Ausfahrt im Porsche 911 Heute ein Rowdy

Rücksichtslos, vollgasfixiert und ökologisch unterbelichtet: Porsche-Fahrer haben keinen guten Ruf. Verdirbt ein 911 den Charakter? Oder liegt es vielleicht doch am Fahrer? Thomas Hillenbrand machte auf der Strecke Hamburg-Zuffenhausen einen Selbstversuch.

Als uns der Carrera schneidet, verliert mein Beifahrer Alex die Contenance. "Verdammter Porsche-Penner", flucht er, "alles Arschlöcher, ohne Ausnahme!"

"Jetzt übertreibst du aber", entgegne ich, "okay, der Typ ist etwas flott unterwegs. Aber wer so ein schönes Auto fährt, kann doch kein ganz schlechter Mensch sein."

Zwischen Maschen und Walsrode muss ich mir daraufhin einen Monolog über die Verderbtheit des Porsche-Fahrers anhören. Einen Elfer, so Alex' Theorie, kauften nur Vorstandschefs, überbezahlte Medienfuzzis und Banker - "sui generis alles moralischer Sondermüll". "Und wenn man halbwegs anständige Menschen in so ein Geschoss setzt?", frage ich. "Dann mutieren sie", postuliert mein Beifahrer. "Liegt am Drehmoment. Korrumpiert jeden."

Hamburg-Bremen

Einige Wochen später sitze ich in einem Porsche 911 Carrera 4. Ich werde von Hamburg via Essen nach Zuffenhausen fahren - und dabei anständig bleiben. Kein Drängeln. Keine schnellen Spurwechsel. Und vor allem keine Geschwindigkeitsübertretungen.

Diese wohlfeilen Vorsätze einzuhalten, ist zunächst ziemlich einfach. Als ich mich auf die Autobahn Richtung Süden schlängele, schüttet es wie aus Eimern und die Straße ist gerammelt voll. Als der Verkehr vor Bremen zum Erliegen kommt, notiere ich in meinem Reporterblöckchen: "911er fährt bei 35 km/h supi".

Bremen-Münster

Der Verkehr lichtet sich, doch ich bleibe rechts und halte mich eisern an die vorgeschriebenen 100 km/h. Ein junger Mann im tiefergelegten Polo zieht an mir vorbei und schaut mich entgeistert an. Wahrscheinlich denkt er "Wieso zockelt der Porsche-Idiot auf der rechten Spur dahin?"

Die meisten Leute haben falsche Vorstellungen von Sportwagen. Vorurteil Nummer eins: Ein Elfer ist spartanischer als ein normaler Pkw - man sollte seine Strecke folglich schnell abreißen, denn nach wenigen Stunden tut einem das Kreuz weh. Das ist Quatsch. Dieses Auto wird für solvente Mittvierziger mit breitem Hintern und ramponierten Bandscheiben gebaut. Porsche-Sitze sind bequemer als die einer C-Klasse. Das Interieur sieht nach Luxuslimousine aus und nicht nach Nordschleife.

Vorurteil Nummer zwei: Sportwagen fahren ist vergleichbar mit dem Ritt auf einem übellaunigen Stempelhengst. Wer keine Übung hat, fliegt aus der Kurve. Auch das ist Kokolores: Der Elfer hat ein siebengängiges Automatikgetriebe, Allradantrieb und eine elektronische Traktionskontrolle. Selbst ein zweitklassiger Autofahrer wie ich macht in so einem teuren Stück Technik bella figura. Es gibt Autoscooter, die schwerer zu steuern sind.

Münster-Essen

Das kapiere ich, als mich ein geisteskranker Audi-Fahrer zwingt, bei 160 km/h im Sprühregen blitzschnell die Fahrbahn zu wechseln. Ich reiße das Steuer herum und harre der Leitplanke. Stattdessen springt der Porsche brav in die rechte Spur. Ich erwäge, den Audi-Idioten mordsmäßig zu versägen. Doch das sind unkeusche Gedanken. Ich will ja vernünftig fahren.

Nachdem ich bei Essen-Rüttenscheid abgefahren bin, fällt mir das zunehmend schwer. Sich in einem Elfer auf der Autobahn an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, ist leicht. In der Stadt ist es nachgerade unmöglich. Schuld ist nicht nur der viel zu große Motor, sondern auch das Doppelkupplungsgetriebe .

Letzteres schaltet so unauffällig, dass man es kaum mitbekommt - und schon bin ich wieder bei 70 km/h. Die anderen Autofahrer gucken grimmig. Ist mir auch irgendwie unangenehm. Aber was kann ich dafür, dass der Porsche so schnell ist.

Essen-Frankfurt

Weil die Autobahn fast leer ist, kann ich auf die Tube drücken. Das ist ganz nett - aber beeindruckender als die Beschleunigung ist die Keramikbremse. Sie ist eine Sonderausstattung und kostet mehr als ein Dacia Logan nebst Extras. Ich fahre jetzt viel dichter auf als noch vor einigen Stunden. Warum auch nicht? Ich brauche keine hundert Meter Sicherheitsabstand. Ich habe ja die Superbremse.

In Kombination mit dem Allradantrieb und den 345 PS erscheint mir der Elfer inzwischen wie ein Teleporter. Man guckt sich einen Punkt auf der Straße aus, betätigt einige Hebel und ist - wroamm, quietsch, zack - dort. Dazwischen ist nichts - außer irgendwelchen anderen Autos, die ich nicht mehr richtig wahrnehme.

Frankfurt-Zuffenhausen

Es ist, als ob alle anderen Verkehrsteilnehmer eine Kurpackung Diazepam intus hätten. Wobei: Teilnehmer ist nicht das richtige Wort. Die anderen Autos auf der Straße sind keine beweglichen Objekte. Sie sind Slalomstangen, die ich elegant umfahre.

Irgendwo kurz vor Stuttgart überhole ich einen VW Touran und setze mich rechts vor ihn - vielleicht ein wenig zu flott, aber der Elfer liegt ja bombig auf der Straße. Ich kann im Rückspiegel sehen, dass der Fahrer mir einen Vogel zeigt und wütend gestikuliert. Dann sagt er etwas zu seinem Beifahrer. Ich bilde mir ein, dass seine Lippen das Wort "Porsche-Arsch" formen.

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