auf den Namen der ersten Eigentümerin im Jahr 1972.

Die Wiederbelebung

Einen Tag nach Charlottes Ankunft machte er sich an die Fehlersuche. "Da waren sofort wieder all meine Erfahrungen von vor 30 Jahren". Er fand heraus, warum der Motor nicht lief. Es gab keinen Zündfunken, weil der Verteiler falsch eingestellt war. Und es kam kein Sprit, weil eine Kraftstoffpumpe aus dem Facelift-Modell verbaut war. Diese konnte mit dem Bakelitflansch des alten Modells nicht funktionieren. Jens stellte den Unterbrecherkontakt richtig ein und verbaute eine originale Spritpumpe aus seinem Lager. Dann setzte er sich auf den flaschengrünen Fahrersitz, startete den Motor, schaltete die Lichter ein und knipste das Radio an. Es fühlte sich an wie damals, mit 13.

Sie haben auch ergreifende Erinnerungen an ein bestimmtes Motorrad oder Auto? Dann schreiben Sie uns unter spon.mobilitaet@spiegel.de.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
flytogether 10.06.2019
1. Es ist so berührend,
diese Liebe zum Blechle wie die Schwaben sagen. Viele verstehen nicht wie man alter Technik verbunden sein kann, sie pflegt und hegt, Emotionen aufbaut und Freude daran hat. Es ist schön zu lesen dass es zur Wegwerfgesellschaft noch Alternativen gibt.
vulcan 10.06.2019
2.
Nicht gerade eine Schönheit, der Audi - weder außen noch innen. Aber Geschmackssache, und verstehen kann ich die Motivation allemal. Also viel Spaß und viel Glück mit dem Wagen! Zur Autorin: "Bei Meincken war es nicht anders. Ihre Automacke entwickelte sich noch im Mutterleib bei einer Tour mit dem Ford Bronco ihres Vaters." Wie bitte? Wie soll das denn gehen? Hat Baby Margret dann als erstes Wort 'Bronco' gekräht? :-) Wär' ja ganz niedlich, glaube ich aber nicht.
Airkraft 10.06.2019
3. Hatte ich auch mal.
Hatte ich auch mal. War die Inkarntion der Wegwerfgesellschaft. Da wurde bei einem Luftfilterwechsel zusammen mit dem Papiereinsatz auch gleich das Blechgehäuse weggeschmissen :-(
dasfred 10.06.2019
4. Ist jemandem das vorstehende Kofferraumschloss aufgefallen?
Der Opel Kadett hatte zu der Zeit eine spitz zulaufende Motorhaube. Mit solch einem Kadett bin ich als Fahranfänger langsam aus einer Parkbucht gerollt und habe diesem vor mir fahrenden Audi 100 das Kofferraumschloss eingedrückt. Zum Glück war der Fahrer sehr ruhig und verständnisvoll. Ihm war das erst kurz vorher schon einmal passiert.
hirsnemehism 10.06.2019
5. Zu Fahrzeugen dieser Baujahre…
…ist es noch MÖGLICH, eine Beziehung aufzubauen! Nicht zuletzt deshalb, weil sie es dem Besitzer (bei entsprechender Ahnung ) erlauben, selbst Hand anzulegen, wenn mal was kaputt geht. Das ganze Zusatzequipment wie Airbag, Klimaanlage, elektrische Fensterheber und elektronische "Helferlein", war bei den meisten damaligen Fahrzeugen schlicht nicht vorhanden und konnte deshalb auch nicht ausfallen. Damals reichten in etwa: Ein Hammer, je zwei verschieden große Schraubendreher für Schlitz- und Kreuzschlitzschrauben, sowie ein Maulschlüsselsatz von ungefähr 10-21mm, das Fahrzeug mobil zu halten. Ein Nusskasten und eine Prüflampe waren schon fast Luxus. Dazu hatte man überall am/im Auto genug Platz zum Schrauben, da tatsächlich nur der Motor unter der Motorhaube steckte und nicht noch etliche Zusatzaggregate. Also KONNTE man sich noch mit seinem Fahrzeug beschäftigen, was natürlich die Verbindung zu diesem stärkt, währenddessen nachfolgende Fahrzeuggenerationen bei Defekten meist zwangsläufig in eine Werkstatt müssen, weil entweder etwas Elektronische kaputt ist, man Spezialwerkzeug benötigt oder aber alles so verbaut ist, dass man an die zu reparierende Stelle gar nicht mehr herankommt ohne das Auto halb zu zerlegen.
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