Audi Grandsphere Concept Die neue Art, ein Auto zu bauen

Autos werden zunehmend anders konstruiert, E-Antrieb und autonomes Fahren ermöglichen es. Audi zeigt mit dem Grandsphere Concept, wie sich der Innenbereich radikal umnutzen lässt. Viele Ideen sollen in Serie gehen.
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Audi

»Vorsprung durch Technik« – kaum eine Automarke war so sehr mit ihrer Werbebotschaft verwoben wie Audi. Und keine hat die Kunden derart enttäuscht. Erschüttert vom Dieselskandal und geschwächt von ständigem Personalwechsel vor allem in der Entwicklungsabteilung ist aus dem Vorreiter längst ein Mitläufer geworden.

»Von dem Aufsteiger, der sich vor 30 Jahren auf Augenhöhe mit Mercedes und BMW gekämpft hat, ist Audi heute meilenweit entfernt«, sagt deshalb Autoexperte Stefan Bratzel von der Hochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach. »Audi muss ein Statement abgeben, wenn die Firma wieder vorne mitspielen will.«

Gelingt das womöglich schon auf der diesjährigen Auto- und Mobilitätsmesse IAA in München? Jedenfalls hat der Hersteller ein Projekt auf den Weg gebracht, das aufzeigen soll, wie sich das Automobil in den kommenden Jahrzehnten verändern könnte. Und dabei geht es nur mittelbar um elektrischen Antrieb und autonomes Fahren.

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Grandsphere Concept heißt der Luxusliner, den Audi enthüllt hat und der in der kommenden Woche auf der IAA steht. Obwohl als Nachfolger des A8 angekündigt, soll er sich gar nicht so sehr mit der S-Klasse von Mercedes und dem Siebener-BMW messen. Seine Aufgabe ist es, gleich neue Standards zu definieren, so stellt sich das Marc Lichte vor, Chefdesigner in Ingolstadt, ausgestattet mit voller Rückendeckung von Vorstandschef Markus Duesmann.

Lichte hat einen vollelektrischen Wagen von mehr als fünf Metern Länge gezeichnet, der sich schon äußerlich klar von typischen Oberklasselimousinen unterscheidet. Im Profil kommt er als Schrägheck daher. Das ist noch vergleichsweise unspektakulär, man kennt es etwa vom A7. Doch wer ums Auto herumläuft, erkennt die »kürzeste Audi-Motorhaube seit dem A2«, wie es Lichte umschreibt.

Am Heck überrascht die Studie zwischen durchgezogenen Dachbögen mit einer kleinen, gegen die Fahrrichtung geknickten Scheibe und einem klassischen Kofferraumdeckel dahinter. Anders als beim A7 bleibt das Gepäck so auch bei starkem Regen trocken.

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Audi Grandsphere Concept

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Der Blick von hinten offenbart einen weiteren Trick: Auch die Seitenscheiben sind ungewöhnlich weit ausgestellt und ziehen erst im oberen Drittel mit einem scharfen Knick ein. Das sieht eigenwillig aus, schafft aber so viel Platz für Schultern und Kopf, dass sich die Insassen wie in einem Cabrio wähnen.

Lichte weiß, dass er mit Konventionen bricht. »Wir waren immer dann erfolgreich, wenn wir mutig waren«, erinnert er sich aber an die Zeit, als Audi den Quattro-Antrieb erfunden oder die Aluminiumkarosserie populär gemacht hat.

»Die Kundschaft will progressiv erscheinen und deshalb progressive Autos«, sagt Designprofessor Lutz Fügener. »Die Tage der klassischen Stufenheck-Limousine sind gezählt.« Zudem ermöglicht und erfordert der Elektroantrieb andere Formen. Da geht es etwa um einen geringeren Luftwiderstand, um Reichweite zu gewinnen – das ist schon Teslas Model S oder dem Mercedes EQS anzusehen. Elektroantriebe brauchen auch weniger Kühlluft und deshalb keine mächtigen Grills mehr am Bug. Und so hat auch Lichte die Linien nicht ungewöhnlich geführt, um bloß zu provozieren.

Mit der Batterie im Boden und den kleinen Motoren an den Achsen werden die Überhänge kürzer und die Innenräume größer. Das hat Lichte zum Anlass genommen, das Auto »zum ersten Mal wirklich von innen nach außen zu denken«. Anders als bisher habe er deshalb erst die Kabine gezeichnet und danach die Karosserie drum herum.

Dann bittet er zur Sitzprobe in einem Auto, das seinem Namen Ehre macht: Groß ist der Raum bei knapp drei Metern Radstand und 5,35 Metern Länge allemal. »Wo A8 und Co. bislang Business Class sind, bieten wir künftig Platzverhältnisse wie in der first class«, verspricht Lichte.

Doch wer braucht dieses Wachstum eigentlich? Ist vielleicht die falsche Frage – was möglich ist, wird gemacht, dieses Mantra der Branche gilt auch in Zeiten von E-Autos und teilautonomem Fahren. Und so hat Audi weitere Ideen, wie innen noch mehr Raum entsteht.

Schläfchen während der Fahrt gefällig?

Wer auf das »A« im Kranz des futuristischen Lenkrades drückt, lässt damit das gesamte Cockpit hinter einer Konsole verschwinden. Die Pedale ziehen sich zurück, der Fahrer wird zum Passagier, und die kuscheligen Sitze bieten deutlich mehr Bewegungsfreiheit. Um 40 Grad neigt sich die Lehne nach hinten. In der Position lässt sich eine Videoprojektion über das gesamte Armaturenbrett genießen. Bis 60 Grad geht es weiter – Schläfchen während der Fahrt gefällig?

Der komfortabelste Platz im Auto ist nun in der ersten Reihe, nicht mehr hinten rechts. »Warum gegen eine Lehne schauen, wenn man vorne den besseren Ausblick hat?«, fragt Lichte aus dem Liegesitz heraus. Den Job des Chauffeurs übernimmt in dieser Studie ja das Auto.

Damit Autofahrerinnen und Autofahrer das alles im Verkehr erleben können, muss die Technik des autonomen Fahrens allerdings noch besser werden und das Regelwerk angepasst. Das Innenraumkonzept ist auf das autonome Fahren nach Level 4 ausgelegt, das noch nicht erlaubt ist.

Bislang ist lediglich Level 3 gestattet. Dabei darf der Fahrer die Hände zwar in den Schoß legen. Doch er muss binnen 30 Sekunden wieder das Kommando übernehmen können, zudem lässt der Gesetzgeber diesen Autopiloten nur auf der Autobahn bis Tempo 60 zu. Das beherrschen aktuell nur die S-Klasse  und der EQS von Mercedes.

Audi war schon bei der Premiere des aktuellen A8 so weit, hat dann aber die Geduld mit dem Gesetzgeber verloren und die Level-3-Funktionen doch nicht gebracht. Und so spricht Lichte beim Grandsphere von einer »Wette auf die Zukunft«. Doch selbst wenn es nicht von Anfang an klappen wird mit dem Computer als Chauffeur – der Designchef ist überzeugt, dass es in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts klappt.

Bis dahin vertrösten die zwei Elektromotoren mit 530 kW, ein Sprintwert (0 auf 100 km/h) von weniger als vier Sekunden und eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 200 km/h. Zumal der Akku mit seinen 120 kWh über 750 Kilometer Reichweite verspricht und dank 800-Volt-Technik schnell zu laden sein sollte.

Der Grandsphere ist kein Unikat, das nur die Fantasie anregen soll, Audi hat für ihn konkrete Pläne. Und obwohl den Wagen nur Reiche besitzen werden, dürfte er die Entwicklung von günstigeren Fahrzeugen mit ähnlichen Merkmalen erleichtern

Das gilt insbesondere für die neue Art der Raumnutzung. Das digitale Erleben, die Licht- und Duftwelt sowie der Sound sollten mühelos auf andere Autos übertragbar sein. Da braucht es keine langen Radstände mehr und keinen ledernen Innenraum. Die Minibar und den Trinkwasserspender zwischen den Sitzen wird es für einen A3 so schnell sicher nicht geben.

Und so wird Audi für den Grandsphere schon vorweg gelobt. »Lange waren die bei der Entwicklung mit angezogener Handbremse unterwegs, aber unter der neuen Führung geht es sehr dynamisch in eine neue Ära«, sagt Automobilwirtschaftler Ferdinand Dudenhöffer. »Mit dieser Dynamik haben sie gute Karten, BMW im Premiummarkt bald zu überholen.«

Auch Stefan Bratzel sieht die Bayern mit solchen Studien auf einem guten Weg. Doch knüpft er daran eine gewisse Erwartung: »Der Rechnung wird nur aufgehen, wenn Audi diese fantasievollen Versprechungen in zwei, drei Jahren auch einlöst.«

Designchef Marc Lichte kann damit leben: »Denn was wir da in München zeigen, ist zu 75, 80 Prozent das fertige Auto. Die Überraschung beim nächsten A8 wird sein, dass es dann keine Überraschung mehr gibt.«

Thomas Geiger ist freier Autor und wurde bei seiner Recherche von Audi unterstützt. Die Berichterstattung erfolgt davon unabhängig.